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Motorräder und Fotografie sind die großen Leidenschaften von Todd Blubaugh. Also kündigt er seinen festen Job, um einen Roadtrip mit seiner Harley Shovel zu starten. Nur wenige Tage vor der geplanten Abfahrt sterben Todds Eltern bei einem Autounfall – so wird aus dem Trip eine unvorhergesehene Reise zu sich selbst, aus der das Buch »Too Far Gone« entsteht.

Insgesamt ist Todd sechs Monate in den USA unterwegs, fährt durch unzählige Gegenden und Städte. Aus den Erlebnissen auf der Straße entsteht das Buch »Too Far Gone«, ein Bildband in Schwarz-Weiß, gespickt mit Anekdoten, Briefen und Artefakten. Sie machen das Buch zu einer sehr persönlichen Erzählung über Freiheit, Verlust und die Suche nach Identität – einige von Todds Bildern zeigen wir euch auf diesen Seiten.

Too Far Gone – Eine Menge neue Perspektiven

CB: Du warst sechs Monate mit deiner Shovel unterwegs. Wie hat dieser Roadtrip deine Sicht auf die Dinge verändert?
Todd Blubaugh: Nun, das ist eine große Frage, aber ich versuche, sie kurz zu beantworten. Ich habe festgestellt, dass ich jetzt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen den Menschen feststelle. Es hat mir außerdem eine Menge neue Perspektiven eröffnet, wie mein Leben besser sein kann. Und ich bin Beziehungen zu tollen Menschen eingegangen, die ich ohne diese Reise vermutlich übersehen oder nie kennengelernt hätte.

»Ich bin Beziehungen zu tollen Menschen eingegangen, die ich ohne diese Reise vermutlich übersehen oder nie kennengelernt hätte.«

Was war der beeindruckendste Moment auf deiner Reise?
Davon gab es eine Menge, aber der wichtigste Moment, der mir in den Sinn kommt, war eine Nacht im August. Da erkundete ich mit meinen Freunden Ethan und Jamie eine verlassene Militärbasis. Ich kann es nicht wirklich erklären, aber ich nehme an, es hat mich so beeindruckt, weil es die Projektion einer Kinderfantasie war, die ich nun als Erwachsener erlebte.

Das war der U-Turn, der Punkt, der die Sicht auf die Dinge veränderte

Was war das größte Tief während deines Trips?
Das war der Besuch meines Geburtsortes in Kansas. Es war für mich zunächst unerträglich in meiner Heimatstadt zu sein und in dem leeren Haus zu schlafen, in dem ich aufgewachsen bin. Ich weiß aber, es war das, was nötig war, was ich brauchte. Es endete damit, dass ich dort viel geschrieben habe. Man könnte sagen, es war der U-Turn, der Punkt, der die Sicht auf die Dinge veränderte – so, wie ich es euch in eurer Eingangfrage gesagt hatte.

»Briefe zu schreiben ist eine sehr effiziente Möglichkeit, eine Geschichte zu erfassen und Menschen zu danken, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Es gibt in meinem Buch sieben dieser Briefe, die zwischen den Seiten eingeheftet sind.«

Die Bilder in deinem Buch sind in Schwarz-Weiß. Gab es einen Grund, warum du sie so fotografiert hast?
Einige meiner stärksten Bilder habe ich schon immer auf Ilford-Filmen in Schwarz-Weiß fotografiert. Außerdem fühlte es sich aus chronolgischen und ästhetischen Gründen für mich widersprüchlich an, die Bilder in Farbe aufzunehmen. Deshalb entschied ich, dass diese Art der Fotografie ein besserer Weg war, die Geschichte meiner Reise zu erzählen.

Too Far Gone – Ein anstrengendes Unterfangen

Du hast während deiner Reise mehrere Briefe geschrieben, die nie abgesendet wurden, aber die in deinem Buch zu finden sind. Was hat das Schreiben dieser Briefe für dich bedeutet?
Briefe zu schreiben ist eine sehr effiziente Möglichkeit, eine Geschichte zu erfassen und Menschen zu danken, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Es gibt in meinem Buch sieben dieser Briefe, die zwischen den Seiten eingeheftet sind. Ein paar andere – in der Tat auch einige meiner Favoriten – wurden dagegen nicht veröffentlicht, weil sie einfach nicht in den richtigen Zusammenhang zu den Bildern passten. Der Arbeits- und Verfeinerungsprozess an solch einem Buch ist nämlich in der Tat ein sehr anstrengendes Unterfangen. Da gab es viel Material zu sichten, auszuwählen und in einen passenden Kontext zu bringen.

»Einige meiner stärksten Bilder habe ich schon immer auf Ilford-Filmen in Schwarz-Weiß fotografiert. Außerdem fühlte es sich aus chronologischen und ästhetischen Gründen für mich widersprüchlich an, die Bilder in Farbe aufzunehmen.«

Wie auch immer, ich habe beschlossen, die Briefe in das Buch zu übernehmen, nachdem ich einen Abschiedsbrief von meinem Vater gefunden hatte. Er hinterließ ihn für mich, für den Fall, dass ihm jemals etwas zustoßen sollte. Es war für mich überwältigend, diesen Brief mit einem vollen Verständnis für sein Leben zu lesen. Und so dachte ich, diese Briefe meiner eigenen Reise wären für dieses Verständnis meines Lebens ebenso sinnvoll.

Irgendwas stimmte mit dem76er Shovel nicht mehr

Du bist den kompletten Trip mit deiner eigenen Harley Shovel gefahren. Hattest du technische Probleme und wenn ja, wer hat dir geholfen, sie zu lösen? 

Die Wikoff-Familie, ganz klar – sie halfen mir über alle Maße. Auf meinem Rückweg nach Seattle machte mir meine 76er-Shovel richtig Sorgen, irgendwas stimmte mit meinem Motor nicht mehr. In Jess Wikoffs Garage – nur einen Ort weit von meiner Geburtsstadt entfernt – fand ich Hilfe. Nachdem wir Zylinder entfernt hatten, bemerkten wir ein starkes Spiel meiner Pleuelstangen.

»Ich verschwand für sechs Monate. Meine Geschichte in Bildern und Texten zu erzählen machte es für mich einfacher, die dunkelste Zeit zu überstehen und auch meinen Freunden und meiner Familie zu erklären, warum ich verschwunden war.«

Die eine Möglichkeit war, das Ganze notdürftig zu reparieren und mich damit bis Washington durchzuschlagen. Die andere Möglichkeit war es, alles von Grund auf neu aufzubauen und es mit diesem quasi neuen Motor bis nach Hause zu schaffen. An diesem Punkt war ich zum ersten Mal bereit, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben, wir entschieden uns also für die zweite Option. Die Firma Truett und Osborne macht die besten Schwungscheiben in den USA und ist nicht weit weg, ebenso die Spezialisten von »V-Twin«, das half uns.

Tägliche Routine – In die Werkstatt fahren und am Motor arbeiten

Es war im Nachhinein der perfekte Zeitpunkt, an dem mein Motor kaputtging, denn der Herbst in Kansas ist wunderschön. Während wir den Motor neu aufbauten, lebte ich im Haus meiner Eltern. Wie ich oben gesagt habe, war das am Anfang unerträglich. Aber mit der täglichen Routine, in die Werkstatt zu fahren und mit den Wikoffs an meinem Motor zur arbeiten, befreite ich mich aus diesem Tief. Ich fand eine Menge von dem wieder, was ich in der Zeit davor verloren hatte – und es wurde zum wichtigsten Stopp während meiner Reise.

Das Buch »Too Far Gone«, gebundene Ausgabe, 248 Seiten, Sprache: Englisch, Gingko Press GmbH

War es von Anfang an geplant, ein Buch über deine Reise zu veröffentlichen?
Schon vor einiger Zeit kam das Kunst- und Designstudio »Belle and Wissell Co.« auf mich zu, mit der Idee, einen Bildband über Motorradkultur zu machen. Es war der Arschtritt, den ich brauchte, um meine Arbeit als angestellter Fotograf zu beenden. Ich fing an, mich mit der Idee auseinanderzusetzen und ein Konzept zu erstellen. Allerdings waren alle Ideen und Planungen an dem Tag vorbei, an dem ich nach Hause fuhr, um meine Eltern zu begraben. Trotz allem versicherten mir die Leute aus dem Studio, dass sie flexibel sind und alles weiter so handhaben würden, wie und wann ich es vorgäbe.

Too Far Gone – »Ich verschwand für sechs Monate«

Ich kam von der Beerdigung zurück und verließ Seattle einen Tag später wieder, ich verschwand für sechs Monate. Meine Geschichte in Bildern und Texten zu erzählen machte es für mich einfacher, die dunkelste Zeit zu überstehen und auch meinen Freunden und meiner Familie zu erklären, warum ich verschwunden war. Nach meiner Rückkehr konnte das Buch endlich gemacht werden. Es ist ein Buch mehr über Menschen als über Motorräder geworden. Aber ich denke, genau das ist es, was es ohnehin sein sollte.

Todd Blubaugh

Der Fotograf Todd Blubaugh

Todd Blubaugh wurde in McPherson/Kansas geboren und ist dort aufgewachsen. Seine Eltern Rael und Rich »Bogey« Blubaugh unterstützten seine Interessen – Kunst und Motorräder – von Anfang an. Todd bekommt sein erstes Motorrad im Alter von 12 Jahren unter der Bedingung, dass er die Kosten dafür mit Rasenmähen und Holzhacken abarbeiten muss. An den Wochenenden geht Todd gern in die Kirche, dort zeichnet er Bilder von Fantasiemotorrädern – die einzige Art, wie er stillsitzen kann.

Seine Interessen schwinden im Laufe der Jahre nicht, sondern werden immer stärker und zur lebenslangen Leidenschaft. Todd geht nach Seattle und arbeitet dort als Fotograf und Grafikdesigner. Von hier aus startet er auch seinen Trip, von dem die Bilder in diesem Artikel stammen. Heute lebt Todd Blubaugh in Los Angeles. Aktuell arbeitet er bei verschiedenen Filmproduktionen, schreibt, fotografiert und betreibt mit seinen Freunden das »The Chun«, eine Art Club mit Motorradladen und Kunstobjekten.

Info |  toddblubaugh.com

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.