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Alles andere als eine blitzsauber geschraubte Showkarre ist Rolfs Yamaha XS 650 im Fiedler-Rahmen. Aber dafür ein rotziges Sportgerät der Extraklasse – viel Spaß dann auch.

Leute wie Rolf sind das Salz in der Custom-Suppe. Ganz schön eigen, ziemlich unangepasst, aber immer Macher und Antreiber mit verrückten Ideen. Würden wir solche Menschen in unserem Schrauberuniversum nicht haben, dann würde uns schon ein bisschen was fehlen. Rolfs coole Kleiderbude »Krautmotors« kennen Szene-Insider sowieso. Im Rhein-Neckar-Gebiet ist er außerdem seit vielen Jahren bekannt für die Austragung geheimer Zweirad-Wettbewerbe wie die »Grüne Hölle« oder das »Bierschaumblasen«, war Mitbegründer des ersten Gentleman’s Ride in Heidelberg – gerne erinnern wir uns auch an die illegalen Achtelmeile-Races, die in Mannheim Ende der 90er Jahre liefen, was war das immer ein Vergnügen.

Winziger Tank, viel offene Technik, nur eine Trommel hinten, die schnell gedengelte Sissybar – irgendwie passt das doch ganz gut

Und Rolf war auch der Anheizer hinter den »Starr Wars«, dem Sprint auf starren Bikes im Mann-gegen-Mann-Duell. Erst heimlich in Mannheim, dann offiziell ausgetragen im Rahmen des Glemseck-101-Treffens. Und eben dafür brauchte Rennleiter Rolf fürs letzte Jahr ’ne adäquate Karre. Fündig wurde er auf Facebook, wo unser aller guter Szenefreund Lars »Brauchi« Justinger seine Yamaha XS 650 im Fiedlerrahmen zum Kauf anbot.

Zündung einstellen ist bei diesem Bike etwas problematisch

Brauchi war wenig damit gefahren, wollte die Zündung neu einstellen, danach lief die Yamaha gar nicht mehr. »Zündung einstellen war bei dem Bike etwas problematisch, weil es keine Markierungen mehr gab«, erklärt uns Rolf,. »Die Markierungen sind normalerweise auf dem Polrad, das aber, weil die originale Lichtmaschine defekt war von einem Vorbesitzer durch eine Auto-Lichtmaschine ersetzt worden ist. Der Brauchi war komplett damit überfordert und hatte die Schnauze voll, deshalb hat er sie verkauft.«

»Klare Sache: Stummel müssen sein, Sitz so spartanisch wie möglich und unbedingt eine Verkleidung«

Die XS war ziemlich hässlich, aber nach zwei Stunden Arbeit hatte Rolf sie zum Laufen gebracht. Danach macht Rolf, was er vorm Aufbau immer tut, »alles ab und das nackte Motorrad wirken lassen.« Schnell ist die Richtung für den Racer klar, Stummel müssen sein, ein kleiner Tank, der Sitz so spartanisch wie möglich und eine Verkleidung. So träumt der Rolf also vor sich hin, passieren tut aber nichts und plötzlich sind es noch zwei Wochen bis zum Glemseck-Race, wird also langsam Zeit.

Yamaha XS 650 mit zersägter GSX-R-Verkleidung

»Ich hatte eigentlich eine Habermann-Verkleidung für das Bike vorgesehen. Die war aber zu klein und ich brachte es nicht übers Herz, sie zu zersägen. Die ist nämlich schon 25 Jahre bei mir«, erklärt Rolf die Nöte eines Schraubers. Auf eBay entdeckt er für kleines Geld die Fairing einer GSX-R und kauft. Auch die passt nicht, aber das Zersägen tut in dem Fall nicht wirklich weh. Elf Teile sind es am Ende, der Doppelscheinwerfer fliegt raus, ein großer runder – »Keine Ahnung, wo der her ist« – kommt rein, alles neu zusammensetzen, passt. 

Frei Schnauze modifiziert: Per Zahnriemen angetriebene Autolichtmaschine, hydraulisch betätigte Kupplung und Raask-Mid-Control-Fußrastenanlage

Der Tank einer 125er Honda ist alt und zeigt auf der Probefahrt seine Zweitqualitäten als Nudelsieb. Ersatz ist auf die Husche nicht aufzutreiben, das Rennen am Glemseck muss später mit einem Ersatzbehälter von Louis gefahren werden. Das Heck wird unter Zeitdruck aus dem gemacht was da ist, wie auch die Sissybar. »Da kann man später mal Rücklicht und Nummernschild festmachen«, sinniert Rolf, der übrigens in seinem Wahn von lang und niedrig ganz vergessen hatte, dass seine Fahrerin Janine nur 1,67 m groß ist.

Yamaha XS 650 mit zusammengeschweißten Triumphrohren

Damit kommt sie zwar an den Stummel, aber für eine Lenkbewegung langt es nicht mehr. »Mit einem dicken Polster auf dem Sitz hat das dann doch noch geklappt, geht ja eh nur geradeaus«, grinst der Rolf. Mittlerweile hat er einen Telefix montiert, auch das Problem gelöst. Noch geschwind einen Auspuff aus alten Triumphrohren zusammengeschweißt und das Ganze schick weiß lackiert. Ab zum Glemseck, wo Janine im ersten Lauf richtig gut startet, aber knapp gegen einen BMW-R5-Werksrenner verliert, »zwei Wochen Arbeit für zehn Sekunden, na ja.«

Der Dell’Orto grinst sich eins, viel mehr braucht es am Motor auch nicht

Später hübscht Rolf seine Yamaha nochmal auf: Yamaha-Tank, die Sitzplatte mit dem Dremel graviert (inklusive Rechtschreibfehler), frisch drübergestrichen in Himmelblau und dem Motto »Make Race not War«. Später wird die XS noch eine Fiedler-Hinterradfederung und ein, zwei Kleinigkeiten bekommen, danach gehts zum TÜV. »Und mal sehen, was renntechnisch noch so geht«, schmunzelt Rolf. 

»Beglückwünscht« hätte Brauche gesagt

Einen hätte die ganze Story hier übrigens bestimmt gefreut. Ein paar Wochen, nachdem Rolf die Yamaha gekauft hatte, verstarb Vorbesitzer Brauchi bei einem Motorradunfall. Die Szene in Deutschland nahm großen Anteil an seinem Schicksal, denn Brauchi war einer aus unserer Mitte, bekannt von vielen Treffen und auch aus unserem Magazin. »Beglückwünscht«, hätte er gesagt, als Janine die XS über die Achtelmeile gejagt hatte, »beglückwünscht.«

Info |  krautmotors.de

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.