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Extremebikes aus Freiberg steht für extreme Umbauten, egal welcher Art. Diese Harley-Davidson V-Rod bildet da keine Ausnahme, im Gegenteil. Sie treibt alles noch ein wenig weiter auf die Spitze.

Rennsport lautete der Hauptbegriff, als Etienne Geraus Kunde seinen ungewöhnlichen Wunsch vortrug. Kein Wunder also, dass eine Rennverkleidung das stilbildende Element am Bike sein sollte. »Wir haben für diesen Kunden schon Motorräder umgebaut. Er kommt aus dem Rennsport und ist immer auf der Suche nach neuen Ideen. Diesmal wollte er etwas auf Harley-Basis, aber mit Leistung. Gleichzeitig sollte es auch zuverlässig sein, da ging an der V-Rod kein Weg vorbei. Und er wollte natürlich eine Rennverkleidung, angelehnt am berühmten Lotus-Bike«, so Extremebikes-Inhaber Etienne.

Harley-Davidson V-Rod – Die Extremebikes-Mannschaft hat freie Hand

Für die Freiberger Customizer nichts Ungewöhnliches, machen sie doch immer wieder ihrem Namen alle Ehre und bauen echt extreme Motorräder auf oder einfach nur um. Trotzdem war die Vorgabe eine Herausforderung, denn eine derart großflächige Verkleidung inklusive Lampenmaske, Gabelcover und Heckteil bindet viel Ressourcen, zusätzlich zum ohnehin vollgepackten Tagesgeschäft. Nach den Vorgaben des Kunden arbeitet Etienne ein Konzept aus, legt das Design fest und sucht Komponenten heraus, die den Ansprüchen eines derart sportlichen Bikes gerecht werden. »Wir haben uns zusammengesetzt und besprochen, welche Teile passen, welche Sinn ergeben und was wir wirklich brauchen.« Ein Budget gibt es nicht, stattdessen hat die Mannschaft freie Hand – man vertraut sich.

Extremebikes zeigt, was wirklich extrem ist: aus einer V-Rod einen vollverkleideten Racer zu machen, der seinem Vorbild verdammt nahe kommt. Dazu ein Wassertransferdruck in Carbon-Optik, der das Bike zum echten Hingucker macht

Ein Wunsch waren vor allem leistungsfähige Bremsen. Die liefert Spezialist NLC. Die gefrästen Sechskolbenzangen dürften in Verbindung mit den Wave-Bremsscheiben mit dem Gewicht der V-Rod Muscle kaum Probleme bekommen. Auch bei den Armaturen erfolgt ein Austausch der Serienteile. Etienne entscheidet sich für TRW-Stummellenker, die durch Brems- und Kupplungshebel von Roland Sands Design ergänzt werden. Da im Zuge des Umbaus auch die Elektrik modifiziert und verschlankt wird, kommen nun Taster des gleichen Herstellers zum Einsatz. Ein kleines Zentralinstrument von MMB ersetzt den klobigen Serientacho.

Harley-Davidson V-Rod – Salt-Sea-Racer

Auch am Fahrwerk wird Hand angelegt, YSS liefert ein neues Paar Stoßdämpfer, die wesentlich besser zum Salt-Sea-Racer, oder kurz SSR getauften Bike, passen. Einen weiterer großen Brocken im Umbaukonzept bildet der Heckumbau. »Die V-Rod hat eine fallende Linie, der Fahrer sitzt ziemlich tief. Um das auszugleichen und die gewünschte Optik für das Bike zu erreichen, mussten wir einen neuen Subframe konstruieren.« Im Zuge dessen ist aber auch ein neuer Tank notwendig, denn das Kunststoffgefäß, das sonst unter dem Sitz und vor dem Hinterrad platziert ist, passte nun nicht mehr.

Kleine Blinker …

»Kein Problem für uns. Wir bauen öfter V-Rods um und haben einen neuen Tank aus Glasfaserkunststoff hergestellt, der perfekt zum Umbau passt. Und es passen immer noch vierzehn Liter rein.« Den Tankstutzen platzieren sie gut zugänglich ins Heckteil. Die restlichen Arbeiten wie Spiegel, Kennzeichenträger und andere Kleinteile sind Routine. Beim Auspuff fällt die Entscheidung zugunsten eines extrem kleinbauenden Topfes von Ixil. »Allerdings musste der Motor dafür neu abgestimmt werden«, ergänzt Etienne, »sonst hätten wir einen Leistungsverlust hinnehmen müssen.«

Die Modellierung der Verkleidung wird mittels Bauschaum vorgenommen

Das Meisterstück schlechthin bildet aber die Vollverkleidung samt ihrer ergänzenden Teile an Gabel, Scheinwerfer und Heck. Da lediglich die Vorgabe klar war, fertigt Etienne zuerst Zeichnungen an und überträgt die Dimensionen. »Unser Design ist 1,2-fach größer als das Lotus-Bike, entsprechend habe ich alles ins richtige Verhältnis setzen müssen.« Anschließend folgt die Modellierung, die Etienne mittels Bauschaum vornimmt. Aus dem ausgehärteten Material schneidet er sich Stück für Stück zum gewünschten Design vor, schleift und raspelt, bis die Form passt.

… und ein neues Instrument sind obligatorisch und passen besser zum Bike als die Serienteile

Schwierig ist vor allem die genaue Spiegelung der beiden Verkleidungshälften. Mit Hilfe von Lehren und Schablonen überträgt Etienne die Form. Ein zeitaufwendiges Unterfangen, bei dem immer auf die korrekte Positionierung des Bikes geachtet werden muss. Wie viele Stunden in den Verkleidungsbau und das Modellieren geflossen sind, will er gar nicht mehr sagen, doch man darf davon ausgehen, dass es ein paar hundert Stunden sind.

Teilebau ist ein wichtiges Standbein für Extremebikes

»Ich kann es wirklich nicht mehr beziffern. Am Anfang habe ich das mal aufgeschrieben, es aber irgendwann sein lassen. Ich war auch nicht durchgehend damit beschäftigt. Mal waren es zwei Stunden, bei denen man kaum einen Fortschritt gesehen hat, dann wieder fünf, bei denen es richtig vorwärts ging. Für Etienne aber auch nicht primär so wichtig, denn Modellbau ist sein Steckenpferd, wie er unumwunden zugibt. Er macht das mit Leidenschaft, weil er es will und weil es ihm liegt. Teilebau ist deshalb auch ein wichtiges Standbein für seine Firma Extremebikes.

TRW-Lenkerstummel werden durch RSD-Armaturen und -Taster ergänzt

Und Projekte wie die SSR sind quasi die Prototypen, die die Grundlage für weitere Umbauten bilden. »Ursprünglich war mal angedacht bis zu drei Bikes in diesem Stil zu bauen, mal sehen, was draus wird.« Man kann die erste SSR durchaus als Teileträger sehen, denn durch die Erfahrung im Verkleidungsbau und die Festlegung der speziellen Abläufe, vor allem aber durch die nun bereitstehenden Negativformen, ist alles reproduzierbar.

Diese Harley-Davidson V-Rod kann reproduziert werden

»Jetzt können wir alles nachbauen und vor allem die Zeit kalkulieren.« So wie das mit einem Prototyp nun mal ist. Am Anfang steht die Anlaufinvestition, wobei das Material das geringere Problem ist. Letztlich ist es ein Lernprozess, den Etienne und seine Mannschaft mit viel Erfahrung und handwerklichem Können umgesetzt haben. Da lassen sich die vielen Abende, die zusätzlich in der Werkstatt verbracht wurden, verschmerzen. 

Wartungsfreundlich: Auch wenn die Verkleidung wie aus einem Stück wirkt, sie ist zweigeteilt. Nachdem die wenigen Schrauben entfernt sind, kann sie problemlos abgenommen werden

Absolut perfekt zur SSR passt auch die Lackierung, die natürlich keine ist. Nachdem alle Verkleidungsteile penibel angepasst und geschliffen sind, stellte sich die Frage, was dem Bike am besten stehen würde. »Wir haben uns für einen Wassertransferdruck mit Carbon-Optik entschieden«, grinst Etienne, wohlwissend, dass der Betrachter bei erstem Hinsehen auf diesen optischen Trick reinfällt. Zu echt wirkt das blaue Carbon-Imitat. Doch es passt wie die berühmte Faust aufs Auge, um mal eine Phrase zu bemühen. Und je länger man die SSR betrachtet, umso weniger könnte man sie sich mit einer anderen Optik vorstellen. Und nein, dieses Bike ist kein Showstepper, es hat TÜV, eine Zulassung und wird gefahren. Für Extremebikes eine Selbstverständlichkeit.

Info |  extremebikes.de

 

Christian Heim