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Es gibt Leute, die nennen Steve Hamels Garage die Vintage Motorcycles Mayo Clinic, Steve selbst nennt sie Sterling Cycle Works. Wie auch immer: Show me your Garage, Steve!

Tom, unser ortskundiger Führer, ist sich sicher, wir müssen unbedingt bei Steve Hamel vorbeischauen. Und da stehen wir, vor einem weiß getünchten Schuppen. Daneben ein gleichermaßen unscheinbares Wohnhaus. Lokation: St. Paul in Minnesota. »Bitte keine näheren Details zur exakten Wegfindung in euerm Bericht!«, bittet uns Tom, der auch schon mal als Sponsor die Lackarbeiten für Steves Maschinen übernahm.

»Show me your Garage« in Minnesota

Steve mag keinen unliebsamen Besuch – doch wir sind angekündigt und öffnen die Tür: Braune Schnürschuhe, die ehemals schwarzen Jeans von Hosenträgern gehalten, eingestecktes blaues T-Shirt mit eingehängter Brille im Kragen, kleiner Schnauzer, Dreitagebart, wenig Haare; das ist Steve. Er begrüßt uns kurz, will nur noch schnell einige Handgriffe an einem offenen Vincent-Motor erledigen. »Schaut euch schon mal um.«

Grinsend zeigt uns der US-Schrauber das gerissene Motorgehäuse seiner brachial schnellen Rekordmaschine

Aufgereiht auf einem Regal: Motoren von BSA, Ducati, Triumph, Vincent, Moto Guzzi, Velocette, Matchless. Darunter eine Gradscheibe zur Zündungseinstellung, Tachos, Drehzahlmesser, Amperemeter und Anzeigeinstrumente, deren Zweck uns ohne nachzufragen verborgen bleibt. Kugellager, roh gegossene unbearbeitete Zylinderköpfe. Alte Koffer gefüllt mit Erinnerungen, Fotoalben, uralten Zeitschriften, Motorradminiaturen, Bücher – sogar eines, in dem über ihn selbst berichtet wird. 

»Wir könnten uns in einem Teil eines Museums befinden«

Die Sägemaschine, zwei Drehmaschinen, Motorradrahmen auf dem Boden. Spezialvorrichtungen, Werkzeuge, Bohrköpfe, Backenfutter – gerade noch Platz zum Laufen. An der Wand eine Markierung des Mississippi Hochwassers von 1993. Alle Werkzeuge und Maschinen nicht mehr up to date, aber voll funktionsfähig. Wir könnten uns in einem Teil eines Museums befinden, wären nicht deutliche Spuren aktueller Tätigkeiten sichtbar.

Weil der Motor als tragendes Element dient, benötigt eine Vincent nur sehr wenig Rahmen

Zwei abgesägte Stahlscheibenrohlinge warten darauf Kurbelwellenschwungscheiben zu werden. »Die Leute schicken Steve ihre klassischen Motoren zum restaurieren. Aber eigentlich dreht sich alles nur um seine eigene Vincent-Rennmaschine«, so Tom. Steve Hamel selbst ergänzt dann noch: »Die Vincent ist von 1950. 2006 habe ich damit 155 mph geschafft, auf dem Bonneville Salzsee in Utah.«

Steve knackte 2006 den Rekord von Rollie Free

Was er uns gegenüber nicht sofort erwähnt – seine Büchersammlung, Zeitungsausschnitte und Fotoalben über sein Idol bringen uns darauf – Steve ist einer der größten Fans von Rollie Free! Und dann gibt Steve zu, mit seiner Fahrt einen nationalen Rekord aufgestellt zu haben. Er knackte damit den Rekord von Rollie Free, der seit 1948 bestand.

Nur vom Feinsten: Auf der Arbeitsbühne wartet Steves 1000-ccm-Vincent auf die neuesten Tuningmaßnahmen

Bescheiden lenkt er davon ab. Dafür zeigt er uns mit ehrlichem Stolz ein Foto, das sein Rekordfahreridol langliegend auf einer Vincent bei dessen Rekordfahrt am Strand von Daytona Beach zeigt – von Rollie Free persönlich unterschrieben. Damals war der Sitz auf Rollies Vincent abgeschraubt und außer der knappen Badehose und der Schuhe trug der Rekordfahrer nichts am Leib. Das geht heute nicht mehr.

Steve lässt Nockenwellen nach seinen Berechnungen herstellen

Lederkombi, Helm und eine mehr oder weniger sitzende Haltung sind Pflicht. Aber selbst Hamels Frau hat keine Bedenken, wenn ihr Mann fährt. Sie ist während der Rekordfahrten immer mit dabei … und vertraut seinen handwerklichen Fähigkeiten. Natürlich kann nicht alles in seiner räumlich begrenzten Garage gemacht werden. Das ist bei ihm genauso wie bei jedem anderen Garagenschrauber. Er hat Firmen, die ihm das eine oder andere erledigen. Wie beispielsweise Nockenwellen nach seinen Berechnungen und Angaben herzustellen.

 

Viel Platz gibt es nicht in der kleinen Garage, aber Steve weiß genau, wo er welche Teile findet

Ohne ein Bauteil  nach der Lieferung genauestens auf die vorgegebenen Toleranzen kontrolliert zu haben, baut Steve nichts ein. Und seine Probefahrten? Auf die Straße darf er mit seinem Geschoss jedenfalls nicht. Ihm helfen seine Freunde bei Silverback Racing in der 2800 Lyndale Avenue South in Minneapolis. »Die nennen sich jetzt Ducati Minneapolis, haben aber noch den gleichen Service, mit Dyno-Pro-Prüfstand«, ergänzt Tom Steves Angaben. Ohne diesen Prüfstand hätte er keine Möglichkeit seine Änderungen zu testen. Steve meint: »Wenn du alles selbst gemacht und eingebaut hast, dann ist dir auch klar, wie es zusammenarbeitet.

Steve will Burt Munros Rekord brechen

Bei jedem Dyno-Run nach jeder Änderung hört sich das Bike etwas anders an. Du musst dich darauf neu einstellen, musst hören und spüren.« Und wohl auch immer hoffen. Einerseits, dass nichts bricht und dass alle Teile zusammen bleiben. Andererseits – und gerade hier ist der Dyno das ideale Instrument – dass seine Änderungen nicht in eine Sackgasse führen und er eines Tages den nächsten Rekord herausfahren kann. Seit der Film »The World fastest Indian« (in Deutschland hieß er »Mit Herz und Hand«) 2005 in die Kinos kam, hat Steve nämlich ein neues Ziel: Burt Munros Rekord von 183,583 Meilen zu brechen – kein leichter Weg.

 

Horst Heiler
Freier Mitarbeiter bei

Jahrgang 1957, ist nach eigenen Angaben ein vom Easy-Rider-Film angestoßener Choppaholic. Er bezeichnet sich als nichtkommerziellen Customizer und Restaurator, ist Mitbegründer eines Odtimer-Clubs sowie Freund und Fahrer großer NSU-Einzylindermotorräder, gerne auch gechoppter. Als Veranstalter zeichnete er verantwortlich für das »Special Bike Meetings« (1980er Jahre) und die Ausstellung »Custom and Classic Motoräder« in St. Leon-Rot (1990er Jahre). Darüber hinaus war er Aushängeschild des Treffens »Custom and Classic Fest«, zunächst in Kirrlach, seit 2004 in Huttenheim. Horst Heiler ist freier Mitarbeiter des Huber Verlags und war schon für die Redaktion der CUSTOMBIKE tätig, als das Magazin noch »BIKERS live!« hieß. Seine bevorzugten Fachgebiete sind Technik und die Custom-Historie. Zudem ist er Buchautor von »Custom-Harley selbst gebaut«, das bei Motorbuch Stuttgart erschienen ist, und vom Szene-Standardwerk »Save The Choppers!«, aufgelegt vom Huber Verlag Mannheim.