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Heute testet Frau Reuter: Den Gedore-Red-Werkzeugkoffer, die UE-Boombox und die anarchischen Söhne. 

Es gibt Werkzeugkoffer und Werkzeugsets wie Sand am Meer. Ich habe immer noch einen Notfallkoffer von Aldi, der allen Unkenrufen zum Trotz bis zum heutigen Tag vollständig ist und noch keinerlei Ausfälle zu verzeichnen hat. Allerdings liegt der im Fahrradschuppen rum und steht der Familie zur Verfügung. Die nicht mal fünfzig Euro, die er damals gekostet hat, haben sich also gelohnt. Nun ist es so, dass die Nachbarin, genauer gesagt die Frau des Doktors, Frau Doktor könnte man also sagen, einen eigenen Werkzeugkoffer haben will. Nur für sich alleine. Wo alles drin ist, was man im Fraudoktoralltag so braucht. Sie muss nämlich immer alles heile machen und wechselt sogar die Autoreifen von Winter auf Sommer und umgekehrt. Die Dame ist also schon anspruchsvoll. Und als letzte Woche unser Lidl-Markt einen gewaltigen Werkzeugkoffer samt Inhalt anbot, hat sie gleich gesagt, so’n Scheiß will sie nicht im Haus haben, sie möchte was Vernünftiges. Und es sollten anständige Zangen und ein Hammer dabei sein. 

Werkzeugkoffer zum Schnäppchenpreis

Wie der Zufall so will, bin ich mit der Frau Doktor kurz vorm Wochenende bei Herrn Schoppe, weil wir Schrauben für unseren gemeinsamen Gartenzaun brauchen. Und da steht im Eingangsbereich ein Riesenstapel Werkzeugkoffer für 159 Euro netto. Von Gedore, Gedore Red genauer gesagt. Das ist sozusagen die Consumer-Schiene von Gedore und entspricht qualitätsmäßig dem Werkzeug von Carolus, das mich schon ein halbes Leben erfolgreich begleitet. Und dafür, meine Damen und Herren, ist der Werkzeugsatz ein echtes Schnäppchen! Neben einem kompletten Ring-Maulschlüsselsatz von acht bis neunzehn Millimeter wird hier ein umfangreicher Ratschensatz mit 1/4 und 1/2 Antrieb geboten, natürlich mit Verlängerungen und allem Drum und Dran.

So ein schöner Doktorkoffer gefällt auch der Arztgattin: Für unter 200 Euro ist alles drin, was Schrauber brauchen – und das in einer für den Preis mehr als angemessenen Qualität

Der Viertelzollsatz hat Nüsse von vier bis dreizehn Millimeter, der Halbzollsatz geht von zehn bis zweiunddreißig Millimeter. Zusätzlich ein Satz Inbusschlüssel von 1,5 bis zehn Millimeter, ein Engländer und ein astreiner Seitenschneider. Eine Spitzzange, die ihrem Namen alle Ehre macht, und eine Rohrzange runden das Bild ab. Die sechs Schraubendreher hatte ich erst kritisch beäugt, weil sie wenig vertrauenerweckend wirken, aber die Griffe sind fantastisch, auch wenn sie scheiße aussehen. Die Dinger kleben förmlich in der Hand und es ist sogar ein Kreuzschlitz in Größe drei an Bord. Sowas braucht man zwar nie, aber wenn mal DIE fette Kreuzschlitzschraube da ist, weiß man, was zu tun ist. Als kleine Dreingabe gibt es noch einen Bithalter für die Hand und einen Bitsatz mit Inbus, Torx, Schlitz- und Kreuzschlitz, der für alle Belange ausreichend ist.

So ist’s recht: Frau Reuter kauft nicht mehr bei Amazon

Der Koffer selbst ist aus gutem Kunststoff gegossen und hat vorn UND seitlich metallene Schnappverschlüsse. Ach – und dann ist da noch der wunderbare 500-Gramm-Hammer mit dem Stiel aus Hickory-Holz! Der war es nämlich, der die Frau Doktor dazu brachte, diesen Koffer tatsächlich auf mein Anraten zu kaufen. So einen schönen Hammer hätte sie ja noch nie gesehen, meinte sie, was ich ihr auch sofort glaubte. Ich hatte auch angeboten, ihr einen noch schöneren Hammer zu zeigen, aber sie meinte, dieser hier sei genau richtig. Ein ähnlicher Koffer von Gedore Blau, was ja die Profireihe von Gedore ist, kostet fast 400 Euro. Wenn man Glück hat, bekommt man ihn bei Amazon für 260 Euro. Aber da kauf ich nicht mehr.

Frau Reuter

Und die Nachbarin fand es auch viel toller, mal im Fachgeschäft einzukaufen und so richtig beraten zu werden. Insgesamt war die Dame so glücklich, dass sie abends nicht mal gemeckert hat, als ich mit ihrem Mann im Schuppen zwei Flaschen vom roten Italiener weggesoffen habe. Dazu eine Live-Platte von den Allman Brothers und ein Gespräch über den Niedergang der Welt – so läutet man ein Wochenende akademisch gepflegt ein! Wenn ich MIR oder meiner Frau oder meinem Sohn einen Werkzeugkoffer kaufen sollte, ich würde genau DIESEN nehmen. Punkt. Weil er gut und geradezu haarsträubend günstig ist.  Die Hersteller-Artikelnummer ist: R46003100. Bei Gedore zahlt ihr rund 190 Euro, im Fachhandel stets weniger. 

Boombox – So groß wie ’ne Halbliterdose Bier

Bei den Allman Brothers fällt mir unsere neue Garagen-Musikbeschallung ein. Als ich oben »Live-Platte« schrob, meinte ich tatsächlich das Handy. Heutzutage hat man seine Mucke ja auf dem Handy oder streamt die Scheiße direkt aus dem All ins Wohnzimmer. Für die Garage hat der beste aller Söhne nun eine sogenannte Boombox angeschafft. Das Ding ist etwa so groß wie ’ne Halbliterdose Bier und wird entweder per Kabel oder über Bluetooth mit dem Handy verbunden. Der Klang ist tatsächlich absolut überzeugend! Nicht, dass man damit eine Party beschallen könnte, aber für einen flauschigen Abend zu dritt oder viert langt das Ding allemal und es klingt etwa sieben Millionen mal besser als jedes Handy. Und sicher auch besser als jede Billig-Stereoanlage. Wir sind völlig begeistert und mein Freund Hippie hat sich so’n Ding gekauft, weil er beim Radfahren damit toll Mucke hören kann. Der Führerschein ist nämlich im Urlaub …

Klein wie eine Lackdose, aber mit voller Musikpower. Die Boombox beschallt nicht nur die eigene Garage prima mit »Sweet Home Alabama«, sondern taugt auch bestens für unterwegs

Unsere Kiste hier heißt »UE Boom«, ist wasserdicht, läuft offiziell fünfzehn Stunden mit Akku. Ich kann maximal zehn Stunden bestätigen, was ich aber grandios finde. Eigentlich ist mir sowas einen Tick zu modern, aber es ist einfach mordspraktisch, zumal man mit dem Ding auch in den Garten gehen kann. Oder in die Badewanne. Sehr schön bietet sich das Teil natürlich für den Motorradurlaub an. Eine Öse zum Anhängen ist auch dran. Diese kleine Ersatz-Stereoanlage kostet rund hundert Euro und begeistert mich täglich. Auch dieses Produkt würde ich live im Fachgeschäft kaufen und ausprobieren! Tolles Teil. Wenn es so weitergeht, werden wir bald auf dem Mond landen. 

Ach nee, Frau Reuter schaut jetzt Sons of Anarchy

Zu guter Letzt kann und will ich euch eine weitere Serie aus dem Universum des Kulturwahnsinns vorstellen, die ihr vermutlich längst kennt. Ich war bisher drumherum gekommen aber ZWEI meiner Bekannten haben mir diese Serie empfohlen, nachdem ich am Ende von Breaking Bad in ein tiefes Loch gefallen bin. Das sei total toll. Und irgendwie sogar an Hamlet angelehnt. Und das müsse man gesehen haben. Die Rede ist von »Sons of Anarchy«. Nun bin ich wirklich geduldig, was kulturelle Grenzüberschreitungen angeht. Selbst die Fettecke von Joseph Beuys und die Pelztasse von Meret Oppenheimer haben einen wichtigen Platz in unserer Kultur.

Ein bisschen wie ein Unfall: Irgendwie doof, aber man muss trotzdem gucken. Frau Reuter spürte zwar einen gewissen Suchtfaktor, findet »Sons of Anarchy« aber trotzdem blöd

Aber bei »Sons of Anarchy« komm’ ich nicht mehr mit. Oder ich hab das alles nicht verstanden. Egal, für alle, die den Mist noch nicht gesehen haben: Es handelt sich hier um die Geschichte von Rockern, die ihre Kohle mit Waffen und Drogen machen und versuchen, sich in der realen Welt damit zu etablieren. Die Charaktere sind dabei so wunderbar dümmlich dargestellt, dass es nur so kracht. Der Humor ist also unfreiwillig. Die Motorräder der Gang sind hässlich wie die Nacht. Die zwischen den Zeilen vermittelte Philosophie ist vorpubertär-dämlich. Aber: wie auch in der Lindenstraße oder bei Dallas baut sich ein gewisser Suchtfaktor auf, der dazu führt, dass man doch immer wieder eine der bekackten DVDs in den Apparat schiebt. Die komplette Serie (30 DVDs) bekommt man bei eBay hinterhergeschmissen und selbst neu für nur 70 Euro. Das sind lumpige 2,33 Euro pro Scheibe und mehr ist’s auch nicht wert. Wenn ihr euch also mal wieder richtig schlecht amüsieren wollt, wenn ihr wissen wollt, wie B-Klasse-Schauspieler und Vollpfosten-Regisseure sich das Leben in diesem Milieu vorstellen, dann solltet ihr unbedingt diese Serie sehen. Euer Leben gewinnt aber eher an Klasse, wenn ihr statt dessen den kleinen Maulwurf oder Tom und Jerry guckt.

Und so verbleibe ich mit kulturell ausschweifenden Grüßen,
Euer Martin

 

Frau Reuter
Frau Reuter bei CUSTOMBIKE

Martin Reuter ist unter seinem Pseudonym »Frau Reuter« inzwischen zweitdienstältester Mitarbeiter der CUSTOMBIKE. Der freischaffende Künstler rezensiert mit spitzer Feder und scharfem Wort Produkte, die seiner Meinung nach etwas Aufmerksamkeit bedürfen. Im wahren Leben ist er als Illustrator, Fotograf und Textautor tätig und spielt ganz nebenbei Bass und Orgel in der zweitschlechtesten Band der Welt. Kulinarisch betrachtet kocht er scharf und trinkt schnell. Als echtes Nordlicht badet er selbstverständlich nur in Salzwasser. Seine Vorlieben sind V8-Motoren und Frauen, die Privatfernsehen verschmähen. Stilecht bewegt er eine 76er Harley, restauriert eine Yamaha SR 500 und bewegt sich politisch korrekt die meiste Zeit mit dem Fahrrad fort.