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Motormensch durch und durch ist Jürgen Meinzer, immer vorne dabei und mehr auf dem Bike unterwegs als viele andere. Seine Jungs, die Gangsta Cycles aus Karlsruhe, sind eine der rührigsten Schraubergemeinschaften Deutschlands und Jürgen ihr unermüdlicher Antreiber.

»Ich bin kein Mensch der vielen Worte, eher einer der geilen Partys. Und ich bin einfach ein Schrauber der alten Generation. Seit meiner frühesten Jugend fahre und schraube ich an Zweirädern. Damals waren in Karlsruhe die US-Soldaten stationiert, die prägten mich im Wesentlichen. Und ich bin bis heute mit vielen von ihnen in Kontakt. Dazu war ich stets von Fernweh geplagt. Das gipfelte darin, dass ich mir für fünfzig Mark ein Mini-Moby von Motobecane kaufte und ohne Federung oder sonstigen Komfort in Richtung Italien fuhr. Wenig später kam eine Honda CB 350 Four dazu – von einem meiner amerikanischen Freunde.

»Ich bin ein Schrauber der alten Generation«

Ich trieb das Motorrad bevorzugt nachts durch die Karlsruher Gassen – zwar mit einem grünen US-Militär-Kennzeichen, aber ich hatte ja leider noch keine deutsche Fahrerlaubnis. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber sagen, dass ich zumindest nicht komplett illegal unterwegs war und zumindest meine Mopeds oft regelkonform waren – eine Hercules mit 125er-Satz und eine Kreidler, die ziemlich flott um die Ecken ging. Dann folgten Yamaha RD 350, eine Wasserbüffel-GT 750, eine Laverda 500-Zweizylinder, eine Kawa Z900 und eine Z1000. Die meisten der Bikes hatten Sturzschäden, ich machte sie fit für den Weiterverkauf, einen Führerschein hatte ich immer noch nicht. Dafür einige Bikes zerschlissen, bis schließlich mit dem Lappen die erste Harley kam. 

»Das Bike kam auch an, aber der Motor ging unterwegs verloren«

Ich erfüllte mir meinen Traum in Form einer Panhead. Ich finanzierte das Bike aus einer verunfallten Yamaha XS 650, die ich zum Frisco-Chopper umbaute und verkaufte. Aus dem Erlös kaufte ich die starre Pan – die als ursprüngliches Polizeimotorrad in Griechenland lief und per Zug nach Karlsruhe kommen sollte. Das Bike kam auch an, leider ohne Motor, der war irgendwo unterwegs verloren gegangen. Ich brachte das antriebslose Stückgut in der kleinen Karlsruher Szene unter und hielt Ausschau nach der nächsten Pan. Es wurde wieder eine Polizeimaschine, eine 1965 Panhead Electra-Glide, leider mit Schwingenrahmen.

Der Traum von der starren Harley musste letztlich doch noch ein paar Jahre warten. Aber die E-Glide war okay, sie befriedigte mein Fernweh, damals 1979. Oft war ich alleine unterwegs, manchmal mit einem Freund: Helsinki, Stockholm, Brighton. Freizeit und Freiheit waren und sind die wichtigsten Dinge in meinem Leben, und durch kein Geld der Welt zu ersetzen. Dann gründeten wir die Custom Corner in Karlsruhe und es folgten viele Trips in die USA und nach Kanada, wo ich auch immer nach Teilen und Bikes schaute.

Motormensch Jürgen Meinzer

Bedingt durch eine ausgeprägte, berufliche Veränderung kam es zu einer Harley-Abstinenz in den Jahren 1994-2000. Ich fuhr ab und an mal die Harley eines Freundes, war aber weit weg von der Motorradszene. Wiederum eine berufliche Veränderung brachte mich 2001 zurück auf eine Softail Twin Cam 88, die ich mit Wehmut auf die alten Weggefährten fuhr. Kurzum, das machte mir keinen Spaß, denn da fehlte irgendwie das eigentliche Harley-Feeling. Angespornt von den damaligen Dragstylern von Marcus Walz musste so ein Breitarsch her. Kaufen war zu teuer, also blieb nur bauen. Im Zuge dessen gründete ich auch »Gangsta Cycles«. Ich sondierte den Gebrauchtmarkt und wurde fündig. Verbrachte den Winter 2002/03 in der Werkstatt und fertig war mein Dragstyler.

»Unsere Moppeds sind bekannt, weil wir die Karren wirklich fahren«

Aber auch dieses Vergnügen dauerte nur wenige Sommerwochen, bis das Bike einen neuen Besitzer in München fand. Wieder getrieben von den alten Sehnsüchten fuhr ich mit meinem Sohn in den hohen Norden von Deutschland und brachte das zurück, was mir bis heute alles bedeut: Eine gechoppte, originale 1957er Panhead. Viele Motorräder bauten wir unter dem Label »Gangsta Cycles« in den darauffolgenden Jahren. Ihr Aussehen ist prägnant – tief, meist schwarz und unüberhörbar! Unsere Moppeds sind bekannt, gehören in unsere Szene. Weil wir die Karren wirklich fahren, zu vielen Treffen und Roll-outs. Ach so, auch den Traum der 48er habe ich mir zwischenzeitlich doch noch erfüllt, ich habe sie mir selbst zu meinem 50. Geburtstag geschenkt. Maßgeschneidert und mit etwas mehr Geblubber als ein Original – genau so wie ich eben.«

 

Redaktion
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