Artikel speichern

0

Lars Sänger ist mittendrin im Motorradbusiness, mit großen Erfahrungen im Rennsport und als einer der besten Mechaniker des Landes. Und trotzdem gibt es Neujustierungen, Aha-Effekte, ein Sich-immer-wieder-neu-Erfinden – all das gipfelt in seinem Herzensprojekt, der Alteisenschmiede.

Lars hat schon so einiges erlebt. Nicht nur, dass der Mechanikermeister Teilhaber eines Yamaha-Vertragshandels, Motorradtke im thüringischen Gera, ist – nein, er gilt auch als einer der Top-Mechaniker Deutschlands. So gab es da den alle zwei Jahre ausgetragenen Mechaniker-Wettbewerb von Yamaha Deutschland, den Lars mit dem dritten Platz abschließt. 

Er arbeitet in verschiedenen Rennteams als Mechaniker

Das Sich-neu-Erfinden beginnt beim Thüringer früh und führt ihn zunächst auf die Rennstrecken der Welt. In verschiedenen Rennteams arbeitet er als Mechaniker, ob bei R6-Cup, Isle of Man, Moto GP oder IDM. In Letzterer schafft es sein Team 2010 gar zum Titel. Doch tatsächlich soll ein altes Motorrad die Welt von Lars mehr auf den Kopf stellen als all das Schrauben und Fiebern in der Boxengasse.

Familienbande: Lars’ Jungs sind voll dabei, auch beim Schrauben. Aktuell bauen sie mit am Projekt »Ein Bike für Mutti«, eine neue Schraubergeneration macht sich auf den Weg

Mit einer SR 500 kommt ein Kunde in Lars’ Firma, »ein Pedant mit einem perfekt restaurierten Bike … nur der Motor wollte einfach nicht laufen», erinnert sich Lars. Der Mechaniker bekommt die Leiden der alten Dame in den Griff und bricht zur Probefahrt auf. Es eröffnet ihm eine neue Welt. »Es war ein Aha-Erlebnis, der berühmte Blick über den Tellerrand.

Der Startschuss zu einer neuen Faszination: Customizing

Ich hatte das Gefühl, ich wäre vorher nie wirklich Motorrad gefahren, es eröffnete mir eine neue Welt.« Das war der Startschuss zu einer neuen Faszination: Customizing. Und dass die ansteckend ist, erlebte Lars am eigenen Leib. Eine eigene SR muss her, wird umgebaut und direkt zum Ace Cafe gefahren. Und dann leiht Lars seine SR einem Kumpel und reicht seine Faszination weiter – und plötzlich wollen andere auch.

Von Customizing hatten Lars’ Freunde nicht viel Plan. Wie auch, wenn ein Versicherungsmakler, ein Heizungsverkäufer und ein Kasper von Berufswegen – kein Witz – zusammenkommen und Motorräder bauen wollen. Mit jeder Menge Bier wurde über zweieinhalb Jahre fast jeden Montag geschraubt

»Da war eigentlich ein gutes Paket an Freunden, aber immer mehr wird nur über Handy kommuniziert anstatt sich bei einem Bier zu treffen«, erinnert sich Lars. Gesellschaftlichen Winter nennt er es und er findet ein Mittel dagegen: schrauben. Drei seiner Kumpel, Nico, André und Mario, sind so von Lars angefixt, dass sie auch umgebaute Karren haben wollen, Ahnung von der Materie haben sie aber eher wenig.

Es ist die Geburtsstunde der Alteisenschmiede

Lars macht einen Vorschlag: »Jeder von euch kauft ein Bike, Kostenpunkt maximal je 500 Euro – ich helfe euch, die Karren umzubauen und Montag wird unser Garagentag.« Es ist die Geburtsstunde der Alteisenschmiede, eingerichtet in Lars’ privater Garage. Nicht mal ein Weg führt dahin, die Bikes müssen durch den alten Schweinestall ins Domizil geschoben werden.

Erst am Ende ist den Jungs klar, dass sie parallel an je einem Ein-, Zwei-, Drei- und Vierzylinder arbeiteten.

Und Platz, um parallel an drei Mopeds zu arbeiten, ist eigentlich auch nicht, der wird geschaffen. Drei Hebebühnen werden quasi im Kreis gestellt, darauf die Kisten, es ist wie beim Zirkeltraining. »Kabelbaum, Motor, Fahrwerk, immer reihum an jedem Moped jeden Montag, zweieinhalb Jahre lang.«

Durststrecken und Streitereien um Bier und Gasflaschen

Die Arbeit wird manchmal zur Belastungsprobe, es gibt Durststrecken und Streitereien um Bier und Gasflaschen, und dass über die komplette Zeit immer dieselbe CD läuft, weil es keinen Radioempfang gibt, ist nur eine von zahllosen Geschichten. Trotz allem, sie schaffen es, bauen alle Bikes zusammen auf und suchen sich einen krönenden Abschluss für ihr Projekt.

»Ich denke, das ist die weltgrößte Kiesbettsammlung«, die Erinnerungen an die härtesten Kurven auf den berühmtesten Rennstrecken haben einen Ehrenplatz im Regal und zeugen von Lars’ Rennsport-Engagement

Einer von diesen kurzweiligen Langstreckentrips, wie Lars sie nennt, scheint perfekt. Die gemeinsame Tour zur Isle of Man wird zur Erinnerung für die Ewigkeit und festgehalten in einem Buch, das für einen guten Zweck geschrieben und verkauft wird. 

Die Söhne basteln mit am Motorrad für Mutti

Das Ende der Alteisenschmiede ist das aber nicht. Lars’ Frau hat zwei Söhne mit in die Familie gebracht, die sind voll dabei, basteln gerade fleißig mit am Motorrad für Mutti und an ihren ersten eigenen 50-Kubik-Mofas, eine neue Generation Schrauber erobert das Terrain. »Menschen, die vorher keinen Plan davon hatten, für Motorräder und Customizing zu begeistern, das ist doch das Größte«, Lars ist zufrieden, »ich tue, was ich tue aus vollster Überzeugung. Los geht’s!«

 

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.