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Eine Schraubergarage muss aussehen, wie die Motorräder, die in ihr entstehen. Chris ist das ganz gut gelungen.

Er ist der SR-Papst des Rhein-Neckar-Dreiecks. Aber wer seine heiligen Hallen betritt, wird erst durchs Fegefeuer eines Tischkickers getrieben. Fingerfertigkeit? Hier ist sie unter Beweis zu stellen: »Du kriegst die Blauen, ich krieg die Weißen, und nein, die Torzähler auf deiner Seite musst du nicht für die kassierten, sondern für die geschossenen Tore schieben.« Na denn. Eins zu null für Chris, den SR-Papst, der eigentlich gelernter Bootsbauer ist und der kraft seiner irdischen Profession alles, was irgendwie geformt werden muss, aus Karbon fertigen kann.

Chris ist einer der letzten aufrechten Brat-Styler

Viel zu schade, dieser kostbare Stoff, für billigen Japan-Schrott. Chris ist einer der letzten aufrechten Brat-Styler, sein Fuhrpark bezeugt seinen Glauben: drei SRs, eine vierte im Aufbau, dazu eine Honda CJ 250 T, eine Yamaha XV 750, ein Solo-Moped und eine Honda GL 500 Silverwing, deren Schicksal absehbar ist. Ihre kultige Verkleidung wird das Zeitliche segnen und sie wird ein neues Leben beginnen, natürlich als Cafe Racer.

Auf allen Werktischen präsent sind die SR-500-Motoren. Chris ist ständig am Schrauben und ohne ein funktionierendes Herz verlässt keine SR die Garage

Eigentlich ist das Kulturbolschewismus, eine Silverwing hat original zu bleiben oder wenigstens ein Bagger zu werden. Aber lasst alle Hoffnung fahren, in der Werkstatt von Chris bleibt eben nichts wie erwartet oder gar erwünscht. Und wer von uns Geringen ist würdig, den Glaubensdisput gegen einen Papst zu eröffnen?

Stellplatz für Hebebühnen, Standbohrmaschinen und Bandsägen

Seine Schöpfungen kreiert Chris in zwei weiteren Räumen, nicht viel größer als je eine Mönchsklause. Aber da sind ja noch zwei Remisen im Hof und der Dachstuhl über der Werkstatt. Wandelraum genug und Stellplatz für Hebebühnen, Standbohrmaschinen und Bandsägen, alles erworben in ehrbaren Tauschgeschäften mit dem müden Björn in Neckarhausen oder mit MB-Cycles in Eppelheim. Zinsgeschäfte sind des Teufels, Chris erwirbt seine Materialien auf urchristlichen Wegen. Wer hat, dem wird gegeben, und Chris fällt vieles in den Schoß, manchmal auch einfach nur für Gotteslohn.

Die blaue 250er Hänge-Honda gabs für zwei Kästen Bier vom Gärtner nebenan. Vielleicht findet sie irgendwann den Weg zurück auf die Straße, oder bleibt einfach hängen. Wer weiß …

Es wird uns vielfach vergolten, denn mit seinen Bikes hat Chris schon gewaltiges Aufsehen erregt, Pokale gewonnen, und wir haben sie bereits mehrfach in unseren Magazinen vorgestellt. Showbikes? Das ist so die Frage. Eine klare Linie haben seine Bikes nicht, eher handelt es sich um zusammengeschraubte Anhäufungen von Einfällen. Alle irgendwie doppelbödig und hintersinnig, denn den edlen Stoff Karbon im rostigen Bandeisen einer asiatischen SR zu verbauen, ist ja schon absurd genug.

Lampenmasken – die Irrlehre der Sektierer vom Orden der Streetfighter

Sie dann noch mit Handschaltungen und Fußkupplungen zu versehen, ist himmelschreiend fragwürdig. Und wie, in Gottes Namen, soll eine karbongefertigte Lampenmaske eine siebenundzwanzigpferdige SR schneller machen? Lampenmasken – die Irrlehre der Sektierer vom Orden der Streetfighter, die zum Glück ganz ohne Inquisition und Scheiterhaufen im Licht des neuen Jahrtausends zu Staub zerfielen.

Tiefenentspannt und immer mit einer Tasse Kaffee. Chris bringt so gut wie nichts aus der Ruhe

Neuestes Projekt von Chris ist der »Wegwerf-Chopper«, gerade verzurrt auf einer professionellen Hebebühne. Martin Becker von MB Cycles wollte diese Hebebühne loswerden, als er mit seiner Customschmiede von Wieblingen nach Eppelheim umziehen musste, und natürlich musste Chris wiederum erstmal die Hydraulik der Hebebühne dicht kriegen. Auch die Standbohrmaschine kommt von MB Cycles, auch die gab’s nicht umsonst. Geld floss bei der Transaktion nicht, das hatten wir schon erklärt. Der Ausgleich erfolgte in Form einer aus Karbon gefertigten … Lampenmaske.

Der Wegwerf-Chopper ist eine SR im Starrrahmen

Nun denn, Chris kann auch anders. Koffer, Schutzbleche und Benzintanks fertigt er ebenfalls aus Karbon. Ebenso Lampengehäuse. Verkleidungen und Verblendungen aller Art fertigt er sowieso. All das Know-how wird auch seinem Wegwerf-Chopper zugute kommen. Dieser Wegwerf-Chopper also ist eine SR im Starrrahmen mit langgestreckter Gabel. Ihr Lenkkopf ist schon versetzt und mit viel Liebe umgeschweißt, was kompliziert genug ist, denn eine SR hat nicht einfach ein Backbone als Rahmenoberzug. Vielmehr ist der Rahmenoberzug gleichzeitig der Öltank für die Trockensumpfschmierung.

Das nächste Projekt ist der »Wegwerf-Chopper«. Doch wie der zu seinem Namen kam, das ist eine andere Geschichte. Wie auch immer: Chris wird schon etwas einfallen, um die klare skandinavische Linie zu versauen

Und dann gilt es auch noch, die Sache mit dem Nachlauf zu errechnen. Chris liest keine Bücher, aber dafür musste er dann doch nachschlagen. Wir sind nicht sicher, ob er es verstanden hat, aber eigentlich ist es bei Chris eben doch nicht so wichtig. Irgendwie soll der Wegwerf-Chopper ein Schweden-Chopper werden. Und doch wieder nicht, denn Chris werden schon genug absurde Details einfallen, die er an diesem Chopper applizieren wird, um dessen klare skandinavische Linie zu versauen. Egal. Der Wegwerf-Chopper hat seinen Namen, weil er wohl nie im öffentlichen Straßenverkehr bewegt werden wird. Dort könnte man ihn nur wegwerfen, weil das unmögliche Ding ja keine Chance auf eine rechtmäßige Zulassung hat. Oder doch?

Um Gottes Willen nicht nach Sinn und Verstand fragen

Die Wege des Herrn sind unergründlich. Selbst der Papst ist nur ein ratloses Kind Gottes. Chris aber ist darüber hinaus ein Mann, der tut, was ein Mann tun muss – in seiner Werkstatt mit ihren drei Räumen, in denen ihr um Gottes willen nicht nach Sinn und Verstand fragen solltet.

 

Michael Ahlsdorf