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Michael Ahlsdorf – orientierungsloser Originalheimer in den unendlichen Weiten des Customizings. Der ehemalige BIKERS NEWS-Chefredakteur ist der einzige Biker, der sich selbst überholen kann.

Ich war schon wieder schneller. Noch ehe die CUSTOMBIKE den ersten ernstzunehmenden K-Umbau präsentierte, standen in meiner Werkstatt vier dieser fliegenden Backsteine. Die hatte ich mir zugelegt, nachdem sich der zunehmende Hype um die Zweiventil-Boxer abzeichnete. Schließlich bin ich über drei Jahrzehnte so ziemlich alle Zweiventil-Boxer aus so ziemlich allen Baureihen gefahren. Nur die R 45 stand immer irgendwie unter meinem Begriff von Würde, und selbst die hat es längst in die CUSTOMBIKE geschafft.

Motormensch Michael Ahlsdorf – Mit der K aus allem raus sein

Ich also wollte nicht zu denen gehören, die diesen Hipstern auf ihren Zweiventil-Cafe-Racern erklären, dass ich schon seit drei Jahrzehnten Boxer umbaue, um ihnen dann noch mit irgendeiner Nummer von irgendwelchen alten Zeiten auf den Sack zu gehen. Mit der K, so dachte ich, wäre ich in aller Zukunft aus allem raus. Das ist wie mit der MZ. Mit beiden steht man nicht unter dem Druck, sich in Competitions zu bewähren, denn solche Motorräder guckt ja niemand an. Von wegen.

Ahlsdorfs K-Sammlung: Alles schön spießig original

Am vergangenen Wochenende habe ich auf der Hebebühne eines Mannheimer Hinterhofs die erste K in einer Harley-Werkstatt gesehen. Cafe-Tracker oder irgendwiesowas, mit poliertem Tank und Stollenreifen. Und da man sich mit poliertem Tank und Stollenreifen längst nicht mehr vom Mainstream abhebt, kann ich euch jetzt schon verraten, was als Nächstes kommt: der Originalheimer. »Wohin dann ich?«, um mit Hölderlin zu sprechen. Muss ich mir jetzt eine MZ zulegen, weil ich anders gar nicht mehr anders sein kann? Dann kommt mit zu erwartender Gesetzmäßigkeit doch nur der nächste Customhype, und zwar um Zweitakter aus Zschopau. Also muss ich mich auch noch selbst überholen und mir wieder Zweiventil-Boxer zulegen, all diese liegengebliebenen Boxer, an denen die Hipster sich nach ein paar Jahren sattgeschraubt haben.

Überholen wir uns selbst in Nostalgie, Retro, Vintage oder Heritage?

Der Science-Fiction-Autor Stanislav Lem erzählte in seinen Sterntagebüchern einst die Geschichte eines Astronauten, der sich in einer Zeitschleife selbst begegnet. Erst trifft er sich vom Vortag, dann vom Vor-Vortag und natürlich kommt auch noch er selbst aus seiner eigenen Zukunft dazu. Das ergibt eine illustre Runde, nur zu Ergebnissen führt sie nicht, denn eigentlich wollte der Astronaut ja sein Raumschiff reparieren. Die Geschichte von Stanislav Lem spielt in den unendlichen Weiten des Weltraums.

Mmmh, lecker Backstein

Seitdem Customizer Trends ausgraben und abgraben und sich in ihren Stilrichtungen ewig wiederbegegnen, leben auch wir in den unendlichen Weiten des Weltraums. Schwerelos und ohne Orientierung kreisen wir um uns selbst und überholen uns in ungezählten Zeitschleifen. Nur die Namen wechseln: Was vorgestern »Nostalgie« hieß, das hieß gestern »Retro«, heute heißt es »Vintage« und morgen »Heritage«.

Tja, und wer da nicht mitkreiseln will, der muss wirklich MZ fahren, denn damit kreist er als Einziger in einem zeitlosen Paralleluniversum. Der MZ-Fahrer hat damit einmal in seinem Leben alle anderen eingeholt. Er ist der allerschnellste.

 

Michael Ahlsdorf