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Die Qualität eines Customizers wie Fred Kodlin besteht darin, dass er sich immer wieder neu erfinden kann. Jüngster Coup ist ein Custom-Zwillingspärchen mit 23 Zoll großen Hinterrädern auf Basis der Harley-Davidson Street Bob.

Seit über dreißig Jahren ist Fred Kodlin im Geschäft. Er ist einer derer, die nicht nur die deutsche, sondern auch die internationale Customwelt nachhaltig geprägt haben, den Titel eines Masterbuilders trägt er völlig zurecht. Vor einem viertel Jahrhundert spielte er hierzulande in etwa jene Rolle, die Arlen Ness in den Staaten innehatte. Wo Fred war, da war vorne. 

Räder haben es Fred scheinbar besonders angetan

Er war es, der 2002 als erster weltweit einen Chopperrahmen um den damals neuen V-Rod-Motor konstruierte, und es war ebenfalls Fred, der im Jahr 2004 mit seiner »Shine« ein gnadenlos innovatives Hubless-Bike auf »nabenlose« Räder stellte. Überhaupt Räder, es scheint, als hat dieses Detail eines Motorrades es dem Customizer aus Hessen besonders angetan.

Optisch ist die Softail definitv ein Hingucker. Der Blick bleibt am Hinterrad kleben – und Fred Kodlin hat einmal mehr bewiesen, dass immer noch mehr geht

Alte Hasen werden sich sicher noch an die »JFK« mit Doppelfelge im Heck erinnern. Oder was ist mit der futuristischen »F32«, dem ersten europäischen Motorrad mit 32-Zoll-Vorderrad? Gerade weil vieles extrem ist, was Kodlin macht, ist es unverwechselbar. Ein Kodlin-Bike erkannte man als solches, wenn man es sah, und einen komplett eigenen Stil zu prägen, ist nur wenigen Customizern vergönnt.

Harley-Davidson Street Bob als Basis

Vor etlichen Jahren dann versuchte der Hesse, den Deutschen umgebaute Bagger schmackhaft zu machen. Zwar war er auch damit seiner Zeit voraus, ein durchschlagender Erfolg war ihm damit allerdings nicht beschieden. Obwohl er 2016 die Baggershow der Daytona Bike Week gewinnen konnte, wollten seine Landsleute nicht so recht auf das Thema anspringen, Deutschland ist einfach kein Bagger-Land. Aber sei’s drum, der Mann, der das Schweißen bereits als Junge von seinem Vater gelernt hat, kann schließlich jeden Stil bauen. Und so überrascht er uns jüngst mit zwei Bikes, die es so hier in Europa noch nicht gab.

Die Signature-Auspuffanlage stammt aus dem eigenen Portfolio

Aufhänger für den Bau des technisch hochinteressanten Pärchens war der Anruf eines langjährigen Kunden. Marco Lamprecht gab zwei Custombikes in Auftrag, eins für sich selbst und eins für seine Frau Yvonne. Es gab seinerseits nur zwei Vorgaben: Die Basis für die beiden Bikes sollte die aktuelle Softail Street Bob sein, der zweite Wunsch war, dass sie einzigartig sein sollten. Die erste Vorgabe war leicht einzuhalten, für die zweite musste Fred sich erst einmal den Kopf zerbrechen. Aber eine Lösung lag in greifbarer Nähe, und wieder würden Räder den entscheidenden Unterschied zwischen Individualität und Normalität machen. 

Wahnwitzige Bereifung für die Street Bob

Noch gar nicht lange gibt es den Avon Cobra Chrome in der wahnwitzigen Niederquerschnittsgröße 200/30-23. Den hat hierzulande bisher noch niemand als Hinterreifen benutzt, Fred hatte damit sein Alleinstellungsmerkmal. Das passende Rad dazu konnte diejenige US-Firma liefern, die auch das Kodlin’sche Räder-Portfolio herstellt. 

Big Wheels: Die großen Räder entstehen nach genauen Vorgaben in den USA

Wegen des großen Raddurchmessers musste allerdings die Softail-Schwinge um einiges verlängert werden. Und auch der Heckfender musste neu entstehen, denn ein Schutzblech mit diesem großen Radius liegt auch bei einem Customizer von Weltformat nicht mal einfach so im Regal. 

Harley-Davidson Street Bob – Eineiige Zwillinge

Überhaupt ist das gesamte, aus Stahlblech bestehende Karosserie-Ensemble an den beiden Bikes selbstredend handmade in Borken. Die beiden Maschinen sind äußerlich fast eineiige Zwillinge, technisch allerdings unterscheiden sie sich teilweise erheblich. 

Wo Performance draufsteht, ist auch welche drin: Der Motor wurde auf 124 Kubikinches aufgerüstet

An Marcos Bike »Respect«, das wir uns im Detail auch für unserem technischen Datenkasten rausgegriffen haben, ist der Milwaukee-Eight auf 124 Kubikinches aufgestockt worden, eine Spezialnockenwelle sorgt in Verbindung mit größeren Ventilen in den geporteten und auf der Flow Bench optimierten Zylinderköpfen für ordentlich Dampf, 120 Pferdestärken soll der gepimpte V2 hergeben. 

Harley-Davidson Street Bob mit Airride-System

Federung und Dämpfung an Marcos Maschine arbeiten mittels eines Airride-Systems, was die Optik im Stand – wenn das Bike sich komplett absenkt – nochmal verschärft. Und weil Männer in der Regel größer sind als Frauen, ist an Marcos Bike ein höherer Lenker montiert. 

Die Signature-Auspuffanlage stammt aus dem eigenen Portfolio

Bei Yvonnes Maschine »Love« blieben die Motorinnereien unangetastet, und auch die Federelemente sind serienmäßig. Gleich sind beiden Bikes die fetten Vierkolben-Bremsen von Performance Machine mit Metalsport-Scheiben, die hauseigenen Stretchtanks, sowie Elektrik und Beleuchtungseinheit. Auch die Lackierungen ähneln sich, ausgeführt wurden sie vom Customizer selbst, lediglich die Idee zum grauen, zurückhaltenden Lacksatz stammt vom Kunden.

Mit 30-Zoll-Rädern noch fahrbar?

Wie sich solch ein Hinterrad fährt, wissen wir nicht. Und viele von euch werden die Fahrbarkeit dieser Street-Bob-Kreationen womöglich in Frage stellen. Fred kann das easy weglächeln, er kennt die Zweifler zur Genüge. Dass Lastenheft seines Kunden hat er schließlich schon mal perfekt erfüllt, der wollte was Einzigartiges, noch nie Dagewesenes. Das hat er bekommen. Der Rest liegt bekanntlich auf der Straße. 

Die Fußrasten kommen von Performance Machines

Wer weiß, vielleicht wird ja schon bald ein neuer Trend entstehen. Dann bietet sich uns sicher auch mal die Gelegenheit, einen solchen 23-Zöller ums Eck zu winkeln. Falls es dazu kommt, werdet ihr es als erstes erfahren. 

Wie vor 30 Jahren – Besessen von Motorrädern

Und was macht Fred derweil? »Einen Chopper bauen«, sagt er uns augenzwinkernd, »etwas, das die meisten Leute ja nicht von mir erwarten.« Als wir im November darüber sprechen, hat Fred dieses neue Projekt noch nicht einmal angefangen. »Aber ich habe einen Plan in meinem Kopf. Ich sollte langsam beginnen, den Rahmen zu bauen.« Fred Kodlin ist besessen von Motorrädern, heute wie vor dreißig Jahren, »normal« überlässt er weiter anderen.

Info | www.kodlin.com