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Ein Düsseldorfer Hinterhof, Paradies für Individualisten und Handwerker – und für Motorradverrückte wie Oliver, Ralf und Nicole. Show me your Garage – Halle 40.

Vorn pulsiert die Großstadt, hinten, ein bisschen im Verborgenen, gibt es ein paar Garagen und kleine Hallen. Es kreucht und fleucht, ein paar coole Leute haben sich angesammelt, jeder kann und macht was anderes, gegenseitige Hilfe ist für alle hier selbstverständlich. Mittendrin in dieser eigenen Welt schrauben Oliver, Ralf und Nicole in ihrer »Halle40«, der Name entstand aufgrund der Hausnummer ihres Refugiums in der Telleringsstraße in Düsseldorf.

»Seit mehr als fünfzehn Jahren bin ich in dieser Werkstatt«

Ralf war der Erste hier, schraubt schon lange an Motorrädern, »Seit mehr als fünfzehn Jahren bin ich in dieser Werkstatt«, sagt er. Vor ein paar Jahren lernt er Oli kennen. Auch dessen Herz schlägt im Motorradtakt, die gemeinsame Wellenlänge ist schnell ausgelotet. Und gipfelt in der Gründung der gemeinsamen Interessengemeinschaft, eben jener Halle40. Und dann ist da noch Nicole, Ralfs Freundin und »die gute Seele«, wie die Männer sagen.

Das erweiterte Garagenteam von links nach rechts: Freund und Hofkollege Micha, der prima schweißen kann, daneben Ralf und sein Sohn Lukas, und schließlich Nicole und Oliver

In Sachen Leidenschaft steht sie den Jungs in nichts nach, auch nicht im Finger dreckig machen. »Nicole sorgt nämlich nicht nur dafür, dass immer eine volle Rolle Zewa da ist, sondern schraubt aktiv mit und übernimmt unangenehme Aufgaben wie das Felgenputzen oder die Strahlarbeiten an den diversen Mopedprojekten«, sagen Oli und Ralf. Überhaupt Projekte, davon haben sich so einige angesammelt.

Alles da – Drehbank, Fräsmaschine, Strahlkabine und 3-D-Drucker

Allein dreizehn Zweiräder besitzen Ralf und Nicole, das vierzehnte ist schon im Anmarsch, dazu kommen die fünf Bikes von Oliver, »und alles fährt, ist zugelassen und angemeldet«, sind sie stolz. Nur der Platz, der könnte mittlerweile etwas mehr sein. In der gemieteten Halle stapeln sich nämlich nicht nur die Bikes, sondern auch sämtliche notwendige Maschinen, von der Drehbank zur Fräsmaschine bis hin zur Strahlkabine oder dem 3-D-Drucker. »Anbauen wäre was, darüber denken wir schon nach«, sagen sie. Ein bisschen Platz dafür wäre noch.

Neunzehn Bikes besitzen die drei Mopedverrückten momentan, von Projekten trennen ist nicht ihr Ding. Ein Wunder also, dass hier überhaupt noch Platz zum Arbeiten ist

Und gerade jetzt, wo bei den Männern die frühe Zweitakt-Liebe neu entflammt und Nicole ihr Herz für alte NSU Quicklys entdeckt hat, wäre der langsam bitter nötig. Immerhin, durch ihren großen Maschinenpark können die drei fast alle Arbeiten an ihren Projekten selbst erledigen, »lediglich komplette Rahmen passen nicht in die Strahlkabine«, schmunzeln sie. Und viele Schweißarbeiten übernimmt Freund Micha, der ebenfalls eine Werkstatt hier im Hinterhof hat und das mit dem Schweißen richtig gut kann.

Show me your Garage – Bikes für andere werden hier nicht gebaut

Auch mit einem Punzierer teilen sie sich den Hof, der durfte ebenfalls schon ran. Aber sonst alles zu dritt, Bikes für andere werden hier nicht gebaut, nur sehr guten Freunden hilft Ralf gelegentlich mit ihren alten Buells, mit denen kennt er sich bestens aus, besitzt selbst mehrere. Aber ansonsten nehmen die eigenen Projekte zu viel Zeit in Anspruch – Ralf und Nicole sind jeden Tag nach der Arbeit in ihrer Halle40, Oli immerhin zwei-, dreimal die Woche, er wohnt etwas weiter weg.

Hinter Hausnummer 40 verbirgt sich ein buntes Sammelsurium an Garagen, Handwerkern und Kreativen. Die Halle40 IG sitzt mittendrin

Dazu kommen legendäre Silvesterpartys oder »viele Abende, an denen wir einfach nur zusammensitzen und über Motorräder sinnieren, Projekte austüfteln und schnacken«. An einem dieser Abende reifte auch die Idee, ein Bike mit Elektromotor zu bauen, eines der nächsten Vorhaben. Fertig sein soll es im März nächsten Jahres für die große Motorradmesse in Dortmund – noch eine dieser Geschichten.

Show me your Garage – Eigener Stand auf der Motorräder Dortmund

Seit zwei Jahren haben die drei Verrückten nämlich ihren eigenen Stand auf der »Motorräder Dortmund«, die Clubs und Interessengemeinschaften kostenlose Flächen zur Verfügung stellt. Ein riesiger Aufriss für die kleine Garagengemeinschaft, jedes Jahr nach der Messe denken sie, »oh Gott, nie wieder« – um nach ein paar Mal drüber schlafen mit den Planungen fürs nächste Jahr zu beginnen.

Nur für sehr gute Freunde wird auch an Fremdprojekten gearbeitet, ansonsten gehen eigene Projekte vor – und von denen gibt es reichlich

Sie tun das nicht, um Geld zu verdienen, sondern einfach aus Spaß an Motorrädern und um neue Kontakte zu finden und alte zu pflegen. Was in der Werkstatt im Kleinen passiert, ist dann für ein paar Tage richtig groß. »Gesucht und gefunden«, so hätte man diesen Artikel auch überschreiben können. Und so, wie die drei Freunde den Spaß am Customizing vermitteln, so haben wir den Spaß an Geschichten wie diesen und mit Menschen wie diesen.

Info | halle40.com

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.