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Jürgen Becker, geboren 1959 in Köln, moderierte mehr als zweieinhalb Jahrzehnte die renommierte WDR-Kabarettsendung »Mitternachtsspitzen« und ist ständig in Deutschland unterwegs – was ihn nicht daran hindert, auch seine Motorradleidenschaft voll auszuleben.

Eigentlich wollte ich Auto- und Motorraddesigner werden. Dann war ich plötzlich Sozialarbeiter. Und etwas später Kabarettist. Was ist da schiefgelaufen? Warum wurde aus dem Designer nichts? Schuld sind die Moppeds, Männer! Fahrzeuge, Frauen! Wir lärmten mit unseren frisierten Mobyletten und Floretten durch die Schlafstadt im Kölner Westen. Bayer und die Fordwerke sind nicht weit, die WDR-Studios um die Ecke, und so hingen die Werktätigen abends in Ihren Reihenhäusern vor der Glotze.

»Wir kämpften für ein Gammeln auf hohem Niveau«

Für uns Jugendliche gab es nichts im öden Quartier »Widdersdorf«. Wir trafen uns mit unseren 50ern an der Bank vor dem Friedhof, rauchten Drum und hingen rum. Heute heißt das „chillen“, doch wir waren mehr Gammler. Mit unseren langen fettigen Haaren fiel der Entschluss, dass wir – wie die größeren Viertel auch – ein Recht auf ein Jugendzentrum mit Kicker, Disco, Moppedwerkstatt, Pink Floyd und allem Pipapo hatten. Wir kämpften für ein Gammeln auf hohem Niveau.

 

Der Herr Becker steht auf schlankes Ostmaterial. Hier ist er mit seiner stark gestrippten 125er Minsk unterwegs – ein weißrussisches DKW-Derivat

Bei dieser Initiative unterstützte uns eine Sozialarbeiterin der evangelischen Kirche. Folglich fand ich nicht nur diese Frau attraktiv, sondern auch ihren Beruf. Ich wollte Jugendarbeit machen, Streetworker werden. Bei der Eröffnung unseres Jugendzentrums waren wir schon keine Jugendlichen mehr. Ich fuhr eine Gilera Strada 150, eine Honda CB 250 und dann endlich die ersehnte SR 500. Als Studenten gründeten wir einen Mitmachzirkus für Kinder in sozialen Brennpunkten, dann eine Alternative Karnevalssitzung; komischerweise existieren beide heute noch.

Jügen Becker – Präser der Stunksitzung

Als „Präser“ dieser „Stunksitzung“ entdeckte ich meine Lust an der Satire und machte sie zum Beruf. Ich liebe es, die Leute lachen zu hören. Applaudieren kann man aus Höflichkeit, das Lachen ist ein Reflex, wie ein Orgasmus, der ist echt – meistens. Doch die Lust am Design, am technischen Sex, ist geblieben. Und die kann man nirgends so enthemmt ausleben wie am Motorrad.

»Motorrad-Lust« in der Kölner Südstadt ist Freund und Zweiradseelsorge für Jürgen Becker

Mein Freund Lu ist auch Sozialarbeiter, lebt aber heute von seinem Laden »Motorrad-Lust« in der Kölner Südstadt. Jens vom Brauck hat mal bei ihm gearbeitet und bringt seine frischen Bikes heute noch zum Tüven vorbei. Solch geile Karren wollte ich auch mal kreieren. Ganz so genial wie beim Meister Jens klappt das natürlich nicht, aber unsere Dirty Guzzi kam bei Lus Kunden richtig gut an, noch bevor die Italiener die Scrambler neu entdeckten.

In den Weiten Mc Poms kann man noch quer durch die Prärie brettern

Meine anderen Motorradfreunde leben in Ahrenshoop und betreiben eine Motorwerkstatt in Wustrow, direkt an der Ostsee. Dort, in den wilden Weiten Mc Poms, kann man noch quer durch die Prärie brettern, denn da wohnt keiner. Die Einwohnerzahl von Aachen und Köln ist verteilt auf die Fläche von ganz Nordrhein-Westfalen. Wen will man da stören? Also kreierten Frank und Bodo Krull mit mir eine MZ-GS nach dem Vorbild der siegreichen Trophy-Emmen der 60er, die sogar Steve McQueen auf der schweren Triumph hinter sich ließen. Man kann sie bei Krull & Söhne als Manufaktur-MZ bestellen, die letzte ging gerade nach Dortmund.

 

Honda Shadow mit zwölf Farbschichten Metallflake Candy – lecker dat!

An einen Chopper habe ich mich aber bisher nicht herangetraut. In einer CUSTOMBIKE-Ausgabe pries Katharina Weber blumig ein Mopped aus der Strahlkabine an: Eine Honda Shadow mit zwölf Farbschichten Metallflake Candy. Gut, sie hat eine offene Flanke zum Kitsch – nicht Katharina, die Honda – doch  gerade deshalb hatte ich mich in diese funkelnde Ode an die 70er sofort verliebt. Ich mag ja auch den röhrenden Hirsch. Doch die Honda einfach kopieren wollte ich nicht.

Letztendlich wollen wir doch alle nur das eine: Nicht erwachsen werden

Für die Zeitschrift »Motorradnews« schreibe ich monatlich eine Kolumne und beim Durchblättern entdeckte ich einen Gebrauchtbike-Test meines dritten Motorradfreundes, Axel Koenigsbeck. Er lobte die Honda VT 600 C über den grünen Klee und so klickte ich gleich bei mobile rein. Es ist nicht schwer zu raten, was ich dort fand. Seit einem Weilchen fahre ich genau dieses Custombike-Metallflake-Candy-Krad von Katharinas Gnaden, das auf jedem Kirmeskarussell der Star wäre. Gut so, denn ob Designer, Streetworker, Satiriker oder völlig Verstrahlter: Letztendlich wollen wir doch alle nur das eine: Nicht erwachsen werden.

Info |  juergen-becker-kabarettist.de

 

 

Jürgen Becker