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Jetzt gibt’s Leistung satt. Wir helfen Harley Evolution-V2 mit radikalen Maßnahmen auf die Sprünge.

Wer von einem japanischen Big Bike oder gar einem Supersportler auf eine ältere Harley-Davidson mit Evo-Motor umsteigt, der wird sich vermutlich wundern, wie wenig Leistung so ein V-Twin hat, wie rau und laut er läuft. Hier treffen kaum mehr als 60 PS auf eine gehörige Portion Eisen. Zumal vor allem bei höheren Drehzahlen heftige Vibrationen davon künden, wie angestrengt der Antrieb ist. Doch dem altehrwürdigen 45°-V2 kann man gehörig auf die Beine helfen. Will man den Motor an das Leistungsniveau eines Vierzylinders annähern und gleichzeitig die Zuverlässigkeit steigern, dann muss man einen vergleichsweise hohen Aufwand treiben.

Perfekte Teile, enge Toleranzen: Solch ein Aufwand ist in der Serien­produktion nicht möglich. Liegen die Pleuel in einer Linie, sind sie ganz gerade? Selbst die Lagerbohrungen liegen oft nicht exakt in einer Flucht

CUSTOMBIKE hat das High-End-Tuning an einem Evo-Motor begleitet und zeigt, mit welchen Tricks der müde Oldie zum temperamentvollen Kraftwerk wird. Joop van Amelsvoord aus den Niederlanden hat uns einige seiner Kniffe aus 25 Jahren Harley-Tuning verraten. Auf seinem steinigen Weg mit Prüfstandsläufen, Experimenten, Misserfolgen und zerstörten Aggregaten hat der Holländer einen beachtlichen Erfahrungsschatz angehäuft. Er kennt die Einflüsse von Ausbalancieren, anderen Rollenlagern oder stärkeren Ölpumpen auf die Lebenserwartung der V-Twins. 

High-End-Tuning an Harleys Evolution-V2

Zunächst bringt Joop Kurbelwelle und Flywheels exakt in die Reihe, er sorgt dafür, dass die Gehäusehälften geometrisch korrekt aufeinanderpassen. Mit speziellen Messinstrumenten überprüft er die Wuchtung der Kurbelwelle, nachdem er spezielle Hauptlager mit Lagerkäfigen aus gehärtetem Material verbaut hat. Wer die Motorleistung spürbar steigern will, kommt um radikale Maßnahmen nicht herum. Um das Motorgehäuse zu verstärken, schweißt Joop daher Material auf, vor allem im Bereich zwischen den beiden Zylindern. Anschließend werden die Aluminiumraupen auf der Fräsbank zu einem ansehnlichen, aber deutlich stabileren Gehäuse bearbeitet.

Die Käfige der Pleuellager sind aus Alu gefertigt und mit einer speziellen Beschichtung versehen. Die Kerben an den Seiten sorgen für bessere Ölverteilung

Joop hält nicht viel vom maßlosen Erweitern des Hubraums, geht das doch in der Regel mit unangenehmen Vibrationen einher. Auch mit 1340 Kubikzentimetern lassen sich 80, 90 und mehr Pferde mobilisieren, so der Holländer. Zur Steigerung von Leistung und Drehmoment müssen vor allem die Zylinderköpfe modifiziert werden. Der Motorenmann erweitert den Durchmesser des Auslassventils und verkleinert das Einlassventil, erneuert Sitze sowie Führungen und glättet die Kanäle im Zylinderkopf. Bei der High-End-Ausbaustufe geht er gar über klassisches Motortuning hinaus und modifiziert die Form des Brennraums durch Aufschweißen und Nachfräsen in Form einer Badewanne.

Harleys Evolution-V2 mit Ross-Racing-Kolben

Joop schwört auf nikasilbeschichtete Zylinder in Verbindung mit Ross-Racing-Kolben für eine erhöhte Verdichtung. S&S-Supreme-Pleuel zeigen sich stabiler gegen hohe Drücke, außerdem sorgt ein Zentrifugalsystem für verbesserte Schmierung. In Verbindung mit einem selbst gefertigten Ölpumpencover für die S&S-HVHP-Ölpumpe mit 1,5:1-Übersetzung und einem Goodridge-Ölkühler zeigt sich der Motor später resistent gegen Überhitzung. Nadellager für die Nockenwelle und das Reduzieren sämtlicher Toleranzen innerhalb des Motors vervollständigen das aufwändige Motortuning.

Eine bessere Balance sorgt also für einen ruhigeren Lauf und – noch viel wichtiger – sie steigert Leistung und Lebensdauer. Auch die Pleuel werden darauf abgestimmt

Und was bringt der mühevolle Eingriff in den Evo-Motor nun? Ein mit Komponenten von Truett & Osborn, S&S, Ross Pistons und Crane aufgebauter 1340-ccm-Evo beschleunigt eine Harley mal eben auf echte 207 km/h. Vibrationen gibt es durch die Mühen bei Wuchtung und Ausmitteln kaum noch. Und auch der Benzinverbrauch hat sich im Vergleich zum Serienbike deutlich verringert. Das gewaltige Durchzugsvermögen lässt nicht auf den Serienhubraum schließen. Wer jemals mit diesem Bike gefahren ist, der sieht eine Harley mit anderen Augen: Mit entsprechendem Aufwand wird ein Evo-Motor richtig schnell und dabei auf Dauer zuverlässig. 

 

Paul Funk