Artikel speichern

0

AEE Big Twin – 1970 für US-amerikanische Bikeshows gebaut, als Superstar gefeiert, herumgereicht, geschunden, geschlachtet, geplündert und schließlich fast vergessen: In Las Vegas verwirklichte sich Bones Legacy in der Rettung und Wiederbelebung einer Legende.

Im Frühling 1969 hatten es Tom McMullen und seine »AEE Choppers«-Mannschaft geschafft: Ein »Best in Show«-Pokal für ihr Corvair-Trike auf der Oakland Grand National Roadster Show; und danach unglaublich gute Auftragseingänge. Als sich im Spätjahr die Bestellungen wieder beruhigten, war Tom bereit für ein Folgeprojekt. Er legte noch vor Weihnachten dem AEE-Team Zeichnungen vor, die voll einschlugen. Die Bilder stammten von Ed »Newt« Newton, der viele der verrückten Entwürfe für die abgefahrenen Hot Rods und Trikes von Ed »Big Daddy« Roth angefertigt hatte.

AEE Big Twin Trike mit vier massigen Rennwagenwalzen

Nach Newtons originalen Entwürfen, hätte das neue Projekt ein sechsrädriges Trike werden sollen. Zwei Räder eng zusammen an einer langen Vordergabel und vier massige Rennwagenwalzen nebeneinander an der Hinterachse. Das Ganze von zwei Sportster-Motoren befeuert. Newtons Vorgaben sahen ein teilverkleidetes Fahrwerk vor, mit einem Dach über dem Cockpit. David Brackett, der Chefdesigner von Toms Firma AEE Choppers, erstellte eigene Skizzen und technische Zeichnungen zur Verwirklichung des Projektes, das »Big Twin« heißen sollte.

Big Twin? Man sieht doch eindeutig einen Sportster-Motor! Korrekt und doch falsch: Das sind nicht ein, sondern zwei Sportster Aggregate – nebeneinander – darum Twin! Und Big sind die vier Walzen der Hinterachse

Davids Konzept sah an der Springergabel nur ein einzelnes Rad – anstatt der Zwillingsräder – vor. Tom nickte zu Davids Vorschlägen und ab dem Zeitpunkt blieben ihm knappe 32 Tage bis zur nächsten Grand-National-Show. Mittlerweile hatte sich David schon umgesehen. Ein Automatikgetriebe von Ford, das die Kraft der doppelten Sportster-Motoreinheiten an die Hinterräder liefern sollte und eine Servicar-Hinterachse waren greifbar. Die Zeit war so knapp, dass David den Drehtisch, auf dem das Bike während der Show präsentiert werden sollte, erst baute, nachdem das fertige Trike schon aufgeladen und auf dem Weg zur Show war.

Das AEE Big Twin Trike ging von Ausstellung zu Ausstellung

Big Twins Debüt schlug ein wie eine Bombe. Der Megakracher wiederholte nicht nur den Erfolg des Corvair-Trikes mit dem »Best in Show«-Gewinn, sondern darüber hinaus war das neue Trike sofort für das ganze Jahr ausgebucht, ging von Ausstellung zu Ausstellung. Doch unsachgemäße Behandlung während der Transporte und das massive Gewicht forderten ihren Tribut: Der Lack begann an manchen Stellen Risse zu zeigen. War es die Masse der zwei Motoren, die die Federn der Gabel hatte auf Block zusammengehen lassen? So konnte man das Showgerät nicht länger zeigen. AEE ließ das Trike neu lackieren. Jetzt in Lila, Grün und Gelb, anstatt in den Originalfarben Rot, Silber und Gold.

Richard »Richie« Mirando (links), bekannt als Seen, wurde 1961 in der Bronx von New York geboren. Er zählt zu den weltweit bekanntesten Graffitikünstlern und wird gerne als »Godfather of Graffiti« bezeichnet. Bereits nach Abschluss der Schule zog es Paul Ponkow (rechts) nach Las Vegas. Er restaurierte mehrere Chopper und verkaufte sie. Irgendwann stellte er fest, dass drei dieser Bikes beim selben neuen Besitzer gelandet waren: Richard Mirando. Nach einigen Mails trafen sich die beiden und beschlossen, fortan zusammen historische Bikes zu suchen, zu kaufen und zeitgenössisch zu restaurieren oder aufzubauen. Eines Tages sollen all diese Motorräder in einem eigenen Museum ausgestellt werden.

Vorne wurde die Springergabel durch eine ungefederte, stabilere Girder-Konstruktion aus Vierkantmaterial ersetzt. Ein weiteres Jahr war Big Twin ein Showmagnet für AEE. War das Trike mal gerade nicht auf den Shows zu sehen, stand es im Verkaufsraum und lockte Kunden an. Irgendwann im Spätjahr 1971 verkaufte AEE Big Twin an den in Missouri ansässigen Bike-Show-Veranstalter Ray Fahrner. Ray schließlich schloss sich mit Don Connelly kurz, der eigene Shows in der Gegend von Denver veranstaltete und verkaufte das Trike an ihn. 1980 entschied Don, dass Big Twin umgebaut werden musste. Er stellte das Trike in einen Customshop, um dort die Änderungen, die ihm vorschwebten, vornehmen zu lassen. 

Der Rahmen wurde aufgeschnitten, um einen Kompressor anzubringen

Big Twin wurde zerrissen und ausgeschlachtet. Der Rahmen sogar aufgeschnitten, um einen Kompressor anzubringen. Auch die Auspuffanlage war in dem ganzen Treiben abhanden gekommen. Bis dann nichts mehr passierte. Don wollte für die schlampige Arbeit nicht bezahlen. So stand das Ding einfach nur herum, ganze zehn Jahre lang. 1991 wurde Big Twin dann an Jerry Whitley verkauft. Der fünfrädrige Showstar war elendig heruntergekommen. Jerry wollte ihn restaurieren, kam jedoch nie dazu. Bei ihm stand das Trike dann weitere 20 Jahre. Die Welt wandelte sich während dieser Zeit extrem.

Fat Tires: Die fetten Walzen dominieren das Heck Big Twins. Es sind übrigens noch die originalen, aufgearbeiteten Gummis. Ersatz war bis heute nicht aufzutreiben

Eine der größten Veränderungen – das Internet – sorgte schließlich dafür, dass das Trike aus seinem Tiefschlaf erweckt werden sollte: In Foren waren Gerüchte gestreut, wie und wo die frühere Showqueen vor sich hingammelte. Und im Sommer 2011 tauchte Big Twin zur Versteigerung in Ebay auf: Mindestgebot 5.000 Dollar. Doch das Trike war so verschlissen, … niemand gab ein Gebot ab. Im Dezember 2011 war es dann Richie Mirando, ein Privatsammler, der das Trike kaufte. Er setzte alles daran es zu kriegen und es in sein geplantes Chopper-Museum in Las Vegas zu integrieren.

»Warum hat er diesen Scheißhaufen überhaupt gekauft?«

Paul von Bones Legacy war für den Restaurierungsjob vorgesehen. Er hatte ja schon vorher einige der Chopper-Restaurierungen für Richie übernommen. »Was ich von Big Twin noch wusste, aus den späten Achtzigern, war, dass ich damals eine Kaugummi-Sammelkarte hatte, auf der das Trike zu sehen war«, erklärt uns Paul Ponkow seine anfängliche Unwissenheit. »Doch mein Partner Richie wusste alles über Big Twin und seine Geschichte. Er konnte überhaupt nicht verstehen, dass ich ihn fragte, warum er diesen Scheißhaufen überhaupt gekauft hat.« Paul war wenig motiviert, an das Gerät heranzugehen. »Die Komplexität … das schien einfach über meine Kapazitäten zu gehen. Und wenn doch, würde es ein ganzes Team von Leuten brauchen, die mithelfen«. 

Sammlerstück: Auf der alten Kaugummi-Sammelkarte ist die zweite Lackierung zu sehen. Paul und Richie wollten die ungefederte Girdergabel der überarbeiteten Version, entschieden sich allerdings für den Lack der Urausführung

Im Februar 2012 hat Paul sich überwunden und trotzdem angefangen. Er baute beide Motoren aus und zerlegte sie. Die Chromschicht war absolut am Ende. Monate zogen ins Land, bevor Entscheidungen fielen, wie zum Beispiel weitere Reparaturen angegangen werden sollten. Einer der Gedanken war, Big Twins Vater ins Team mit aufzunehmen. »David Brackett hatte mich schon im Frühjahr 2012 kontaktiert und er war damals nicht abgeneigt, seinen Teil an der Restaurierung beizutragen«, erklärt uns Paul.

Die Restauration des AEE Big Twin Trike zog sich …

»Im Oktober 2013 schickten wir also das Trike zu Dave nach Port Angeles, damit er alles so wiederherstellte, wie er es vor 45 Jahren entworfen und gebaut hatte.« Als wir Bones Legacy besuchten und Big Twin noch immer in diesem Stadium vorgefunden haben, glaubten wir fast nicht mehr an ein Happy End. Doch schon da stand fest: Sollte es eines Tages fertig werden, würden wir darüber berichten. Dich irgendwie traute sich kein Lackierer an die Arbeit. Der erste, der es dann doch versuchte, … lassen wir’s …, doch der zweite war ein echter Experte: Ryan Evans von Count’s Kustoms.

Lackkunst: Ryan Evans, bekannt aus der Reality-TV-Serie Counting Cars, gelang es, die ursprüngliche Lackierung nach alten Bildvorlagen wiederherzustellen

Eine Lackierung wieder herzustellen, ist die eine Sache, es mit nur einigen alten Bildern als Referenz zu tun, steigert die Schwierigkeit exponentiell. Am Ende zeigte sich, dass er der richtige Mann für diese Arbeit war. Nun war ja noch einiges anzupassen. Eine der größten Herausforderungen war der Einbau der Motoren, ohne den Lack zu beschädigen. »Wir schafften es, ohne einen einzigen Kratzer im Lack!«

 

 

 

 

Horst Heiler
Freier Mitarbeiter bei

Jahrgang 1957, ist nach eigenen Angaben ein vom Easy-Rider-Film angestoßener Choppaholic. Er bezeichnet sich als nichtkommerziellen Customizer und Restaurator, ist Mitbegründer eines Odtimer-Clubs sowie Freund und Fahrer großer NSU-Einzylindermotorräder, gerne auch gechoppter. Als Veranstalter zeichnete er verantwortlich für das »Special Bike Meetings« (1980er Jahre) und die Ausstellung »Custom and Classic Motoräder« in St. Leon-Rot (1990er Jahre). Darüber hinaus war er Aushängeschild des Treffens »Custom and Classic Fest«, zunächst in Kirrlach, seit 2004 in Huttenheim. Horst Heiler ist freier Mitarbeiter des Huber Verlags und war schon für die Redaktion der CUSTOMBIKE tätig, als das Magazin noch »BIKERS live!« hieß. Seine bevorzugten Fachgebiete sind Technik und die Custom-Historie. Zudem ist er Buchautor von »Custom-Harley selbst gebaut«, das bei Motorbuch Stuttgart erschienen ist, und vom Szene-Standardwerk »Save The Choppers!«, aufgelegt vom Huber Verlag Mannheim.