SoCal-Special

CUSTOM CALIF
Wir stehen in Long Beach am West Coast Choppers Plaza. Der heißt wirklich so, benannt nach der Firma, die hier bis Oktober 2010 für Custom-Touristen aus aller Welt geöffnet war. Und die in ihrer Geschichte mehr T-Shirts als Bikeparts verkaufte. In den frühen 90er Jahren entscheidet sich ein damals unbekannter Bodyguard mit großem handwerklichen Talent, sein Name ist Jesse James, für den Einstieg ins Umbau-Geschäft.

Nachdem er bei HotRod-Customizer Boyd Coddington gelernt hatte, macht er sich mit West Coast Choppers selbstständig – und verhilft dem Westküsten-Customizing zu einem unglaublichen Höhenflug, der sich in Fernsehserien, Live-Shows und einer Marketingmaschinerie riesigen Ausmaßes über die Welt ergoss. Und der einen Boom erzeugte, von dem bis heute viele in der Branche zehrten und noch zehren, da nehmen wir uns nicht aus.
Spätestens nachdem die Ostküste mit Familie Teutul und „American Chopper“ dagegenhielt, war auch dem letzten klar, dass die zwei Küsten der USA motorrad- und szenetechnisch meilenweit auseinander liegen. Der tätowierte, coole Antihero Jesse James gegen den rüpeligen, tribal-gepieksten Paul Teutul und seine dickbäuchige Sippe – der Coolness-Punkt geht klar an die Westküste. 


SoCal-Special

Auch davon abgesehen rümpft man in Calif gerne die Nase, wenn es um die andere Seite des Landes geht. Hier, wo man den Skate- und Surfstyle pflegt, seine Treffen zwischen Mandelbäumen, Orangenplantagen und DirtTracks abhält. Gegenüber dort, wo man immer noch glaubt, dass Bagger das nächste große Szenethema werden, Bling und Glitzer keinen Faux Pas darstellen, Bikertreffen auf asphaltierten Flächen stattfinden und ein Rummelplatz zu jedem SwapMeet gehört. Auch zur Daytona Bike Week fährt der Kalifornier eher widerwillig oder nur, „um Kohle mit diesem Zirkus zu machen und ein paar hundert Shirts zu verkaufen“, wie uns Chris Richardson, Owner des LA Speed Shop später verrät. Hier in Calif dagegen ist es irgendwie schnuppe, wie das Geschäft auf ’nem Event läuft. Und hier heißt auch nichts „Bike Week“, hier fährt man zum „Hippykiller Hoedown“ oder zur „Born Free-Show“, um sich dort ordentlich einen einzulöten und Benzin zu quatschen. Hier trägt man Dickies, Vans und Loser Machine, die quietschbunten Helm-Halbschalen werden in der Nachbarschaft bei Biltwell gefertigt und Teile kauft man nicht im Aftermarket-Katalog, sondern beim Schrauber um die Ecke. Wirklich, der Unterschied zwischen West und Ost könnte nicht größer sein.

Der typische SoCal-Stil der Motorräder entsteht durch den Film „The Wild Angels“. Die Protagonisten fahren Harley und Triumph

Dabei ist eindeutig klar, dass die Wurzeln des US-Motorradcustomizing und damit einer weltweiten Umbauszene in Kalifornien liegen.
Das beginnt am 4. Juli 1947 in einem kleinen Städtchen namens Hollister im Süden des Bundesstaates. Hier, wo es zu den bis dato schwersten Ausschreitungen einer motorradfahrenden Subkultur kommt und aus denen die Einprozenter hervorgehen. Ein Jahr später gründet sich das erste Hells Angels Chapter in San Bernardino, ebenfalls in  Kalifornien. 1953 stürmt schließlich Marlon Brando als Gallionsfigur der neuen Randgruppe im Film „Der Wilde“, der die Ereignisse von Hollister aufgreift, die Leinwand. Er fährt Triumph, die jungen Rebellen des realen Lebens machen es ihm nach. Auch heute noch ist der Name Hollister übrigens eng mit der Umbauszene verbunden. Die Firma Corbin fertigt hier Custom-Sitzbänke und verschifft sie in alle Welt. Nun haben sich also Anfang der 50er die Rebellen von den normalen Motorradfahrern getrennt, aber wie kommt es zum typischen Custom-Stil, den man in SoCal bis heute pflegt.


Der prominente Hells Angel Sonny Barger im Jahr 1959: Sein Motorrad gibt die neue Richtung vor. Rigid Frame, gekürzte Fender, kleiner Tank, Apehanger

Nun, es sind tatsächlich die Motorradclubs, allen voran die Hells Angels, die das Bild des typischen California Customs prägen. Sie fahren die ersten Chopper, angelehnt an die HotRod-Kultur, die ebenfalls in Calif ihren Ursprung hat. Ein Foto von 1959 zeigt den damaligen Hells Angels Charter-Präsidenten Sonny Barger auf seiner Harley. Ein Starrrahmen ist ein Muss, das Frontend des Bikes ist gereckt und von unnötigem Ballast befreit, der Heckfender wurde gekürzt, um Gewicht zu sparen – und damit es cool aussieht. Der Auspuff ist höher gezogen als beim Original. Die Vorstufe des Choppers ist geboren und sollte sich als kalifornischer Stil durchsetzen.  Zum ersten Mal auf großer Leinwand sind derartige Bikes im Film „The Wild Angels“ zu sehen, er erscheint 1966. Aus ihm geht übrigens ein zweiter, gefragter Stil hervor. Während in Südkalifornien die Linien der Bikes flach bleiben, zieht man in der San Francisco-Area die Tanks höher, der Frisco-Style ist geboren.
Was das professionelle Umbauen angeht, ist Randy Smith aus Long Beach wohl einer der wichtigsten Männer der damaligen Zeit. 1967 gründet er seine Firma Custom Cycle Engineering und gilt damit als einer der Pioniere der Harley Aftermarket-Industrie. In seiner Manufaktur entwickelt und baut er Teile, die in originaler oder abgewandelter Form bis heute verbaut werden. Dazu gesellen sich erste komplett umgebaute Motorräder aus seiner Werkstatt. Randys bekanntestes Motorrad wird die „45 Magnum“, die heute im Harley-Museum in Milwaukee steht. An ihr verbaut er nicht nur seine eigenen einzigartigen Parts. Sie spiegelt auch den damaligen und heutigen SoCal-Style exakt wieder.

Das berühmteste Foto von Teilehersteller Randy Smith aus Long Beach: In den Armen hält er seine „Magnum 45“

Parallel zur technischen Veränderung der Motorräder, rücken auch optische in den Fokus. Kenneth Robert Howard aus Los Angeles ist Motorradmechaniker, Waffenschmied und Metallarbeiter. Und nicht wenige sagen, er ist ein Nazi härterer Sorte. Aber er ist vor allem ein Künstler und Pinstriper. In den frühen 50er Jahren beginnt er, Geld damit zu verdienen. Auf Surfbrettern, Skateboards, auf Custom-Cars und natürlich auf Motorrädern malt er seine Linien. Er lackiert außerdem die ersten Flammen-Designs auf HotRods. Sein Logo, der Flying Eyeball, wird zum Synonym für eine beginnende Ära. Howard stirbt 1992 an seiner Alkoholsucht, vergessen wird er nie. Unter seinem Künstlernamen „von Dutch“ geht er in die Geschichte ein und gilt als einer der Begründer der Kustom Kulture, wie wir sie heute auf HotRod-Treffen feiern. Vertreter dieser Kultur sind bis jetzt emsig wie eh und je in Calif aktiv – Herb Martinez, Doug Dorr, „Dirty“ Donnie Gillies, Bob Spina und zahllose andere führen das Werk von Howard und Mitstreitern wie Ed Roth oder Dean Jeffries fort. 
Dazu kommen prestigeträchtige Veranstaltungen. Das größte SwapMeet der USA in Pomona spuckt Teile für neue Umbauten aus und inspiriert die Schrauber, an jeder Ecke finden Drag Races statt, die ersten Viertel- und Achtelmeile-Rennen werden von der kalifornischen HotRod-Szene initiiert. Und selbst die ersten ovalen Dirt Track-Bahnen finden sich in Kalifornien. So hat sich in den 60er und 70er Jahren eine Customszene in all ihren Facetten im Westküsten-Staat etabliert. Der Szene-Mythos SoCal ist geboren. Erst in den 80er Jahren verlagert sich der Nabel der Welt an die Ostküste. Chrom, Breitreifen und Megaevents wie Daytona sind schwer angesagt. Es soll 20 Jahre dauern, bis die kalifornische Szene ihr Comeback erlebt.


Kenneth Howard, alias „von Dutch“ gilt als Vorreiter der Pinstripe-Kultur. Gegen den Strom schwimmt er sein Leben lang und fährt schon in den 50ern Moto Guzzi

An ihrem Reiz hat die Wiege des Customizings trotz zwischenzeitlicher Flaute nichts verloren. Über viele Jahre ziehen Männer in den Staat, die hier schrauben und leben wollen. Russell Mitchell, der Engländer, ist einer der ersten. Vor 20 Jahren kommt er für einen Modelljob nach Los Angeles. Und bleibt. Da hat er die Idee der Werkstatt bereits im Kopf, die Rezession in seiner Heimat gibt den letzten Ausschlag. „Man kann bis heute dort kein Geld mit Customizing verdienen“, erklärt der Chef von Exile Cycles. Als Amerika 2002 das Umbauen von Motorrädern als Fernsehthema entdeckt und mit dem „Biker Build Off“ eine der erfolgreichsten Sendungen der frühen 2000er Jahre an den Start bringt, ist Russell vorne mit dabei. Auch andere Schrauber, die ihr Heil in der Customszene Kaliforniens gesucht haben, finden sich plötzlich als Medienstars wieder. Die Japan-Auswanderer Shinya Kimura und Chica, der Newcomer Roland Sands, dessen Vater Perry bereits 1970 mit Performance Machine einen späteren Aftermarket-Giganten in La Palma gegründet hatte. Dazu junge Designer wie Matt Hotch oder alte Hasen wie Arlen Ness, Oldschooler wie Cole Foster oder Michael Barragan, der aus Burbank, der Hotrod-Enklave von Los Angeles stammt. Die kalifornische Custom-Industrie erlebt ihren medialen Höhepunkt. Den Weg dafür geebnet hatte übrigens ein anderer und so schließt sich der Kreis. Jesse James’ dreiteilige Doku-Serie „Motorcycle Mania“ lief bereits 2001 zum ersten Mal. Als er verkündet, er wird irgendwann in einem Wettkampf gegen die Teutuls von der Ostküste antreten, ist die Ära der Fernsehschrauber so gut wie vorbei. 2007 flimmert die letzte BBO-Staffel über die Bildschirme, Amerika steht kurz vor der schwersten Wirtschaftskrise der Neuzeit.

Auswanderer wie Russell Mitchell haben die Szene mit neuen Ideen bereichert

Cole Foster ist eines der Custom-Urgesteine Kaliforniens

Die Rezession stürzt auch die Customszene in ein tiefes Tal, nicht jede Firma wird sie überleben. Und doch, in Kalifornien wird weiter geschraubt, der eigenen Tradition und dem Selbstverständnis verpflichtet. Gegen den Trend gründen sich in den letzten Jahren beachtliche neue Firmen. In sterilen Hinterhöfen, aber mit famosen Werkstätten kehren sie zurück zu den Wurzeln der 60er Jahre. Die Oldschool-Welle der letzten Jahre spielt ihnen dabei in die Karten, der SoCal-Style ist gefragt wie nie. So bauen sie Chopper wie damals, pflegen ihr Kulturgut aus Metalflake und Hotrod-Attitüde und sind zusammengewachsen. Man kennt sich hier, eine große Konkurrenz untereinander gibt es nicht. Vom Bikebau allein leben sie alle nicht mehr, aber sie haben Nischen gefunden und sind mit weniger zufrieden. Die einen verkaufen T-Shirts, die anderen fertigen Zubehör-Teile, die nächsten designen für die Aftermarket-Industrie, wieder andere führen Internet-Blogs, oder sie gehen nebenbei arbeiten, um ihre kleinen Buden zu finanzieren.

SoCal-Special

Als wir am Ende unserer Reise in Los Angeles mit Matt Davis, dem, inzwischen leider verstorbenen, Redakteur des szenig-oldschooligen Dice Magazines zusammentreffen, bringt er die aktuelle kalifornische Szene auf den Punkt: „Es ist ruhiger geworden, aber nicht schlechter. Laute Zeiten hatten wir genug. Eine Szene hat zu ihrem Ursprung zurückgefunden.“

Mehr über die SoCal-Szene und einige ihrer Bike Builder erfahrt ihr ab Teil 2 unseres California Custom Specials …