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Heute testet Frau Reuter Fischdosen und Mopedstiefel.

»Ich kotz gleich«, sagt Hippie emsig kauend. »Mach ma noch eine Dose leer, danach gibt’s ’n Schnaps«, spricht Köppke ihm gut zu. Köppke isst keinen Fisch. Er musste als Kind immer gekochten Dorsch essen, weil sein Vater Sportangler war. Der hat dreimal die Woche kiloweise Dorsch aus der Ostsee geholt. Und weil Köppkes Mutter nicht gerade die einfallsreichste Köchin war, hat sie den in Dill-Senfsauce gekocht und mit Kartoffeln serviert. Klein-Köppke musste die Scheiße in sich reinschaufeln, damit er groß und stark wird. Und nun ist der Junge völlig fischparalysiert. Er kriegt schon Herzrasen, wenn er an einem Zoogeschäft vorbeigeht, wo ein Aquarium im Schaufenster steht.

Die Sache mit den Fischdosen

Ich nehme meine drei Fischdosen und schnapp mir die von Hippie und geh abwaschen. Köppke holt den Schnaps aus dem Farbregal. Wir leben wie die Helden, denke ich mir. Schnaps am helllichten Tag. Das muss das Paradies sein. Warum das Ganze? Hatte ich nicht erzählt, dass ich nun stolzer Besitzer einer Simson S 50 bin? Wie dem auch sei, das Ding ist vollständig, aber völlig verbastelt. Und weil wir den Schlorren jetzt komplett zerlegen wollen, brauchen wir reichlich kleine Döschen, um die Kleinteile unterzubringen.

Genuss- und Spartipps aus dem Hause Reuter: Ordentlich Dosenfisch essen und die leeren Dosen ganz praktisch in der Werkstatt wiederverwenden

Im Wohnwagen hatte ich noch ’ne kleine Fischdose vom letzten Jahr gefunden, die hab ich am Vorabend vernichtet und dann fiel mir plötzlich ein, dass so ’ne leere Dose doch ideal zur Schrauben- und Kleinteileaufbewahrung taugt. Also hab ich heute Vormittag gleich mal zehn Dosen gekauft – Hering in Tomatensauce kann man eigentlich immer gut vertragen. Hab ich mir so gedacht. Na ja, und nun sind Hippie und ich satt, weil wir jeder drei fett belegte Heringsbrote gegessen haben und als Abfall haben wir sechs astreine Kleinteiledosen. Insofern ist das hier nicht nur der vorweggenommene kulinarische Tipp, sondern gleichzeitig auch eine Empfehlung für die Reisepacktasche. Man kann die Dosen auch als Aschenbecher verwenden. Schmeckt lecker und kostet im Supermarkt nur einen Euro. Hippie fiel aber gerade ein, dass Thunfischdosen auch gehen, die sind etwas höher und sogar billiger … aber dann hätten wir heute sechs Dosen Thunfisch essen müssen. Da hätte sogar ich gekotzt, glaub ich. Auf alle Fälle hat man sich danach mindestens einen Schnaps verdient. Und darum geht es ja am Ende eigentlich.

Frau Reuter hat ’nen Stiefeltipp

Im Grunde wollte ich euch aber meine neuen Stiefel vorstellen. Ja, es ist wieder so weit. Neues Jahr, neue Schuhe. Ich hab den Schuh hier im Motorradfachhandel gesehen, allerdings war er mir ’ne Nummer zu klein. Also bin ich erst mal nach Hause, hab mir jede Menge Testberichte auf Youtube angesehen und schließlich bestellt. Und dann kommen die Dinger hier an, passen eins a und sehen schlicht kackbraun aus. Hm. Im Internet waren die alle schön rotbraun-abgeledert. Da hat wohl der osteuropäische Hersteller ein wenig am Farbhebel gespielt. Aber es gibt Tricks: Erst mal hab ich die Dinger richtig fett eingecremt. Mit klarem Lederfett. Und dann raus in die Walachei. Mit Mutti durch den Wald spazieren und so. In Pfützen rumplantschen wie die kleinen Arschlöcher um uns rum. Und siehe da: Nach ein paar Tagen kommt Leben ins langweilige Kackbraun. Und wenn ich so weitermache, wird es zum Sommer ein richtig schicker Stiefel sein, da bin ich mir sicher.

Sag noch einer, so ein Mopedstiefel muss teuer sein: Das TCX-Paar gibts über Louis für angemessene 215 Euro, kannste nicht meckern

Kommen wir zum Technischen. Die Prügel heißen TCX Hero WP, das WP steht für »waterproof«. Optisch sind sie einem klassischen Herrenschnürstiefel ähnlicher als den alten Springerstiefeln oder DocMartens. Zudem ist die Sohle offensichtlich zwiegenäht. Sowas hält im Idealfall ewig. Jeder Schuster wird die irgendwann abgeschlurfte Sohle erneuern können. Zwischen Futter und Außenleder ist eine GoreTex-Membran, darum kommt auch kein Wasser durch. Mittlerweile wissen wir: GoreTex ist zwar wasserdicht, aber weder atmungsaktiv noch sonst irgendwie aktiv. Das funktioniert nur im Labor und unter Druck. In Stiefeln und Jacken können wir uns GoreTex einfach als teuren Plastikfolien-Ersatz vorstellen. Worauf ich hinaus will: Wenn man so einen Schuh einen Tag lang getragen hat, sollte man ihn ordentlich auslüften lassen. Man wird es auf keinen Fall vergessen, denn die eigene Nase wird einen beim Ausziehen darauf hinweisen.

Nach etwa einer Woche war es MEIN Schuh

Ansonsten ist es ein ganz hervorragender Motorradschuh, der an den Knöcheln massiv verstärkt ist und eine extra aufgenähte »Schalthebelverstärkung« hat. Das Wort ist natürlich purer Unsinn, eine Schalthebelverstärkung hab ich, wenn ich an meinem Schalthebel noch mal fünf Millimeter Rundstahl ranschweiße. Die Jungs von TCX meinen sicherlich was anderes. Eine Lederverstärkung gegen Abnutzung durch Schalthebel. Oder irgendwie so. Auf jeden Fall ist so eine Verstärkung an beiden Schuhen angebracht – geht also auch für Rechtsschalter wie alte Triumphs und Aermaccis und so ’n Zeug. Mit dem Einlatschen muss man geduldig sein – nach etwa einer Woche war es MEIN Schuh.

Wasserfest und durchaus cool: Der Stiefel von TCX. Regelmäßiges Durchlüften aber bitte nicht vergessen, sonst riecht es bei Reuters noch stärker nach Dosenfisch als eh schon

Das An- und Ausziehen ist bequem, weil die Dinger nur einmal zugebunden werden. Danach wird man sich über den an der Innenseite angebrachten Reißverschluss freuen. Die Innensohle ist herausnehmbar, waschbar und logischerweise auch ersetzbar. Nach anfänglichen Zweifeln bin ich nun Eins mit diesem Schuh, vor allem bei schlechtem Wetter. Aber es ist wirklich nur ein Schuh für die Fahrt oder den Spaziergang – im Büro würde ich was anderes tragen, eben wegen der bekackten Membran. Der Schuh kostet regulär 215, bei Polo & Co. aktuell um die 170 Euro. Das ist für einen Stiefel mit vernähter Sohle nicht viel. Viel Schuh fürs Geld, würde ich sagen. Der Hersteller TCX ist über jeden Zweifel erhaben, er stellt seit Jahrzehnten hässliche, aber sehr gute Motorradstiefel her. Nun hat er sich in den Markt der Urban-Riders eingeschlichen und bietet sogar turnschuhähnliche Motorradschuhe an.

Frau Reuter weiß, was keiner braucht

Noch was? Ja! Meine Frau sollte mir letztens bei Autoteile Matthies ’ne Scheinwerferlampe kaufen. Hat sie aber nicht gemacht, weil der Arsch am Tresen den Fahrzeugschein brauchte, um die richtige Birne rauszusuchen. Wie blöd sind die da? Nissan X-Trail, fünfzehn Jahre alt. Da weiß sogar die alte Frau Kleinfeld von nebenan, dass da ’ne H4-Funzel reingehört. Egal. Aus Frust hat die beste aller Ehefrauen dann noch in den Regalen gestöbert und einen beleuchteten Spionagespiegel gekauft. Damit man auch mal an verborgenen Stellen was nachgucken kann, sagt sie.

Als Gimmick in einem Yps-Heft war sowas ja noch ganz geil. Dreißig Jahre später sind wir aber schon anspruchsvoller geworden

Und was soll ich sagen? Ich finde den total scheiße, weil mich dauernd die LEDs blenden, wenn ich damit irgendwo druntergucken will. Meine Frau hat den Trick scheinbar raus, die wird nicht geblendet. Oder sie merkt nix mehr, was einiges erklären würde. Das Ding kostet zehn Euro, lässt sich auf über einen Meter auseinanderziehen und ist von zweifelhafter Qualität. Wenn sie noch mal mit sowas nach Hause kommt, gibt’s was auf die Schnauze. Aber das sag ich nur euch. Finger weg von solchem Tand!

Und nun? Ich mach mir jetzt ’ne schöne Stulle mit Heringsfilet in Tomatensauce. Dazu ein warmes Bier und der Tag ist mein Freund.

Es grüßt mit bekleckertem Hemdchen, Euer Martin

 

Frau Reuter
Frau Reuter bei CUSTOMBIKE

Martin Reuter ist unter seinem Pseudonym »Frau Reuter« inzwischen zweitdienstältester Mitarbeiter der CUSTOMBIKE. Der freischaffende Künstler rezensiert mit spitzer Feder und scharfem Wort Produkte, die seiner Meinung nach etwas Aufmerksamkeit bedürfen. Im wahren Leben ist er als Illustrator, Fotograf und Textautor tätig und spielt ganz nebenbei Bass und Orgel in der zweitschlechtesten Band der Welt. Kulinarisch betrachtet kocht er scharf und trinkt schnell. Als echtes Nordlicht badet er selbstverständlich nur in Salzwasser. Seine Vorlieben sind V8-Motoren und Frauen, die Privatfernsehen verschmähen. Stilecht bewegt er eine 76er Harley, restauriert eine Yamaha SR 500 und bewegt sich politisch korrekt die meiste Zeit mit dem Fahrrad fort.