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Michael Lichter ist der wohl bekannteste Fotograf der Motorradszene weltweit. Seit nahezu 40 Jahren dokumentiert er vor allem die Customszene in den USA. Dazu organisiert er seit einigen Jahren außergewöhnliche Motorradausstellungen. Wir trafen Michael anlässlich seiner »The Naked Truth«-Ausstellung und baten ihn zum Interview.

7000 Quadratmeter, 35 Motorräder, ein Fotograf – das sind die Eckdaten, die uns nach Sturgis gelockt haben. Traditionell veranstaltet der Fotograf Michael Lichter nämlich dort, im Rahmen der jährlich stattfindenden »Sturgis Rally & Races« jeweils eine Custom-Themenausstellung.

»The Naked Truth« – Themenausstellung in Sturgis

Startete das Ganze 2001 noch im bekannten Buffalo Chip Saloon in kleinem Rahmen, so konnte für die Ausstellungen nach sieben Jahren ein neuer Raum gefunden werden. Heute finden Michaels Ausstellungen eben in jener riesigen Halle statt, wo die ausgewählten Motorräder sieben Tage lang auf Einzelpodesten präsentiert werden.

»Es war mir wichtig, eine Museumsatmosphäre zu schaffen, deshalb standen die Bikes auf Einzelpodesten und waren mit jeweils eigenen Lichtspots ausgeleuchtet«, erklärt Michael Lichter den Aufbau von »The Naked Truth«. Der Fotograf versteht umgebaute Motorräder als Kunstobjekte, daher dieses Augenmerk auf Details anstatt einem einfachen Hinstellen von Bikes

Das Ganze unter Theaterbeleuchtung und mit schon traditioneller Kunst an den Wänden, die ebenfalls im Museumsstil ausgeleuchtet ist. »Ich bin sehr stolz darauf, welche Möglichkeiten ich bekommen habe«, erzählt Michael uns, »und vor allem auch darauf, dass der Eintritt zur Ausstellung für Besucher seit jeher frei ist.«

Bikes ohne das Finish einer Beschichtung oder Lackierung

Die Ausstellung hatte das unmissverständliche Motto »The Naked Truth«, also die nackte Wahrheit. Es ging dabei ausschließlich darum, die ausgestellten Custombikes so zu präsentieren, wie sie gebaut worden waren – ohne das Finish einer Beschichtung, Lackierung oder sonstigen Oberflächenbehandlung.

»7000 Quadratmeter, 35 Motorräder, ein Fotograf – das sind die Eckdaten der 15. Motorrad-Ausstellung, die Michael Lichter im Rahmen der Sturgis Rally and Races organisierte«

Die 35 Customizer, die zum Teil ihre Bikes speziell für Michaels Ausstellung gebaut hatten, kamen aus allen Teilen der USA zusammen, auch vier japanische Bikebuilder gaben sich die Ehre, wiederum zwei von ihnen leben allerdings in den USA.

So unterschiedlich wie die Customizer waren so auch die ausgestellten Motorräder

Etablierte Namen wie Roland Sands, Brian Klock, Billy Lane, Ken Nagai, Bill Dodge, Shinya Kimura und Paul Cox trafen bei »The Naked Truth« auf die junge Bikebuilder-Riege um Jordan Dickinson, Cristian Sosa, Dan »Bacon« Carr, Max Hazan oder Rick Bray. Genauso unterschiedlich wie die Customizer waren so auch die ausgestellten Motorräder.

Beeindruckende Vielfalt: Die gezeigten Motorräder boten die komplette Bandbreite an Umbaustilen: Klassische Chopper und Bobber, altertümliche Boardtracker, Cafe Racer und Scrambler wurden gezeigt, viele waren extra für die Ausstellung gebaut worden

Ob Ducati 900 SS, Yamaha RD 400-Racer, Shovelhead-Chopper oder Norton Seeley-Cafe Racer – die Bandbreite war erstaunlich und grandios ausgewählt. Und so hatte Michael Lichter am Ende erreicht, was er wollte: Die Vielfalt einer Custombike-Kultur an rohen Werken zu zeigen, die nicht durch eine Lackierung oder grafische Elemente blenden, sondern Demonstrationen von Handwerkskunst und Talent der einzelnen Customizer sind.

»The Naked Truth« – Die Handwerkskunst steht im Mittelpunkt

Und deren Gefühl zu Form, Gestaltung und Linien besonders deutlich und unverfälscht zeigen. »Die Schönheit des einzelnen Bikes stammt allein aus der Hand des Mannes, der es gebaut hat. Das wollte ich mit meiner Ausstellung zeigen«, erklärt Michael Lichter. Es ist ihm bravourös gelungen.

Dalton Walkers Petruzzi Knucklehead

Im Gespräch mit Michael Lichter

CB: Du bist seit vielen Jahren in der Motorradszene unterwegs. Was denkst du, gerade im Bezug auf Custombikes, wie sich die Szene in den letzten Jahren verändert hat?
Michael Lichter: In den bald 40 Jahren, in denen ich nun Custombikes fotografiere, haben die sich enorm weiterentwickelt. Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, glaubt mir. Aber das Erstaunlichste ist, dass sich Zeitgeist in Motorrädern widerspiegelt und wie sich die Stile durch die Epochen ziehen und wiederholen. Im richtigen Leben, abseits von Motorrädern, ist das ja nicht anders.

»Bikes, bei denen einem das Blech wegfliegt«

Wir sind heute an einem Punkt, wo wir die Inspiration zu neuen Custombikes in den 60er und 70er Jahren suchen, und wie damals auch werden die Motorräder mit unglaublichem Talent und grenzenloser Leidenschaft gebaut. Nur, dass die Bikebuilder eben heute modernere Werkzeuge benutzen und über viel mehr Informationen verfügen, als die Jungs früher. Das Ganze zeigt sich in Bikes, bei denen einem das Blech wegfliegt. Ich kann mich nicht erinnern, dass vor 35 Jahren schon in dieser vielfältigen Kreativität und auf diesem technisch hohen Niveau geschraubt wurde.

Michael Lichter

Der Customizer Shinya Kimura sagte einmal, umgebaute Motorräder sind Kunst. Denkst du genauso darüber?
Ja, das sind sie absolut. Und ich stehe schon seit den 70er Jahren voll hinter dieser Aussage. Ich habe hitzige Diskussionen mit Künstlern geführt, in denen ich Custombikes immer als eine Kunstform verteidigt habe. Persönlich halte ich sie für eine Art »Volkskunst«, in der Männer den Traditionen des Custombike Building folgend in ihren eigenen privaten Garagen neue Kreationen erschaffen. Sie bauen ihre Motorräder, damit diese schneller werden oder einfach nur cooler oder beides zusammen. Aber das Ganze ohne einen äußeren Zwang, ohne irgendeine Entlohnung für ihre Mühen außer vielleicht einem guten Auftritt vor der Bar oder einem gelungenen Ampelsprint. Sie bauen sie nur aus dem Grund, um individuell zu sein und ihre eigene Persönlichkeit zu reflektieren, setzen ihr ganzes Ich in ein Motorrad. Was ist das, wenn nicht Kunst?

»Ein unlackiertes Bike verzeiht keine Fehler«

Deine »The Naked Truth«-Ausstellung zeigt ausschließlich unlackierte Motorräder. Was ist die Faszination eines solchen rohen Motorrades?
Ein Bike von all seinem Oberflächen-Finish zu befreien ist ein Weg, zu zeigen, was für eine unglaubliche Kunstfertigkeit in dem Bau eines Motorrades steckt. Lackierungen verdecken dieses großartige Handwerk oft genug und lassen Details weniger aufwendig erscheinen, als sie am Ende tatsächlich sind. Wenn »normale« Besucher an einer Reihe Bikes vorbeischlendern, so beziehen sich 90 Prozent ihrer »Ahhhhs« und »Ohhhhhs« auf die Oberfläche des Bikes, sie lassen sich von der Lackierung leiten. Das habe ich tausendfach beobachtet. Ein unlackiertes Bike zwingt sie, näher hinzuschauen, wenn sie es beurteilen wollen. Und es verzeiht keine Fehler.

Kenny Cummings Norton

Deine Ausstellung präsentiert 35 dieser unlackierten Bikes. Ich stelle es mir recht schwierig vor, so viele rohe Motorräder in dieser Qualität zur gleichen Zeit zusammenzutrommeln. Wie konntest du so eine einzigartige Ausstellung realisieren?
Zum einen präsentiere ich meine Ausstellungen seit 15 Jahren, sie haben dadurch ein gewisses Standing bei den Bikebuildern. So habe ich viele Customizer, die warten, bis ich den Titel der geplanten Ausstellung bekanntgebe, um dann exakt unter diesem Motto ein Motorrad zu bauen. Das passt dann wiederum natürlich perfekt. Andere Motorräder waren schlicht noch nicht lackiert. Und zwei, drei Customizer haben schon lackierte Bikes wieder in den Urzustand gebracht, ein großer Vertrauensbeweis für meine Arbeit.

»Wir hatten sogar zwei Bikes dabei, die von Japan aus in die USA verschifft wurden«

Ich muss aber sagen, ich war ein bisschen überrascht, wie schnell die Customizer auf meine Einladung reagiert haben. Wir hatten sogar zwei Bikes dabei, die von Japan aus in die USA verschifft wurden. Leider werden wir, anders als hier in den USA, noch nicht von den Shipping Companies unterstützt, was den internationalen Transport betrifft. Das ist auch der Grund, warum ich bisher keine europäischen Bikebuilder einladen konnte, obwohl ich natürlich weiß, dass bei euch tolle Motorräder existieren. Ich hoffe, wir können das in den nächsten Jahren ändern.

Custom Panhead von Kaichiroh »Kross« Kurosu, Cherry’s Company

Im übrigen war 35 exakt die richtige Zahl für mich, das Thema »Nackte Wahrheit« zu interpretieren. Es wäre rein platzmäßig nicht das Problem gewesen, weitere 15 Bikes unterzubringen, aber dann hätten die einzelnen Motorräder in ihrer Präsentation gelitten. Es wäre mein Traum, eine solche Art von Motorradausstellung im Kunstmuseum einer großen Stadt zu veranstalten. Ich hoffe tatsächlich, dass irgendwann ein Museum auf das, was ich tue, aufmerksam wird und mein Traum real wird.

»Alle fünf Jahre zeige ich ausschließlich meine Arbeiten«

Neben den reinen Motorräder hast du im Rahmen von »The Naked Truth« auch eine Auswahl deiner Fotos gezeigt. Du hast mir gesagt, auch sie sind auf eine gewisse Art und Weise nackt. Wie hast du das gemeint?
Bestandteil meiner Motorradausstellungen ist immer auch Kunst an den Wänden, wobei ich meine eigenen Fotos nicht immer in meine Ausstellungen integriere. Aber alle fünf Jahre zeige ich ausschließlich meine Arbeiten, und dies war eben meine 15. Ausstellung. Als ich das Motto für die Ausstellung wählte, sollte es also auch meine Fotos mit einschließen. Deshalb war »The Naked Truth« der perfekte Titel. Ich habe die Bilder dafür mit Bedacht ausgewählt und vorsichtig in die Ausstellung integriert. Sie sind ein Teil meiner eigenen Geschichte und ein Teil unserer Motorradkultur. 

Dale Yamadas Harley-Davidson Shovelhead

Es gibt kein Medium, das genauer dokumentiert was das Auge sieht, als die Fotografie. Als Fotograf triffst du die kreative Entscheidung, wie du belichtest, wie du Schärfe und Unschärfe kombinierst, Momente einfrierst, wie du deine Blende einstellst oder dergleichen, das Ergebnis ist deine zweidimensionale Sicht auf eine dreidimensionale Welt. Aber du kannst nicht wie bei einem Gemälde verschiedene Elemente kombinieren, bewegen oder wieder verändern. Wenn jemand ein Foto von mir als romantisch oder geheimnisvoll einstuft, so ist dieses Empfinden sein persönliches.

»Bei meinen Bildern füge ich nichts hinzu, ich lasse nichts weg«

Es ist nichts, was ich mir gedacht habe, als ich das Bild schoss. Entgegen zahllosen anderen Fotografen bearbeite ich meine Bilder nicht massiv per Photoshop, ich füge nichts hinzu, ich lasse nichts weg. Das ist heutzutage etwas ungewöhnlich. Der Betrachter meiner Bilder sieht also am Ende genau das, was ich beim Fotografieren durch meine Linse gesehen habe, die nackte Wahrheit eben. Auch mit dem Umzug zur digitalen Fotografie – und mit ihr kann man die Realität gewaltig verändern – habe ich meine Arbeitsweise nicht geändert.

Max Hazans Harley-Davidson XLCH Supercharged Ironhead von 1965

Das Ausmaß meiner Bildbearbeitung ist sehr beschränkt und nichts anderes als das, was ich früher in der Dunkelkammer getan habe, ein paar Verschiebungen von hellen und dunklen Bildbereichen, das wars. Früher habe ich diesen Kontrast durch die Auswahl des Fotopapiers oder durch meine eigene Mischung von Chemie und Rohstoffen in der Dunkelkammer erreicht.

Dekorative Kunst fürs heimische Wohnzimmer

Am Ende sagen Besucher meiner Ausstellung zu dem ein oder anderen Bild »Ja, schönes Bild« während sie bei anderen – die für mich persönlich besonders gelungen sind – lediglich sagen, »Ja, so war das damals halt«. Die erstgenannten Bilder verkaufen sich als »dekorative Kunst« fürs heimische Wohnzimmer übrigens besser, da könnt ihr sicher sein. Und es sei mir gestattet, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass alle meine Fotos aus der »Naked Truth«-Ausstellung als großformatige, limitierte Prints bei mir erhältlich sind.

Cristian Sosas 1940 Indian Scout (45 ci) vor Shinya Kimuras 1914 Excelsior Salt Flats Racer

»The Naked Truth« ist deine 15. Ausstellung mit speziellen Custombikes. Hast du Ideen für neue Ausstellungen?
Das Thema fürs nächste Jahr steht bereits fest. Es wird sich wieder auf die Oberfläche eines Motorrades konzentrieren. Es soll eine Art Fortsetzung von »The Naked Truth« werden, bereichert um ein wesentliches Oberflächendetail. Die Motorräder dafür müssen wieder von grandiosen Handwerkern gebaut werden und sehr detailiert sein, nur so lässt sich »mein« Thema umsetzen. Jetzt habe ich schon viel gesagt, also kann ich es euch auch direkt verraten. Es wird darum gehen, wie die Tätowierkunst die Kunst Motorräder zu bauen beeinflusst. Es gibt da so viele Überschneidungen und Beziehungen zwischen Tätowierern, Customizern, tätowierten Menschen und beiden Szenen, dass dies ein unheimlich spannendes Ding werden kann.

Info |  lichterphoto.com

 

Arbeitet seit 1996 für den Mannheimer Huber Verlag, gehört seit 2005 zum festen CUSTOMBIKE-Magazin-Team und steuert seit 2013 das ansonsten männerbevölkerte CUSTOMBIKE-Schiff als Chefredakteurin. Beruflich hat sie jeden großen und kleinen Customtrend der letzten zwanzig Jahre mitgemacht, glaubt aber letztlich an den Erfolg von Bodenständigkeit und Konstanz – auch die Maxime für die Arbeit an Deutschlands ältestetem Magazin für umgebaute Motorräder. Sie selbst pflegt beste Kontakte in die Umbau- und Schrauberszene, nicht nur in Deutschland, weiß meistens genau, wer gerade an was baut, und berichtet mit Vorliebe über die Geschichten hinter den Motorrädern und über echte Petrolheads, die das Customizing von ganzem Herzen leben. Fürs private Zweiradglück genügt ihr eine Honda CB 400 Four, mit Baujahr 1977 gerade mal ein Jahr älter als die Chefin. Aktuell steht die Honda allerdings auf der heimischen Hebebühne und soll bald in neuem Glanz erstrahlen – a bikers work is never done.