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Amsterdam mausert sich zum Hotspot junger holländischer Nachwuchsschrauber – mittendrin Boy Janssen und seine knallharte Yamaha XS 650.

In Amsterdams Norden wächst ein famoses Custompflänzchen heran. Eine kreative Szene aus Jungs und Mädels hat sich in den kreativen Vororten niedergelassen, sie kommen aus Punk, BMX und Skatekultur. Und weil hier viele kleine alte Garagenkolonien stehen, ist es nur logisch, dass sich auch die jungen Wilden der holländischen Customszene dort niedergelassen haben.

Ein roher, unverfälschter Baustil mit einer gewissen Leichtigkeit

Die besten Bikes aus Oranje werden derzeit hier gebaut, Cafe Racer, Bobber, Chopper. Eines ist dabei bei allen Bikes aus der Gegend gleich – ein roher, unverfälschter Baustil mit einer gewissen Leichtigkeit. Tin Can Customs, Nozem Motorcycles oder eben Pancake Customs heißen die Werkstätten hier, letztere Bude gehört Boy Janssen. 

Die Yamaha wurde aufs absolute Minimum abgespeckt, die komplette Elektrik steckt gar in der kleinen Tasche hinterm Motor. Einen Tacho suchen wir vergeblich und sind neidisch, weil das in Deutschland nun doch alles irgendwie komplizierter wäre

Mittlerweile ist Boy zwar mit seiner Firma nach Rheden ins etwas ruhigere Holland umgezogen, aber die Inspiration für seine Bikes, die kommt noch immer straight aus der Amsterdamer Szenehood. Nun könnte man meinen, dass die jungen Kerle die Vorzüge moderner Bikes zu schätzen wissen, den Luxus der schraubenden Neuzeit voll auskosten. Ein Trugschluss, denn all die Nachwuchsschrauber leben den Oldschool, sind so frei, wie es in einer regulierten Welt nur möglich ist.

Janssen nimmt wenig außer seinen Motorrädern ernst

Boy Janssen genießt das, er nimmt wenig außer seinen Motorrädern ernst. Sein erstes Bike baut er, noch bevor er jemals auf einem Motorrad gefahren war. »Eine Honda CB 550 im Bratstyle, danach baute ich eine Bol d’Or zum Cafe Racer um, die war einfach nur unglaublich laut«, erinnert er sich. Die Resonanz auf seine ersten Bikes ist groß, Boy entscheidet, das Schrauben professionell anzugehen.

»Den Rahmen ließ ich auf Maß anfertigen. Lang und flach sollte er sein mit einem großen Rahmendreieck, das bewusst freigelassen wurde«

»Ich fand den alten Schuppen nahe dem Amsterdamer Hafen, der perfekte Platz für mein Vorhaben.« Boy gründet Pancake Customs – richtig, Pfannkuchen auf Deutsch. »Pannekoek, das niederländische Wort dafür, ist das einzige Schimpfwort, das du hier im Viertel zu jemandem sagen kannst, ohne direkt aufs Maul zu bekommen. Das ist halt Amsterdam-Slang«, erklärt er.

Yamaha XS 650 als Rigid-Chopper

Auf die hier gezeigte Yamaha XS 650 ist er besonders stolz. »Die meisten Leute, die einen XS-Chopper bauen, nehmen den Originalrahmen und verbauen ein starres Heckteil, den ursprünglichen Radstand verändern sie nicht, um die Kettenlänge beizubehalten. Diese Bikes sind für meinen Geschmack viel zu kurz. Ein Chopper beeindruckt mich einfach mehr, wenn er lang, flach und pur ist.«

Eine mattcoole Optik von Tank und Fender zu erreichen, ist gar nicht mal so kompliziert: Abschmirgeln und klar überlackieren passen perfekt zur Amsterdamer Vorort-Attitude

Als er die XS kauft, ist sie genau in diesem ungeliebten Zustand. Boy entscheidet, auf einen kompletten Starrrahmen zu setzen, »ein bisschen inspirierten mich außerdem die Salzseebikes mit ihrer flachen Linie.« Und so bittet er seinen Freund Chris, ebenfalls Customizer, ihm einen Rahmen auf Maß zu schweißen. Es entsteht ein langes Chassis, das, nachdem der Motor eingebaut ist, ein ungewöhnlich großes Rahmendreieck hinter dem Motor freilässt. Boy entscheidet sich, es komplett offen zu lassen. »Klar hätte ich einen Fake-Öltank oder sowas einbauen können, aber genau das wollte ich halt nicht. Weniger ist da einfach mehr.«

Die Yamaha XS 650 kommt extrem reduziert daher

Auch der Rest der XS ist extrem reduziert. So entfernt Boy die Batterie, das Bike wird ausschließlich angekickt. Die Elektrik wird auf ein absolutes Minimum abgespeckt, alles Notwendige steckt in der kleinen Ledertasche hinterm Motor. Nicht mal einen Tacho gibt es, »die Geschwindigkeit teste ich, indem ich meinen nassen Finger in den Wind halte«, lacht Boy. Trotz der Länge des Bikes kürzt er die Standardgabel um etwas mehr als sieben Zentimeter, was der Yamaha zur flachen, langen Optik verhilft.

Anders als andere verbaut Boy nicht nur ein starres Rahmenheck, sondern setzt direkt auf einen kompletten Starrrahmen

Kurze, offene Pipes montiert er, die 18-Zoll-Felge im Heck kombiniert er mit einem 21-Zoll-Crossrad, dazu gibt es einen Achtliter-Peanuttank und den auffälligen Heckfender frisch vom Amsterdamer Swapmeet, die Fenderstruts sind handgemacht. Und wie ihr euch sicher denken könnt, sind knallige Farben nicht so das Ding von Boy Janssen. Tank und Fender sind sandgestrahlt und mit Klarlack überzogen, reicht.

»Ich würde alles bauen, was Charakter und einen gewissen Charme hat«

Aktuell arbeitet Boy Janssen parallel an einer starren Bol d’Or und einem Ironhead-Chopper. »Ich würde alles bauen, was Charakter und einen gewissen Charme hat. Nur, wenn einer kommt und einen Bagger oder sowas haben will, dann würde ich ihn nach Hause schicken. Für sowas bin ich einfach die falsche Adresse.«

Info |  pancakecustoms.nl

Floris Velthuis