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Im Beachclub Nethen steigt Mite September eine neuerliche Auflage des »Wheels and Wake«. Wie es dort so ist, kann euch Frau Reuter erzählen, die von ihrem ersten Besuch reichlich begeistert zurückkam.

Ich finde es gut, wenn Menschen kuriose Ideen haben und bei der Umsetzung dieser Ideen andere Menschen ins Schlepptau nehmen und am Ende daraus ein großartiges Happening wird. So geschehen in Rastede bei Oldenburg. Ich weiß, die Menschen dort denken, sie würden in Norddeutschland leben. Aber das ist falsch. Südlich der Elbe beginnt bekanntlich das Vorland von Norditalien. Norddeutschland ist nördlich der Elbe. Aber wir wollen keinen Unfrieden stiften, denn das, was ich erlebt habe, hat durch und durch norddeutsche Züge.

Mit etwas über einem Promille im Blut kam die glorreiche Idee

Es hatte sich im Vorfeld dieser Veranstaltung begeben, dass die Freunde des gemütlichen Beisammenseins im Beachclub Nethen mit etwas über einem Promille im Blut auf die glorreiche Idee kamen, dass man an dieser paradiesischen Bucht des Bekhauser Sees (so nenne ich den jetzt) eigentlich ein Motorradtreffen veranstalten müsste. Und damit es nicht so arg langweilig wäre, sollte man ein Rennen integrieren. Nun ist ein Strand von diesen bescheidenen Ausmaßen nicht gerade die ideale Unterlage für ein Motorradrennen, aber einen Sprint durch den Sand lässt er schon zu.

Da will man auf der Stelle hin: Im Beachclub in Nethen gibt’s feinsten Sand und schöne Mopeds, eine wohlpräparierte Rennstrecke, guten Kaffee und chillige Musik

Wir kennen aus dem Dragstersport die Rennen um die Achtel- und Viertelmeile. Und in Nordbayern gibt es auch ein Rennen um die Sechzehntelmeile, veranstaltet von einer technischen Fachhochschule, deren Absolventen dort ihre gebastelten Mobile vorführen. Die 32stel-Meile ist bei uns bisher unangetastet gewesen. Nun kommen aber die Leute aus dem Oldenburgischen ins Spiel. Die dachten sich treffsicher, dass sich ein Rennen um die 32stel-Meile platzmäßig ideal anbietet, um auf diesem wunderbaren Strandareal stattzufinden. Man muss es sich mal auf der Zunge zergehen lassen: eine Zweiunddreißigstelmeile! Das sind gerade mal 50,29 Meter! Knapp 50 Meter, die zwischen Leben und Tod entscheiden können. Zwischen Schmach und Glorie! Zwischen Versagen und Triumph!

Das Wheels and Wake ist die Wiege der 32stel-Meile-Weltmeisterschaft

Die Viertelmeile dagegen – pah! Wer da das erste Achtel verkackt, kann das noch geradebiegen. Da geht immer noch was. Irgendwas. Aber bei fünfzig Metern sieht die Sache anders aus. Da muss der Pilot vom Start weg alles richtig machen. Da darf kein Sandfloh im Weg stehen, keine zeternde Ehefrau in der Zuschauermenge sein. Die 32stel-Meile ist so betrachtet das ganz große Kino des Beschleunigungsrennens. Und das noch auf Strandsand, der so nachgiebig ist wie Kartoffelpüree. Strandsand verzeiht keine Unachtsamkeit. Wir reden hier heute also von der Geburt der echten Helden auf zwei Rädern. Von den Männern der 32-stel Meile. Die Männer von Nethen.

Wer die 32stel-Meile unterschätzt ist ein Lauch, denn der Sand ist tief und die kurze Strecke verzeiht keine Fehler. Es sollen sogar Leute hingefallen sein

Das Wheels-and-Wake-Festival war geboren. Und die offizielle Bezeichnung des Rennens ist: 1/32 MILE WORLD CHAMPIONSHIP of REAL SANDY BEACH MOTORCYCLE RACING. Punkt. Doch schon zuvor gab es einen Weltmeister in dieser Kategorie – und zwar Käptn Schmidt. Der hatte einfach beschlossen, Weltmeister zu sein, weil er, gegen sich selbst angetreten, unbesiegt die Höllenstrecke meisterte. Und das auf einer alten Boxer-BMW. Der Aufruf, den Meister zu stürzen, fiel auf fruchtbaren Boden. Natürlich denkt sich jeder (so auch ich), dass man diese alte Flachpfeife mit seiner Gummikuh ziemlich leicht zur Strecke bringen könnte.

Wheels and Wake – garantiert ohne Born to be wild

Ich hatte mich natürlich auch angemeldet und wollte dem Käptn die Rohre von hinten zeigen. Aber zwei Tage vor Rennbeginn hatte mich mein Schrauberglück verlassen und ich musste die Harley zu Hause lassen. Ein Glück! Denn am Ende kam alles anders. Diese kuschelige Veranstaltung sucht ihresgleichen, das sei vorweg verraten. Noch nie habe ich mich auf einer Motorradveranstaltung auf Schlag so wohl gefühlt. Überall verrückte, nette Leute. Bier an allen Ecken, schön was zu beißen, viele Motorräder zum Bestaunen und dann noch ein prächtiges Wetterchen. All das sind Garanten für ein gelungenes Wochenende. Am allerbesten jedoch: Ich musste kein einziges Mal »Sweet Home Alabama« oder »Born To Be Wild« hören.

 

Die Menschen am Strand waren extrem entspannt. Immer mittendrin der Käptn. Trotz seiner körperlichen Einschränkung – ihm ist eine Bierflasche an seiner rechten Hand festgewachsen – hatte er alles voll im Griff

An der opulenten Cocktailbar wurden Pommes, gegrilltes Fleisch und Würstchen und natürlich jede Menge Flüssigkeit serviert. Im Hintergrund lief nonstop schunkelige Loungemucke, die den Blutdruck auf wochenendfreundliche Werte herunterfuhr. Dazu das allgemein fröhliche Geplapper der immer seliger werdenden Besucher, es erschien mir alles in allem wie eine riesige Kurklinik für Benzinbegeisterte. Am Samstag wurde zu den Vorläufen aufgerufen, und kein geringerer als Motorradlegende Egon Müller kam, um dem Käptn zu zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Egon brauchte sich nur auf sein Moped zu setzen, da hatte Käptn Schmidt seine Weltmeisterhosen schon gestrichen voll. Und keine sechs Sekunden später hatte Egon allen Ruhm an sich gerissen.

Der tiefergelegte Blutdruck wurde fast durch die Schädeldecke gejagt

Der Käptn, ein gebrochener Mann, widmete sich wieder dem Alltagsgeschäft, was ab jetzt aus dem Reinigen der Toiletten und dem Leeren von nicht ausgetrunkenen Bierflaschen bestand. Natürlich, er wird wieder angreifen. Beim nächsten Mal. Die Vorrennen liefen dann Schlag auf Schlag. Genaugenommen lagen zwischen den Schlägen stets zwanzig bis dreißig Minuten, was einen wieder zur Ruhe kommen ließ. Der von der Loungemucke tiefergelegte Blutdruck wurde natürlich bei jedem Rennen – es sind jeweils zwei Fahrer am Start – fast durch die Schädeldecke gejagt. Ein Wechselbad der Gefühle, meine Damen und Herren! Harter Tobak für einen alten Mann!

Finale: Fitti Haselroth siegt auf BMW gegen den Steffen auf seiner GS 500. Der war trotzdem glücklich, weil Vizeweltmeister

Derer gab es übrigens auch reichlich, Egon Müller war weiß Gott nicht der älteste. Erwähnt sei hier der 79-jährige Fitti »Dreamboy« Haselroth, der mit seiner leider etwas zu modernen BMW zum Rennen antreten wollte. Das Reglement sagt aber klar aus, dass die antretenden Maschinen nicht jünger als Baujahr 1994 sein dürfen. Künftig wird das Baujahr noch strenger nach unten geschraubt – es ist halt einfach geiler, wenn die Kisten ALT sind, die durch den Sand pflügen. Fitti war das dann am Ende egal, er trat mit einer alten Leih-Gummikuh an. Doch dazu später mehr. Spätestens am Ende des Samstags wussten alle Fahrer, was sie bisher falsch gemacht haben und was am nächsten, entscheidenden Tag richtig gemacht werden muss.

Das Wichtigste: Gas geben, als gäbe es kein Morgen

Und das Allerwichtigste, das hat Egon deutlich gezeigt, ist Gas geben, als gäbe es kein Morgen. Und wenn die Möhre sich dann in den Sand gräbt, hast du einfach ein Scheiß-Motorrad gebaut oder du kannst nicht auf Sand fahren. Und wisst ihr, wer sich sowohl am Samstag als auch am Sonntag unglaublich souverän über die Strecke katapultiert hat? Zwei Herren auf uralten Engländern. Eine BSA und eine schmucke Triumph, beide Böcke weit älter als ihre Piloten. Da kommt man schnell zu dem Schluss, dass das ideale Motorrad für so ein Rennen ein durchzugsstarkes, leichtes Modell mit ordentlich Drehmoment sein muss. Mit dezentem Geländeprofil versehen. Ich habe es gesehen, notiert und ich werde es zu verarbeiten wissen. Fürs nächste Mal. 

Alles Taktik: Frau Reuter nutzte das Event zu Spionagezwecken – beim nächsten Mal wird er sie dann alle in Sand und Boden fahren

Kurz vor dem Abendbrotbier werden noch die drei schönsten Motorradumbauten gekürt – da kommt Custombike-Aroma auf. Den ersten Platz belegt ein junger Bursche mit einer astrein gechoppten Eisensportster. Bestens bemalt, schön geschraubt. Sowas gehört auch auf unsere Messe! Den Pokal in Form eines lasergeschittenen Ankers nimmt der Gewinner salopp entgegen und lässt das Motorrad an Ort und Stelle stehen. Er hätte schon reichlich getrunken und das Zurückschieben sei ihm nun doch zu anstrengend. Recht so! Nicht unerwähnt sei auch die Moderation der Veranstaltung: Samstagsmoderator Marcel hat schon am frühen Abend Schwierigkeiten, die zigarettenschachtelgroßen Buchstaben auf seinem Spickzettel zu entziffern, kann das aber durch saloppes Auftreten und kurzweilige Anekdoten kaschieren.

Wheels and Wake – Eindeutige Angebote von Bullterrierweibchen

Später stellt sich heraus, dass er vergessen hatte, die schwarze Schutzfolie von seiner neuen Sonnenbrille zu entfernen. Erst gegen 22 Uhr hatte er diese wahrgenommen, abgezogen und erkannte ab da auch im Abstand von zwei Metern sofort jede volle Bierflasche. So nimmt der Vorabend des Rennens seinen feuchten Lauf. Als ein französisches Bullterrierweibchen mir eindeutige Angebote macht, flüchte ich in meinen Schlafsack im Auto. Sie ist mir einfach noch zu jung. Der eigentliche Renntag ist der Sonntag. Im großen Zelt wird ab neun Uhr für ganz kleines Geld ein leichtes Frühstück gereicht, wobei gesagt werden muss, dass der Kaffee hervorragend ist. Der wiederum wird nur getoppt von dem Kaffeewagen hinter der Rennstrecke, hier hat der ortsansässige Konditor Klinge seinen Wagen aufgebaut.

Überall verrückte, nette Leute. Bier an allen Ecken, schön was zu beißen, viele Motorräder zum Bestaunen und dann noch ein prächtiges Wetterchen

Klinge kredenzt wirklich Kaffee von Weltklasse und mindestens ebenso gute Torte. Ich habe nach vierzig Jahren Motorradfahren das erste Mal auf einem Treffen Kuchen gegessen! Eine Sensation. Doch zurück zum Rennen. Ein leichter Kater hilft, unwichtige Gedanken auszuschalten. Heute zählt nur eines: der Gasgriff.  Ein Reglement zur Kleidung gibt es übrigens zum Glück nicht. So kann man mit oder ohne Helm fahren, notfalls auch nur mit einer Pfauenfeder im Arsch starten – alles ist erlaubt. Der Untergrund ist angenehm weich, wer sich da ein Schädelhirntrauma holen will, muss schon mit Schmackes auf eine Wasserschildkröte treffen, die gerade ihre Eier ablegt. Aber die haben gerade keine Saison.

Da bricht auch der letzten Schöngeist schock-urinierend zusammen

Stürze sind ohnehin eher selten, nach fünfzig Metern ist die Höchstgeschwindigkeit immer noch im zweistelligen Bereich. Oben erwähnter Fitti Haselroth fällt übrigens von der ersten Sekunde an durch sein extravagantes Outfit auf. Karl Lagerfeld hätte bei seinem Anblick sicher einen spontanen Gebärmuttervorfall erlitten. Fitti tritt im straighten Achtziger-Jahre-Neonlook-Cross-Anzug auf. Dazu Motorradstiefel aus dem Rot-Kreuz-Fundus für rumänische Bergdörfer. Sein Helm mit aufgesetzter Irokesen-Frisur in den Deutschlandfarben lässt auch den letzten Schöngeist unter den Zuschauern schock-urinierend zusammenbrechen. Fitti hat es einfach drauf. Okay, der Mann ist neunundsiebzig. Da muss man die Knochen bei Laune halten.

Zu einem Mopedtreffen gehört eine Bikeshow, Pokale gab es in Form von mit der Laubsäge gebastelten Ankern

Wer sich in dem Alter die Haxen bricht, ist schon mit einem Bein im Grab. Insofern sei ihm jede Schutzmaßnahme verziehen. Die Farbgebung erfüllt jedoch den Tatbestand der psychologischen Kriegsführung und verstößt somit gegen die Genfer Konventionen. Dagegen seien die Gentlemen Rider auf ihren alten Engländerinnen lobend hervorgehoben. Die sehen nun wirklich zünftiger aus als ich einst auf meiner Konfirmation. Dagegen wirkt selbst Prince Charles wie der letzte Penner. Allgemein kann die Rennkleidung dieser Tage als sportlich adrett bezeichnet werden. Ein Kölner Jeck hat es sich nicht nehmen lassen, mit Karnevalskappe zu starten. Es hilft: Sein erstes Rennen gewinnt er. Aber eine Karnevalsmütze macht noch lange keinen Weltmeister. Dazu bedarf es mehr!

Den zum Wettbüro umgebauten Wohnwagen als Opiumhöhle vermieten

Sehr ambitioniert nimmt auch der Buchmacher des Veranstaltungsteams teil. Eigentlich war er mit der Annahme von Wettscheinen betraut, hatte jedoch eben diese irgendwo vergessen und konnte den zum Wettbüro umgebauten Wohnwagen als Opiumhöhle vermieten. Der Buchmacher war schon in den Vorrunden spektakulär mit seiner wirklich hübschen XS 400 gestürzt, was ihn dazu bewog, den Rest der Veranstaltung in Ruheposition mit regelmäßigen Alkoholeinnahmen zu verbringen. Schade, er war einer meiner Favoriten. Das Hauptrennen moderiert der Chef selbst: Jens Föhl – seines Zeichens Veranstalter in Person – führt völlig entspannt und informativ durch das Geschehen. Wahrscheinlich ist er der Einzige, der am Vorabend nicht bis zum Augenstillstand getrunken hat.

Wenn es Nacht wird, im Beach Club Nethen, dann wird’s wild-romatisch. Wer’s stressig mag, ist hier falsch

Der Skandal kommt wie so oft am Schluss. Obwohl: Skandal kann und darf man es nicht nennen. Während beim Viertel- und Halbfinale das Publikum noch relativ gelassen bleibt, hält es zum Finale nicht mal der Betäubteste mehr im Loungesessel aus. Denn durch seine beherzte Gashand hat es Fitti »Dreamboy-Papageienanzug« Haselroth mit der schnodderigen Leih-BMW in die Endausscheidung geschafft. Fitti hat ganz klar sämtliche farbenblinde und kopfamputierten Gäste auf seiner Seite und kann schon deshalb auf reichlich Publikumsanfeuerung hoffen. Und überhaupt haben ihn irgendwie alle lieb. Weil er einfach spektakulär cool ist.

Das nächste Wheels and Wake findet Mitte September statt

Und so ist das Endergebnis kein wirkliches Wunder: Die Fahne fällt, Fitti reißt das Gas auf, als wolle er einem Zackenbarsch den Hals umdrehen, die fette BMW steigt aus dem Sand auf und schluckt die 50,29 Meter mit einem Atemzug. Fitti siegt. Fucking-Old-Fitti ist Weltmeister in der Zweiundreißigstelmeile. Mit 79 Jahren. Sowas ist nur da möglich, wo der geballte Wahnsinn zusammentrifft. Für mich war es nach Jahren der Abstinenz mal wieder ein großartiges, perfekt gemachtes Treffen mit einem Haufen lustiger Leute, die einen nicht schräg von der Seite anpissen. Solche Wochenenden machen einfach nur Spaß, davon will ich mehr. Das nächste Wheels and Wake findet vom 9. bis 11. September 2022 statt. Ich werde da sein. Und ich werde Käptn Schmidt versägen. Oder Klos putzen, mal sehen.

Info | wheelsandwake.de

 

 

Frau Reuter
Frau Reuter bei CUSTOMBIKE

Martin Reuter ist unter seinem Pseudonym »Frau Reuter« inzwischen zweitdienstältester Mitarbeiter der CUSTOMBIKE. Der freischaffende Künstler rezensiert mit spitzer Feder und scharfem Wort Produkte, die seiner Meinung nach etwas Aufmerksamkeit bedürfen. Im wahren Leben ist er als Illustrator, Fotograf und Textautor tätig und spielt ganz nebenbei Bass und Orgel in der zweitschlechtesten Band der Welt. Kulinarisch betrachtet kocht er scharf und trinkt schnell. Als echtes Nordlicht badet er selbstverständlich nur in Salzwasser. Seine Vorlieben sind V8-Motoren und Frauen, die Privatfernsehen verschmähen. Stilecht bewegt er eine 76er Harley, restauriert eine Yamaha SR 500 und bewegt sich politisch korrekt die meiste Zeit mit dem Fahrrad fort.