Es gab eine lange Zeit, da wollten sich Typen unter dreißig kaum noch mit Mopeds beschäftigen. Das schale Gefühl, dass Technikwissen und Motorradkultur innerhalb des nächsten Jahrzehnts verloren gehen würden, machte sich breit. Wer würde in Zukunft noch einen alten Harley-Motor reparieren können oder einen Tank selbst bauen? Selbst die, die sich heute für eine Ausbildung in einer Motorradwerkstatt entscheiden, lernen doch nur Neues über Can-Bus-Systeme, ABS und moderne Einspritzer. Es ist daher unabdingbar, dass der Wunsch zum Umbauen und zum Erlernen von Handwerkstechniken aus angefressenen Youngstern selbst kommt. Und da lag bis vor kurzem der Hund begraben. Zum Glück scheint sich das Blatt aber zu wenden – und ob ihr es wollt oder nicht, die oft abwertend als Hipster bezeichneten Szenetypen tragen eine nicht unerhebliche Schuld daran, dass Mopedfahren wieder Thema ist. Selbst vor den Schulen der Republik parken wieder Zweiräder, das ist ein Anfang.

Wir beobachten junge Typen in Jeanskutten, die sich kleine Zweitakter herrichten, dazu Jungs in winzigen Garagen, die sich lässige Namen geben und zusammen schrauben. Auf den Treffen bahnen sich kleine, rotzige Custombikes ihren Weg in die Mitte der Kultur – und wenn sie nicht von den alten Hasen verlacht und vertrieben werden, besteht die Möglichkeit, dass sie bleiben und besser werden. Es liegt also an beiden Seiten, das Feuer neu zu entfachen und die Flamme am Lodern zu halten. Bevor wir uns deshalb auf den nächsten Seiten den jungen Typen widmen, lassen wir gestandene Schrauber zu Wort kommen. Unsere Frage an sie war einfach: »Was ratet ihr Jungs, die mit dem Schrauben beginnen oder sich gar selbstständig damit machen wollen? Und welche Stolpersteine lauern auf dem Weg zum Bikebuilder?« Hier ihre Antworten …


Benni Adler, Mean Machines

Benni Adler, Mean Machines
»Ich bin kein Befürworter der aktuellen Smartphone-Generation. Allerdings fällt der Einstieg in die Customszene durch Social Networks und die Unmenge an Bildern im Netz eigentlich sehr leicht. Jeder zweite Customizer auf dieser Welt ist im Web vertreten und so können sich Youngster schnell Ideen und Lösungen für ihr eigenes Bikebuilding holen. Allerdings ersetzt ein Facebook-Kontakt nie das persönliche Gespräch mit einem Customizer in dessen Shop oder auf einer Bikeshow. Eine offene und ehrliche Haltung jenseits von Konkurrenzdenken öffnet so manch einem eine Tür, die sonst eher geschlossen geblieben wäre. Glaubt mir, wir alle haben viele Reifen wechseln, Vergaser einstellen und Kundendienste leisten müssen, dazu schlaflose Nächte und lange Abende in der Werkstatt verbracht und uns am Schluss oft genug gefragt, warum wir das alles hier überhaupt machen. Ich selbst musste mit eher primitiven Werkzeugen ganze Motorräder bauen. Erst nach Jahren wurden für die verschiedensten Arbeiten spezielle Werkzeuge angeschafft. Arbeitstechniken habe ich im Laufe der Zeit neu erlernt und verbessert. Aber wenn dann so gut wie alles aus deiner eigenen Werkstatt kommt und gefertigt wird, ist das ein doppelter Erfolg und Balsam für die Seele. Solang man sich mit der Materie Motorrad auseinandersetzt, lernt man sowieso nie aus.
Der Kontakt zu Gleichgesinnten oder sogar der Zusammenschluss zu Schraubergemeinschaften, unabhängig für welche Art von Fahrzeugen, bringt immer viele Ideen und Lösungsansätze aus verschiedenen Blickwinkeln und führt oft zu erstaunlich guten Lösungen, wenn man selbst mit seinem eigenen Projekt nicht mehr weiter kommt. Ratschläge, gerade von unserer älteren Generation, können oft sehr hilfreich sein, egal wie eigenartig sie manchmal sind. Schließlich haben gerade die Alten oft mit sehr einfachen Sachen auskommen müssen und verfügten nicht über zahlreiche Zubehörkataloge und schon gar nicht das große, weite Internet, um Lösungen herbei zu führen. Ignorance is the curse of god, knowledge is the wing!«

Marcel Peters, Mindwar Cycles

Marcel Peters, Mindwar Cycles
Wichtig ist es, seinen eigenen Weg und Stil zu finden und dabei Neues auszuprobieren. Nachbauen macht keine Laune und bringt keinen Erfolg. Abgefahrenen Scheiß bauen, Neues erschaffen und dabei Spaß haben. Spaß ist sowieso das Wichtigste, denn reich wirst du damit nicht. Und du musst nicht jeden Ratschlag annehmen – auch den hier nicht, außer du willst unbedingt.


Hagen Jödecke, Madeira Drive

Hagen Jödecke, Madeira Drive
Sicherlich ist es mehr als erfreulich und auch notwendig, dass junge Schrauber/ innen zur »Szene« stoßen, denn wir alle wissen: Frischer Input bedeutet auch das Aufbrechen von – vielleicht zu lange eingeübten – Schemata in Technik und Formensprache. Wir alle wissen aber auch, dass in der Arbeit an Kraftfahrzeugen auch große Verantwortung liegt. Nicht jeder kreative Kopf ist zwangsläufig ein begnadeter Schrauber – natürlich gilt das auch umgekehrt. Nicht umsonst dauert der Weg zum Zweiradmechaniker beziehungsweise dem Meisterbrief mehrere Jahre. Deshalb mein Rat für den Weg in die Selbstständigkeit: Sorgt für eine fundierte fachliche Ausbildung – in euren Händen liegt die Gesundheit eurer Kunden. Sorgt für eine fundierte kaufmännische Kenntnis, denn ihr habt auch Verantwortung für euer Leben. Trust No One – ab dem Augenblick, in dem ihr euch als Konkurrenz auf dem Markt bewegt, entpuppt sich ein großer Teil der »Szene« als Haifischbecken und niemand gönnt euch mehr das Schwarze unter den Fingernägeln. Ihr werdet viele neue Freunde haben – schaut genau hin!

Rolf Schietinger, CPO Cycle Products

Rolf Schietinger, CPO Cycle Products
So wichtig wie Fantasie, Gestaltungskraft oder künstlerische Begabung ist eine fundierte Ausbildung, die zumindest branchenangegliedert sein sollte. Da es bei Fahrzeugen um komplexe Funktionen und – wenn man für Fremde arbeitet – auch um Sicherheit und Vertrauen geht, sind Kfz-Berufe oder eine Ausbildung im Metallbereich meist eine gute Ausgangsbasis. Wer davon leben will, ist auch mit Dingen wie erlernter oder vorgelebter Betriebswirtschaft nicht schlecht beraten.
Meist vereint man nicht alle Bereiche gleichermaßen glorreich, so dass die Entscheidung, sich mit anderen ergänzend zusammenzutun funktionieren kann. Oder man arbeitet sinnigerweise in einem Betrieb, in dem man sein bestes Können am wirkungsvollsten einsetzt und sich um den Rest nicht kümmern braucht. Meist lernt man, wie so oft und ob man es will oder nicht, von den »Alten« die Grund­elemente und beginnt dann seinen eigenen Weg.


Markus »Mölle« von Möllendorf, Custom Cycle Crew

Markus »Mölle« von Möllendorf, Custom Cycle Crew
Als ich eine Weile über eure Frage nachgedacht habe, was ich jungen Custo­mizern mit auf ihren Weg geben möchte, ging mir Folgendes durch den Kopf: Customizer, die sich dauerhaft etabliert haben, haben oft folgende Gemeinsamkeiten: Sie schrauben sauber, nachhaltig und sind kreativ. Sie jagen nicht jedem Trend hinterher, sondern bleiben ihrem Stil treu. Voraussetzungen für erfolgreiches und anspruchsvolles Customizing sind mit Sicherheit auch ein fundiertes Wissen über Metallverarbeitung und Motorradtechnik. Und dann wäre da noch die Hardware: Gutes Werkzeug und ein paar Maschinen sind Grundvoraussetzung für eine anspruchsvolle Arbeit. Ich selbst habe vor 35 Jahren in einer Garage ohne Licht und Strom angefangen, Kräder umzubauen. Die Kabeltrommel wurde über den Hinterhof gezogen und an Gerätschaften hatte ich eine Flex und eine Handbohrmaschine. Mit so einer simplen Ausrüstung stößt man allerdings sehr schnell an die Grenzen des anspruchsvollen Customizings. Ich möchte zum Beispiel keine Distanzhülsen mehr ohne Drehbank herstellen, Unabhängigkeit ist das Zauberwort.

Max Krpanic, Dr. Mechanik

Max Krpanic, Dr. Mechanik
Es gibt keine »eine« wichtigste Sache, wenn es um Motorradbau oder denglisch Customizing geht. Für mich ist jedoch eine adäquate schulische Ausbildung das Fundament eines erfolgreichen Mechanikers. Mit erfolgreich meine ich in diesem Fall einen Customizer, der keine Schleppe von Klagen der Kunden wegen abgebrochenen Bremspedalen, nicht funktionierender Elektrik des Bikes oder schlicht der absoluten Unfahrbarkeit des Motorrads mit dem Prädikat lebensbedrohlich hinter sich herzieht. So sind gute Kenntnisse in Physik unverzichtbar. Krasse Designs helfen auf Titelseiten, das ist richtig. Auf der Straße jedoch sind zuverlässige Bikes das, was zählt. Das hilft dann auch, über Jahrzehnte im Business zu bleiben. Will man kurz aufleuchten und für geraume Zeit im Gespräch sein, reicht cooles Aussehen, ein paar krasse Tattoos und Bikes, die durch Pinstripes zusammengehalten werden. Die Stolpersteine legt sich ein Mensch meistens selbst in den Weg. Mit viel Selbstdisziplin, Fleiß und Schweiß schafft man sie aber auch wieder aus dem Weg, von alleine geht es nur im Fernsehen. 

Frank Sander, Independent Choppers

Frank Sander, Independent Choppers
Grundsätzlich belebt jeder Neueinsteiger die Szene, allerdings sollte jedem auch bewusst sein, auf was er sich einlässt. Bei der momentanen Stilrichtung getreu dem Motto »weniger ist mehr« muss ich leider oft die extrem mangelnde Qualität bemängeln. Da werden Sachen geschraubt, die meiner Meinung nach als grenzwertig zu bezeichnen sind. Solange man das nur für sich selbst macht, trägt man auch nur für sich das Risiko. Wenn allerdings die Schrauberei auf Kunden ausgeweitet werden soll, sieht die Sache schon anders aus. Wer vom Schrauben leben will, ohne noch einen Nebenjob zu haben, den halten nur Service und Reparaturen am Kacken. Schöne Bikes zu bauen, die Aufmerksamkeit erregen, sind das eine. Aber ihr werdet schnell feststellen, dass man sich von Pokalen und Schulterklopfen nichts aufs Brot schmieren kann. Nach etwa zwei bis fünf Jahren trennt sich die Spreu vom Weizen. Wer dann noch immer am Start ist, für den könnte die Zeit gekommen sein, seinen eigenen Lebensunterhalt damit bestreiten zu können. Also durchhalten und nebenbei geile Bikes bauen.

Udo Sacher, U.S. Custombikes

Udo Sacher, U.S. Custombikes
Mach dein Ding! Von meiner Seite aus wünschte ich mir, dass junge Motorradfahrer ihre Ideen und Visionen an ihren Mopeds umsetzen, sich dabei an klare Linien halten und nicht in den Kitschkram abrutschen. Mit der Idee und Vorstellung eines eigenen Ladens ist es in unserem Land nicht so einfach, da doch so manche selbsternannte »Bikebuilder« unterwegs sind, die Händlern und Customwerkstätten die Kunden nehmen. Aber die Zeit wird zeigen, wer überlebt und davon einigermaßen leben kann. Zum Abschluss: Bleibt so wie ihr seid und verstellt euch nicht, nur weil ihr einmal einen Pokal gewonnen oder einen Bericht in der Zeitung gehabt habt.