Kaum einer hat während seiner Schrauberkarriere mehr polarisiert als Marcus Walz. Doch wer 32 Jahre in diesem Geschäft beständig und erfolgreich ist, hat sich redlich verdient, dass sein sage und schreibe eintausendstes Motorrad, eine BMW R 100 RS ein würdigen Platz bei uns findet

Wir kennen uns seit weit über zwanzig Jahren und deshalb darf ich zu Marcus »Langer« sagen. Langer ist kurpfälzisch und bedeutet nix weiter. Man könnte auch Apparat sagen oder Kapazität, mit der richtigen kurpfälzischen Aussprache bezeichnet das alles das Gleiche: Einen echten Typen halt. Lustig ist übrigens, dass der Marcus auch zu mir manchmal Langer sagt, obwohl ich eindeutig kein Typ und einssechzig groß bin. Find ich total witzig und bin damit beim Thema. Denn mit kaum einem Vertreter der deutschen Custom-Szene habe ich mehr gelacht als mit dem Langen.

Lieber Race Track als Main Street

Dabei wird ihm mit Sicherheit hier und da fehlender Humor nachgesagt, so, wie ihm vieles nachgesagt wird. Außerdem weiß ich über kaum einen der deutschen Profi-Schrauber mehr. Das liegt zum einen daran, dass ich vor ein paar Jahren seine Autobiographie geschrieben habe, zum anderen daran, dass wir ihn, genau wie viele andere Customizer, über dreißig Jahre lang begleitet haben. Jetzt also das 1000. Motorrad, eine BMW – und dabei weiß jeder, dass eigentlich alles mal anders begonnen hatte.

Die Blinker sind kaum zu erkennen, sie sitzen an den Seiten der angepassten Harley- Lampenmaske, in der LED-Licht hinter gelbem Glas leuchtet

»Die Hardcore-Bikes zähle ich da schon dazu«, erklärt mir Marcus, als ich im Kopf zu rechnen beginne. Vor 32 Jahren hatte der Heidelberger angefangen, professionell Mopeds zu bauen und die Hardcore-Ära war eine wichtige. Für den Customizer Walz genauso wie für das Selbstverständnis der deutschen Profiwerkstätten. Auch wenn die Person Walz oft polarisiert hat, war ihr Anteil am Erfolg der Custombikes made in Germany genauso unbestritten wie der von Kodlin, Habermann, Thunderbike und Co. Dass Marcus irgendwann keine Lust mehr auf das Hardcore-Stereotyp hatte, ist durchaus nachvollziehbar. Dass es schließlich sportliche BMW-Umbauten werden würden, eine nachvollziehbare Entscheidung, fühlte Marcus sich doch privat immer eher auf der Rennstrecke heimisch als auf Daytonas Main Street.

BMW R 100 RS – Einmal alles Neu

Seit einigen Jahren also entstehen im ­WalzWerk nun die Schizzo-BMWS, nach einer Art Baukastenprinzip aufgebaute Zweiventil-Boxer in verschiedenen Versionen. Die meisten Bestellungen entfallen aufs Modell Cafe Racer, klar, dass Nummer 1000 diesem Prinzip folgen würde. Dass die Basis-BMW R 100 RS aus dem Jahr 1990 stammt, ist kein Zufall: »Als die gebaut wurde, habe ich gerade mein Business begonnen«, Walz legte schon immer Wert auf solche Details. Wie jede Schizzo beginnt es auch bei dieser mit einmal komplett ausziehen. Wie der Bayer ihn schuf, steht der Rahmen dann da und wird neu aufbereitet. Alle Schweißnähte einmal nachziehen und sandstrahlen, dann erst ist er würdig. Der Heck-Hilfsrahmen stammt aus dem eigenen Regal, ebenso wie der GT-Sitz, der sich im Design an die Rennsitze alter Ford GT40 anlehnt.

Aus optischen Gründen fiel die Wahl auf die Firestone- Bereifung, aber auch Contis sind alternativ möglich. Wie vorn sind auch hinten die Blinker (als 3-in-1-Kombi) gut versteckt, hier im Heckrahmen

Auch der Zweiventil-Boxer zeigt sich in Bestform: Der Hubraum wächst zwar nur bescheiden von 980 ccm auf einen vollen Liter, aber dank optimierter Mahle-Kolben, darauf abgestimmter Zylinderköpfe mit größeren Ventilen, Racing-Nockenwelle und erhöhter Kompression gibt’s einen ordentlichen Power-Zuschlag. Dazu eine feingewuchete Kurbelwelle und neue Dell’ Ortos – und schon sind wir bei rund 85 PS ­Leistung. Auch das Äußere darf exquisit glänzen, wird perlgestrahlt und klarlackiert. Dort, wo normalerweise die Airbox sitzt, verstecken sich nun die meisten Kabel.

Geschmackvoll, keine Frage

Die Batterie sitzt unsichtbar unterm Getriebe. Das Frontend bleibt im Herzen konventionell, wurde aber um fünf Zoll abgesenkt und mit progressiven Federn verstärkt. Die unteren Gabelholme sind neu, kurz und schwarz gepulvert, die geduckte Haltung die Folge. Die Hinterradaufhängung wurde gegen ein »Sidewinder«-Kit ausgetauscht, ein speziell für die BMW-R-Serie spezifisches Setup, das vom niederländischen Suspension Store, dem YSS-Vertriebspartner, entwickelt wurde. Klar auch, woher demnach die Dämpfer stammen. Das komplette Kit wurde an diesem Motorrad überhaupt das erste Mal verbaut, richtig exklusiv also.

Clean konnte Walz schon immer: Das Cockpit ist dank Tastschaltern, sauberen Armaturen und Rundtacho sehr aufgeräumt

Nummer 1000 rollt auf WalzWerks eigenen 18-Zoll-Speichenrädern mit schwarzen Naben, gebürsteten Felgen und Edelstahlspeichen. Die Firestone-Reifen waren eine ästhetische Wahl, auch eine Lösung mit Continental-RoadAttack-Gummis ist aber möglich. Auch die doppelten vorderen Bremssättel und -scheiben stammen aus dem eigenen Programm und sind an Wunderkind-Bremsleitungen angeschlossen. Im Hinter­rad bremst immer noch eine Trommel, aber die WalzWerk-Crew hat den äußeren Rand der Nabe aufgebohrt, um die Kühlung zu optimieren. 

BMW R 100 RS

Viele feine Teile also, aber etwas ganz anderes steht im Zentrum. Marcus entschied sich beim Spritgefäß für den Tank einer Ikone, der Honda CB 750 F1. Neu tunneln, kürzen und in der Höhe reduzieren, so passt das Ding perfekt. Lackiert in der Porsche-Farbe »Beige-Grau« aus den 60er-Jahren, trägt er Marcus’ Leidenschaft für schnelle, deutsche Autos Rechnung. »So gar nix von Harley«, wollen wir wissen. »Doch«, grinst Marcus, »die Lampenverkleidung kommt von Harley, die war noch immer für vieles gut.« Modifiziert ist sie freilich, beherbergt einen LED-Scheinwerfer und ein Paar winzige Blinker. Dahinter ist der Tacho versteckt. Komplettiert wird das Cockpit von den Clip-Ons, cleanen Hebeln und Tastschaltern. 

Clean konnte Walz schon immer: Das Cockpit ist dank Tastschaltern, sauberen Armaturen und Rundtacho sehr aufgeräumt.

Das ist edles Understatement und ergibt in Summe ein wirklich hübsches Motorrad. Geschmack hatte der Lange schon immer, muss man einfach sagen.

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.