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Ein Harley-Davidson Shovelhead als billiges Spaßcustom – und nebenbei das erste Selbstbauprojekt eines ziemlich bunten Vogels.

Lippe war schon immer zweiradwahnsinnig, fuhr Enduro, Motocross, ist gar ehemaliger Crossprofi. Drei Mal nahm er an den Red Bull Romaniacs, dem wohl härtesten Endurorennen der Welt, teil. Lippe ist außerdem Verleger von einigen Fahrrad- und Szenemagazinen, Autoverrückter, Musiker und vieles mehr. Aber in erster Linie halt doch immer wieder Fahrer. »Auf meiner Shovelhead war ich mindestens 10 000 Kilometer unterwegs, mit Starrrahmen, bei Wind und Wetter.« Nur eines kann Lippe dann doch nicht so richtig, »fahren, ja, das geht gut. Aber schrauben, das können andere besser«, schmunzelt er.

Eine ’73er Harley-Davidson Shovelhead für 3.000 Dollar

Trotzdem wollte er unbedingt ein eigens Customprojekt haben, »wobei mich das mit dem Lackieren eigentlich am meisten interessierte«, wie er zugibt. Nach langer Suche nach dem richtigen Motorrad wird er bei eBay USA fündig, eine ganze Shovelhead wird dort für 3.000 Dollar angeboten, mitsamt 73er-Motor und starrem Fahrwerk – pure Begeisterung auf der anderen Seite des Teiches und der Drücker auf den Kaufen-Button. Die Ernüchterung folgt, als Frank zwei Monate später seine Palette beim Shipper in Augenschein nehmen kann. Irgendwie fehlten einige wichtige Teile am Bike, möglicherweise gestohlen, möglicherweise gar nicht erst verschifft worden.

Wir könnten uns wegschmeißen, wenn wir die Befestigung des Rücklichtes überdenken. Grob auf den Fender geschlachtet, erst dahinter kommt die Sissybar. Würde keiner machen, der Wert auf pure Ästhetik legt

Tank, Gabel und Vorderrad waren nicht mit an Bord, egal, immerhin waren Starrahmen und Motor komplett, der Spaß konnte beginnen. Zuerst befreit Frank den Zubehörrahmen vom Rost, grundiert ihn und lackiert ihn in Mattschwarz, »das war noch einfach«, erzählt er. Anschließend montiert unser eigentlicher Nichtschrauber Motor, Getriebe und Kupplung. Es mag etwas Glück sein, aber der Motor läuft. Tank und Fender sind ebenfalls schnell gefunden. Frank hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf, er ist geil aufs Lackieren, Metalflake soll es werden. »Meine erste Lackierung und dann gleich sowas – perfekt«, findet er.

Nach drei Tagen ist der Lack trocken, fühlt sich aber an wie Kaugummi

Frank fährt zum Autolackierer-Zubehörshop seines Vertrauens, lässt sich beraten und ersteht dort alles, was er braucht. »Dachte ich zumindest«, grinst er. Fender und Tank versieht er zunächst mit grauer Grundierung und rührt dann die Flakes in Klarlack an. Jeden Abend stellt Frank sich den Wecker neu, um die Teile zu lackieren. Nach drei Tagen ist der Lack zwar trocken, fühlt sich allerdings an wie Kaugummi. Er fährt wieder zum Zubehörshop. »Da haben wir wohl vergessen, Ihnen Härter mitzugeben, aber wenn Sie jetzt mit Härter weiterlackieren, sollte das klar gehen«, so wird Frank zurück in die Garage geschickt.

Ranzig, rattig, rostig: So sieht ein Bike eben aus, wenn es durch Wind und Wetter geprügelt wird. Zeit zum Polieren und Staub wegpusten bleibt bei Lippes Programm sowieso nicht, der Typ ist immer unterwegs

Und er flucht weiter: »So ’ne Scheiße, ungefähr bei Schicht zehn konnte ich den gesamten Lack wie Kaugummi abziehen, zum Kotzen. Ich knibbelte also alles ziemlich genervt ab, na ja, nicht wirklich ordentlich. Dann lackierte ich wieder Grundierung. Nun um einiges klüger, lackierte ich Grün-Metallic und brachte einige Schichten Klarlack – diesmal inklusive Härter – mit Flakes auf.« Das Ergebnis sieht um einiges besser aus als der erste Versuch. Nur eines ist nicht ganz wie es soll, der ganze Lack fühlt sich nach der Prozedur an wie Alligatorenhaut.

Die Harley-Davidson Shovelhead ist nach zehn Stunden zusammengebaut

Frank hatte quasi die 3-D-Lackierung erfunden. Prima, hat das Bike nämlich direkt einen Namen: Alligator. Und weil Franks Freund und Pinstriper Markus »Centeroiler« Schwaiger aus München für das Tankfinish nicht so viel Platz hat, heißt die Karre nun »Gator«. Nach der langwierigen Lackierstory besorgt sich Frank noch die letzten Teile, um den Gator auf die Straße zu bringen, eine dünne Gabel zum Beispiel. Ein guter Freund flext den Bremssockel und andere Teile ab und poliert sie. Bei einem Swapmeet ersteht er ein schmales Vorderrad, eine Vorderbremse verbaut er nicht.

»Fahren, ja, das kann ich gut. Aber schrauben, das können andere besser«

Mit der Hilfe von Kumpel Martin wird die Maschine komplettiert, unter anderem mit Rohren aus dem Heizungsbedarf. Nach zehn Stunden ist die Fuhre zusammengebaut, der Motor startet nach dem zweiten Kick. Noch die Ölpumpe nach der langen Standzeit überholen und die elektronische Zündung durch eine Kontaktzündung ersetzen, der Gator läuft. Frank ist stolz auf sein Projekt, »gerade weil es sehr speziell, aber eben trotzdem sehr günstig im Aufbau war.« Und das, wie er sagt, ohne ein paar gute Freunde nie funktioniert hätte: »Danke, ihr wisst, wer gemeint ist!«

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.