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Diese Yamaha RD 250 von Simon Engel beweist, dass Zweitakter längst nicht in Vergessenheit geraten sind, auch wenn wir sie kaum noch im Straßenbild wahrnehmen.

Viele von uns gehen den klassischen Schrauberweg, der in den meisten Fällen irgendwo in der Mofazeit seinen Anfang nimmt. Auch Simon macht mit Mofas der französischen Marken Peugeot und Mobylette die Straßen seiner Heimat unsicher. Die knatternden Zweitakter sind eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz für die dominierenden Mofas aus den Häusern Kreidler, Hercules und Zündapp.

Verstohlener Blick auf die kraftvollen Reihenvierzylinder

Und natürlich wird umgebaut, was umzubauen geht, um die Karren schneller zu machen. Auf die Mofas folgen die leistungsstärkeren Mopeds und der verstohlene Blick auf die kraftvollen Reihenvierzylinder aus der Kawasaki-Z-Reihe oder der Honda CB 750 Four.

Fast zwei Jahre hat der Umbau des Scheunenfundes gedauert. Der Zustand war katastrophal, der Rost eines der Hauptprobleme. Im Zuge des Umbaus wurde die Yamaha komplett zerlegt, jedes einzelne Teil aufgearbeitet oder ersetzt

»Sowas wollte ich immer haben, und Schrauber wollte ich sein«, erzählt Simon. Doch der berufliche Weg nimmt eine andere Wendung und aus dem Schrauber wird ein Koch, der überwiegend am Herd steht. Es sollte Jahre dauern, bis aus dem Motorradfahrer ein Schrauber wird, wenn auch nur in seiner Freizeit. 

»Schwelbrand in meinem Kopf«

Nach einer beruflichen Veränderung kommen auch »normalere« Arbeitszeiten, sodass der »Schwelbrand in meinem Kopf«, endlich zum Feuer wird. Im Sommer 2013 stolpert Simon über die CUSTOMBIKE und ist fasziniert von den Umbauten, die das Magazin füllen.

Den Zündungsdeckel hat Simon von Carsten Estermann gravieren lassen, mit dem Baujahr der RD

»Von Heft zu Heft wurde mein Plan klarer, ein billiger Scheunenfund musste her, aber was, wenn man von Technik oder eigentlich von allem keine Ahnung hat?«. Nur die Kategorie ist inzwischen sicher, es muss ein Cafe Racer werden. Ein Besuch beim Glemseck 101 wird zur Initialzündung. Die Mopeds, die Szene, die Leute, alles fasziniert ihn. Selbst seine Frau teilt seine Begeisterung und wird ihm fortan den Rücken stärken. 

Yamaha RD 250 – Scheunenfund

Dann beim Aufräumen fallen ihm Fotos seines ersten Motorrades in die Finger. Gerade achtzehn Jahre alt geworden, leistete er sich 1982 eine Yamaha RD 250 1A2. Zweiunddreißig Jahre später, im Oktober 2014, schießt er sich bei Ebay eine Yamaha RD 250, Typ 352, einen »Scheunenfund«.

Der betagte Zweitaktmotor wurde ebenfalls komplett zerlegt und neu aufgebaut. Die Zylinder wurden gehohnt und Übermaßkolben eingesetzt. Hinter den dekorativen Seitendeckeln befindet sich nun der ehemalige Öltank, der jetzt als Staufach dient

Gerade einmal 590 Euro kostet der Schrotthaufen, wie Simon ihn bezeichnet. Es ist der erste Tag seiner persönlichen Schrauberlehre, einer Zeit leidvoller Erfahrungen und bitterem Lehrgeld. Einst sagte der deutsch-kanadische Aphoristiker Willy Meuerer »Erfahrung ist das, was man erhält, wenn man nicht bekommt, was man wollte.«

Die betagte Yamaha entpuppt sich als echte Herausforderung

Für Simon wird es zum Mantra, denn die betagte Yamaha entpuppt sich als echte Herausforderung. Mangels Kenntnis weiß er weder worauf er achten muss, noch, was alles auf ihn zukommt. Doch manchmal ist auch der Weg das Ziel und Herausforderungen das beste Mittel, um uns voranzubringen. 

Das Serieninstrument musste für modernen Ersatz des Instrumentenspezialisten T&T Platz machen

Der Tank ist so sehr gespachtelt, dass er auf der rechten Seite mindestens eineinhalb Kilogramm schwerer ist als auf der linken. Zudem ist der Tankdeckel gebrochen und Ersatz nur schwer zu beschaffen. Die Liste der zu erledigenden Arbeiten wird immer länger, begleitet von einem Rostproblem, das die Yamaha befallen hat. Simon raucht der Kopf, denn es sind so viele Sachen zu machen, dass er dringend fachkundige Hilfe braucht.

Das Ego möchte alles alleine erschaffen

Eine gute Selbsterkenntnis, losgelöst vom Ego, das am liebsten alles alleine erschaffen möchte. Den richtigen Mann findet er in Thorsten Stuber, in dessen Werkstatt er fortan die richtige Anleitung bekommt und dem er auf die Finger schauen darf.

Wenn man von einem Cafe Racer spricht, dürfen zwei Dinge nicht fehlen: Der Stummel- oder M-Lenker und natürlich der Höcker, der aus dem Zubehörhandel stammt und an die Yamaha angepasst wurde

»Trotzdem sollte es mein Projekt bleiben, und ich habe versucht, so viel wie möglich selbst zu erledigen. Für professionelle Schrauber mag es lächerlich und banal klingen, doch für mich war es fast wie Meditation, abends in der Werkstatt zu stehen und jedes Teil zu zerlegen und aufzubereiten.

Yamaha RD 250 – Cafe Racer im Stil der siebziger Jahre

Mein Ziel war es, aus der RD einen Cafe Racer im Stil der siebziger Jahre zu machen.« Um alles wieder zusammenzusetzen, besorgt er sich ein verschlissenes Reparaturhandbuch, fotografiert und dokumentiert jeden Arbeitsschritt, sortiert und beschriftet alle Teile, verpackt sie in Tüten oder Kisten. Eine enorme Hilfe, wie sich später herausstellen wird. 

Die Yamaha wächst indessen Schritt für Schritt, gewinnt ganz langsam den alten Glanz zurück. Ein umgebauter Höcker bildet das neue Heck, in dem jetzt Batterie und Elektrik eine neue Heimat finden. Ein neuer Kabelbaum komplettiert die Stromversorgung. Das Zündschloss wird bei der Gelegenheit gleich unter den Tank verlegt.

Yamaha RD 250 – Gutes Gemisch im Tank

Dann muss die Ölpumpe weichen, denn Simon setzt nach ein paar Recherchen auf gutes Gemisch im Tank, statt auf Getrenntschmierung. So kann er auch das Rahmendreieck cleanen, den Öltank zum kleinen Staufach umfunktionieren. Die Seitendeckel mit ihrem klassischen Look behält er aber bei. 

Das Herz, der sägende Zweitakter, wird überholt und für die kommenden Jahre fit gemacht. Gehohnte Zylinder und Übermaßkolben heben, in Verbindung mit einer elektronischen Zündung, Leistung und Drehmomentverlauf der RD 250 spürbar an.

Er spuckt, knallt, knattert und stößt feinste Zweitakterwolken aus

Ein persönliches Highlight ist für Simon der Lichtmaschinendeckel, den er von Carsten Estermann gravieren lässt. Der Rest sind Arbeiten an Lenker, Armaturen, Instrumenten und der Beleuchtung. Als der Zweitakter zum ersten Mal seit einer kleinen Ewigkeit wieder zum Leben erwacht, spuckt, knallt, knattert und stößt feinste Zweitakterwolken aus den Auspuffrohren.

»Hölle dem, der hinterherfährt«, grinst Simon. Auch die gewaltigen Firestones bereiten am Anfang Probleme, schränken aufgrund ihrer Dimensionen das Handling ein. Doch dass die Fahreigenschaften nicht denen eines Rennmotorrades entsprechen, stört Simon nicht. »Nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran und dann lässt sich die Yamaha doch ganz flott um die Kurven treiben.« 

Das nächste Projekt steht auch schon in den Startlöchern

Am Ende bleibt nur noch der pure Stolz auf das Geleistete, aber vor allem die Gewissheit,  dass man seine Träume niemals begraben sollte. Das nächste Projekt steht auch schon in den Startlöchern. Eine Honda CB 250/360 G, denn Simon hat vor kurzem erst einen dieser begehrten Honda-Schlüsselanhänger aus den Siebzigern auf einem Flohmarkt erstanden. »Das schreit doch geradezu nach einem coolen Mopped.«