Was kommt dabei raus, wenn man ein fast 100 Jahre altes Vickers-Kurbelgehäuse mit Zylindern aus einem Volkswagen kreuzt? Jede Menge Kopfschmerzen – und ein wirklich außergewöhnliches Motorrad
Herr Kantonen mag V-Twins und ungewöhnliche Umbauten, und Herr Kantonen hat wenig Geld, weshalb er immer alles selber machen muss und jeder seiner Umbauten maximal 1000 Euro kosten darf – Arbeitszeit natürlich nicht eingerechnet. Außerdem kommt Herr Kantonen aus Finnland, was als Erklärung für so einiges völlig ausreicht. Sind die Finnen doch die Art Schrauber, die schon oft für die ganz merkwürdigen Auswüchse in Sachen Custombikes verantwortlich waren.

Mit Vornamen heißt Herr Kantonen Anssi, ist gelernter Architekt, macht aber verschiedene andere Jobs, so restauriert er zum Beispiel alte Autos. Dazu hat er durchaus eine bewegte Vergangenheit und war früher absolut hippiemäßig unterwegs, »aber schreibt das bitte nicht in euer Heft …«. Nur, wie sollen wir sonst seine Vorliebe für VW-Busse erklären?
Die Liebe zu den VW-Bullis
Zu Anssis Fuhrpark gehört unter anderem ein 67er Split-Window-Bulli, der mit der geteilten Windschutzscheibe. Und da passend zu den Bussen auch noch genug alte Teile rumlagen, dachte sich der Finne, er baut mal was zweirädriges draus. Die zwei Zylinder aus dem Volkswagen-Boxer, komplett mit Köpfen, bearbeitete Anssi für die filigrane Linie seines Choppers nachhaltig.

So schnitt er für eine cleane Optik Material aus den Kühlrippen heraus, dazu bastelte er ein Paar Adapter-Platten, um den neu entstandenen Motor sauber im antiken Kurbelgehäuse Marke Vickers – eine englische Motorenfirma – zu fixieren. Zudem war der Plan, den Motor mittels Amal-Vergaser und Bosch-Magneto-Zündung zu betreiben. Nach dem ersten Anlassen – nicht im Chassis, sondern stehend mit einem Anlasser verbunden – war klar, die Sache läuft nicht rund.
Böser Fehler
»Ich dachte, die Kompression ist zu niedrig, also rasierte ich noch einiges an Material aus den Zylindern, um eine höhere Verdichtung zu bekommen.«, kratzt sich Anssi am Kopf und fügt hinzu »Böser Fehler, viele Kopfschmerzen.« Beim nächsten Start Up traf der hintere Kolben ein Ventil, das Motorgehäuse riss.

»Da kapierte ich, dass nicht die Kompression das Problem war, sondern die Zündung, die ihren Funken nur schwach im hinteren Zylinder abgab. Alles mein dämlicher Fehler … und da stand ich nun mit dem gerissenen Gehäuse«, schüttelt Anssi den Kopf. Fast wäre das das Ende der Story gewesen, aber eben nur fast.
Verrückter findet verrückten
Keiner der angefahrenen Schweißer wagte sich an das historische Material, um den Schaden zu reparieren. Zudem stellte sich raus, dass das Gehäuse nicht, wie angenommen, aus Aluminium, sondern aus Magnesium war. Doch letztlich findet ein Verrückter immer einen, der noch durchgeknallter ist.

Bei einem Schweißer in Helsinki konnte das beinahe hundert Jahre alte Gehäuse dann doch zur vollsten Zufriedenheit wieder hergestellt werden. Der Motor, verbunden mit dem deutschen Hurth-Dreigang-Getriebe und der Handschaltung, gebaut aus Ommas Fleischerhaken, war bereit für die Transplantation.
Minimal ist Trumpf
Den ultraschmalen Rahmen baute der Finne wie nahezu alles andere an seinem »Rocket Reducer« selbst. Den 4-Liter-Tank fertigte er aus Stahl, die lackierten Seitenteile desselben aus Aluminium. Darunter befindet sich rechts der Öltank, versehen mit einem kleinen Kipphebel, der immer die richtige Menge Öl in den Motor tropfen lässt.

Auf der linken Seite des Tanks bot sich Platz für die Batterie, die die Lampen mit Strom versorgt. Das Rear End entlieh sich der Finne ebenfalls von einer Traditionsmarke. Der 15 Zöller stammt mitsamt Minimal-Trommel von BSA, vorn wurde auf die Bremse verzichtet, »hätte die Selbstbau-Gabel eh nur verunstaltet …«, gibt sich Anssi kämpferisch.
Wohin mit den Umbauten?
Und weil sowieso alles selber gerührt ist, bog sich der Schrauber flugs noch ’nen Lenker zurecht und gibt sich verzückt ob des 20er Jahre Harley-Charmes, den Gabel und Lenker nun versprühen. »Nur die Schweinwerfer sind etwas komisch, ich weiß«, gibt er zumindest noch zu. Das Gehäuse stammt vom finnischen Hersteller Solifer und beherbergt je 24 LED-Birnchen … »und die Linsen sind aus Weinflaschen gemacht«, erklärt Anssi.
Nur ein Problem lässt den Schrauber immer wieder nachdenken. »Ich bekomme nie ’ne Zulassung für eines meiner Bikes. Ich liebe meine Umbauten wirklich, aber wenn sie fertig sind, weiß ich nicht wirklich, was ich mit ihnen machen soll.«
Nach dem Volkswagen ist nicht Schluss
Nach unserem Ausflug nach Finnland hörten wir übrigens, dass Herr Kantonen bereits am nächsten Projekt werkelt. Ein JAP-Motor, den er in Dänemark gefunden hat, soll dabei eine Rolle spielen, auch von einem Kompressor ist die Rede.

















