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Als Steve und Max Schneiderbanger bekannt geben, dass sie den European Biker Build-Off bestreiten werden, ist allen klar: Wir werden traditionelle Handwerkskunst sehen, genauso wie wir uns auf ein Oldschool-Motorrad einstellen können. Beides trifft am Ende zu – und trotzdem überrascht das Team mit einem Novum in der BBO-Geschichte.

Motorradfieber, seit mehr als vierzig Jahren, unermüdlich: Stephan »Steve« Schneiderbanger baute schon zu einer Zeit Custombikes, als so mancher heutige Schrauber noch nicht geboren war. Seine Leidenschaft gab er an seinen Sohn weiter. Max alias »Fred Flitzefuß«, Karosseriebaumeister mit eigener Firma, schon jetzt genau so eine Konstante wie der Vater. Und dann Mutter Helga, die Chefin mit Überblick und Leberwurstschnittchen für die Jungs, selbst in Bad Salzuflen, als sie auf der Bühne schrauben, um das Werk der letzten vier Monate zu vollenden.

Die große Überraschung packte das Team Schneiderbanger bereits am BBO-Freitag aus: Nicht ein Harley-Aggregat, sondern der Reihenvierer aus Hondas CB 750 würde den Chopper befeuern

Außerdem sind da Tochter, Enkelsohn, Freunde, Weggefährten, Kumpel Jens, der den passenden Messestand baut, Steves Schrauberclub »Customizers East« und nicht zuletzt Mimi, sein Zwillingsbruder, ebenfalls gekommen, um zu unterstützen, wo er kann. Der European Biker Build-Off des Jahres 2019 ist eine Familienangelegenheit geworden. Auch, weil das gegnerische Team ein Ehepaar ist, Sandra und Mac Fröhlich vom McSands Motorshop aus der Schweiz arbeiten auf der anderen Seite der Bühne. Für alle Beteiligten ist dieser Build-Off eine Wunschkonstellation – und von Beginn an eine Herzenssache.

European Biker Build-Off – Kein klassischer Harley-Chopper

Viele hatten vom Team Schneiderbanger im Vorfeld einen klassischen Harley-Chopper erwartet. Klar, denn damit hat der Altmeister in den letzten Dekaden gepunktet. Trotzdem ist auch Steve nicht auf Harleys groß geworden, der erste Eigenbau war vor mehr als vierzig Jahren eine Zündapp. Es folgte, Anfang der 80er, der Umbau einer Honda CB 750 Four zum Chopper, damals geschehen in einer Berliner Hinterhofwohnung. Und es ist dieses Bike, das Steve und Max zu ihrer Motorenwahl fürs BBO-Bike inspiriert.

Der sonderangefertigte Rahmen kommt von den Frame-Königen VG aus Holland, Chef Guus hatte wie gewünscht einen auf Federung ausgelegten Schwingenrahmen gefertigt

Die »Ahhs« und »Ohhs« der überraschten Besucher sind ihnen jedenfalls sicher, als sie den Reihenvierer in Bad Salzuflen enthüllen. Zum ersten Mal steht damit ein japanischer Motor im Zentrum eines Build-Off-Bikes. Und dass Hondas Überaggregat gerade seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte, macht die Sache perfekt. Im Vorfeld war der Motor überholt worden, unter anderem vergasertechnisch von Gietl Bikes, ebenfalls einem dieser Custom-Familienbetriebe, und Oli aus Zwickau, der auch einer der Schrauber im BBO-Team ist.

European Biker Build-Off – Support von allen Seiten

Komplett macht das Bühnenteam Benni Adler, der bei Steve einst wesentliche Arbeiten gelernt hatte und heute Chef seiner eigenen kleinen Motorradmanufaktur »Mean Machines« ist. Doch damit sollte der Reigen aus Freunden und Unterstützern noch lange nicht komplett sein. Schon im Vorfeld hatten viele Firmen dem BBO-Projekt ihren Support zugesagt und zeigten eine mächtige Demonstration dessen, was Customgeschichte in Deutschland und Europa bedeutet und wer ihre prägenden Namen sind.

Vier von vielen: Das Schrauberteam in Bad Salzuflen bestand aus Steve Schneiderbanger, Benni Adler, Max Schneiderbanger und Oliver Steffen. Zahlreiche Firmen, Freunde und Weggefährten unterstützten das Projekt außerdem

Immer im Auge dabei, die eigene Historie von  Steves Firma SSC, die sich an einigen markanten Teilen der Honda findet. So hatte Steve zum Beispiel nach schwedischen Vorbildern schon früh den Umbau auf fette 15-Zoll-Felgen angeboten. Am Anfang kommen die noch aus VW-Käfern, heute liefert die Firma TTS die gewünschten VG-Felgen nach Oberfranken. Wie schon damals werden sie vor Ort eingespeicht, der langjährige Mitarbeiter Kurt übernimmt den pfriemeligen Job, achtzig Speichen im Vorderrad, glatte 160 hinten.

Zitat an eine Zeit, in der der Chopperkult in Deutschland entstanden war

Der Autoreifen im Heck ist dabei ebenfalls ein Zitat an eine Zeit, in der der Chopperkult in Deutschland überhaupt erst entstanden war. Und weil man bei SSC eben jene Vorliebe für die glasklaren Schwedenchopper pflegt, kommt die Gabel für die Four von Tolle, 20 Inch over, lang und clean. Dazu originale, gecleante und abgedrehte Harley-Hydraglide-Tauchrohre zur sauberen Aufnahme der Kawa-Duplex-Trommelbremse, SSC-Gabelstabi und modifzierte Brücken von CPO, ebenfalls einer der ältesten Custombetriebe in Deutschland.

Im Vorfeld war der Honda-Four überholt und die Vergaser-Batterie mit offenen K&N-Filtern sauber abgestimmt worden

Saubere Optik verschaffen Armaturen wie die Gas- und Kupplungsdrehgriffe von Müller und der mechanische Magura-Handbremshebel. Wer beim BBO auf einen Starrrahmen gesetzt hatte, lag genauso falsch wie beim eigentlich erwarteten Antrieb. Der sonderangefertigte Rahmen kommt von den Frame-Königen VG aus Holland, Chef Guus hatte wie gewünscht einen auf Federung ausgelegten Schwingenrahmen gefertigt, die Federbeine kommen von Hyperpro.

European Biker Build-Off – Großen Namen ohne Ende

Abgerundet wird das Fahrwerk durch die verlängerte Aluschwinge, die für die Aufnahme der Ritzelbremse – noch so eine SSC-Spezialität – modifziert wird. Wo sich alle großen Namen tummeln, dürfen die Jungs vom V-Team nicht fehlen. Lenker auf Maß, dazu die vier Edelstahlkrümmer der Auspuffanlage. Vervollständigt wird die durch die Fishtails von W&W, eine Firma, die den Customizer Schneiderbanger ebenfalls seit vier Jahrzehnten begleitet.

Die komplette Verkabelung muss beim BBO live auf der Bühne vorgenommen werden

An den Blechteilen schlägt dann die Stunde von Steves Sohn. Max fertigt im Vorfeld nicht nur das Ducktail-Heck als eigene Interpretation ehrwürdiger Dragster-Bikes, sondern natürlich auch Tank und Öltank, zweiteren im Horsehoe-Look, wie er letztlich an einem Chopper nie aus der Mode kommt. Damit sind die Vorarbeiten zum BBO weitestgehend abgeschlossen, »vier lange Monate waren das«, erinnert sich Max.

Als die Honda anspringt, zeigt sich nicht nur der Chef erleichtert

Der Zusammenbau in Bad Salzuflen läuft Hand in Hand und neben der Unterstützung durch die alten Haudegen auch mit dem Spirit einer neuen Szene. Lackierer Chiko trägt die orangenfarbenen Flammen auf die graue Grundlackierung auf, Carsten Estermann graviert auf den letzten Metern den Tankdeckel. Als die Honda am Sonntagmittag anspringt, zeigt sich nicht nur der Chef erleichtert.

Abgerundet wird das Fahrwerk durch die verlängerte Aluschwinge, die für die Aufnahme der Ritzelbremse – noch so eine SSC-Spezialität – modifziert wird. Die Federbeine kommen von Hyperpro

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Zeit, die Schweiß und Nerven gekostet, aber eben auch eine große Customfamilie in einem Motorrad vereint hatte. Randnotiz: Am Ende muss sich das Team Schneiderbanger knapp den Fröhlichs aus der Schweiz mit ihrem schnörkellosen Chopper geschlagen geben. Interessieren tut das kaum jemanden, folglich richtig wird der Siegerpokal von allen gemeinsam unters Bad Salzuflener Hallendach gereckt. Wichtiger ist es nämlich, dass die alten Haudegen zusammen mit den jungen Wilden einen unvergesslichen Ritt hingelegt haben. »Ich werde davon noch lange zehren«, sagt uns Steve zum Abschluss. Keine weiteren Worte notwendig.

Info | sscycle.de |  fredflitzefuss.de

 

 

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.