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1914 durchquerte Erwin »Cannonball« Baker als erster Mann auf einem Motorrad die USA, allein und teilweise ohne echte Straßen. Er brauchte elf Tage und berichtete danach über »Wege wie frisch gepflügte Äcker«. Heute halten wackere Männer sein Andenken in Ehren, alle zwei Jahre, bei einer der größten Herausforderungen, die die Motorradwelt zu bieten hat: dem Motorcycle Cannonball – der klassischsten Rallye der Welt.

Tatsächlich gilt der Begriff »Cannonball« (deutsch: Kanonenkugel) ursprünglich als Synonym für illegale Autorennen quer durch die USA. Die wurden in den 70er Jahren vom Automagazin Car & Driver initiiert, führten von New York nach Los Angeles und waren Vorlage für allerlei Hollywood-Filme. Ein Mythos war entstanden. Und es geht auch um den ein oder anderen Mythos beim alle zwei Jahre ausgetragenen Motorcycle Cannonball für alte Motorräder. Die Kriterien für eine Teilnahme sind streng, das Erlebnis dafür ein ganz besonderes. Wer nun glaubt, mit einem Sportbike neuester Generation von der West- an die Ostküste zu heizen, liegt komplett falsch. Der Reiz des Motorcycle Cannonball besteht in seinen Motorrädern, oder sollen wir besser sagen, in dem rollenden Museum, das sich da in Bewegung setzt?

Motorcycle Cannonball – Selbst eine Knucklehead wäre zu modern

Die Baujahrbegrenzung für die teilnehmenden Motorräder wird jedes Mal neu festgelegt. 2016 zum Beispiel musste noch jedes Bike vor 1917 gebaut sein, 2018 durften Maschinen bis Baujahr 1928 mitfahren. Beim nächsten Mal geht’s bis 1933 und vermutlich können ab 2025 die ersten Knuckleheads mitfahren. Die Motorräder müssen weitestgehend im Originalzustand sein, nur ein paar kleine, periodenkorrekte Modifikationen sind erlaubt. Aber moderne Vergaser oder Getriebe sind ein No-Go, moderne Replikas erst recht. Obwohl der Cannonball kein Rennen ist, so ist es trotzdem ein Wettbewerb. Für gefahrene Meilen gibt es Punkte, die für verspätete Ankünfte oder verpasste Meilen aber auch wieder rigoros abgezogen werden.

Loring Hill und sein Henderson 4-Zylinder von 1916

Im Prinzip ist der Cannonball damit eine Rallye. Anmelden kann sich prinzipiell jeder, allerdings übersteigt die Zahl der Mutigen die der Startplätze regelmäßig. Eingefleischte Cannonballer haben ihren Stammplatz sicher, für alle anderen gilt das Prinzip »first come, first serve« oder ein Platz auf der Warteliste. Wer es also wagen will, sollte mit einer Anmeldung nicht warten. Am Ende standen beim letzten Cannonball 107 Starter in Portland/Maine, um ihr ganz persönliches Abenteuer zu erleben. Und das wurde es in der Tat. Unter den Startern aus den USA, England, Italien, Australien, Neuseeland und Kanada waren vier Frauen, so viele wie nie zuvor. Die Teilnehmer sind aber nicht durchgehend jenseits der fünfzig und haben viel Geld, wie manche angesichts der Regeln vermuten würden.

Motorcycle Cannonball – Ausfälle sind jedes Mal zu beklagen

So tummeln sich sowohl unter den Fahrern, als auch bei den Crews – die unbedingt auch als Teilnehmer zählen müssen – auch Mittdreißiger oder noch jüngere. Die Crews sind übrigens fast noch wichtiger als der Fahrer selbst. Denn sie sind es, die in den Nächten an Motoren und Getrieben arbeiten, sie teilweise komplett ausbauen, um sie nach der Revision vorm ersten Sonnenstrahl wieder einzusetzen. Was natürlich nicht verhindert, dass trotzdem jedes Mal Ausfälle zu beklagen sind, sei es aufgrund eines großen, kapitalen Motorschadens oder aufgrund Millionen kleiner Dinge. Trotzdem bleibt das Ziel aller: eine perfekte Punktzahl auf dem Weg vom Atlantik zum Pazifik. Und die gibt es nur, wenn man jeden Kilometer der Route ohne jegliche Strafe schafft.

Erstmals in der Geschichte des Motorcycle Cannonballs fuhren vier Frauen mit. Drei von ihnen schafften die komplette Strecke ohne jeglichen Punktverlust, hätten also einen Sieg ebenso verdient gehabt

Bekannt war zu Beginn des Cannonballs diesbezüglich nur wenig: Die Route würde 3674 Meilen, also knapp 6000 Kilometer, betragen, auch die Städte, in denen übernachtet werden würde, standen fest. Die exakte Route wird schließlich erst kurz vor Beginn an die Fahrer gegeben. Google Maps hilft beim Studieren derselben übrigens nicht viel weiter. Die »Fahrblätter«, die zur Orientierung dienen, können sehr kompliziert sein, da sie weder über eine Karte verfügen noch die Namen der zu durchfahrenden Städte aufzeigen oder Straßennamen nennen. Vielmehr liest sich eine Route auf diesen Blättern eher so: Fahren sie nach fünfundzwanzig Meilen links, dann biegen sie nach rechts ab und fahren an der nächsten Kreuzung wieder rechts. Bis zu sechzehn so beschriebene Blätter bekommt ein Fahrer für einen Tag.

Extreme Hitze, heftige Stürme und Schnee in den Rocky Mountains

Die Route diesmal, mit Start in Oregon, war die bisher nördlichste, die gefahren wurde und deutete damit schon im Vorfeld auf unwägbare Wetterbedingungen hin. Von extremer Hitze über heftige Stürme bis hin zu Schnee in den Rocky Mountains waren die Fahrer auf alles vorbereitet. Tatsächlich wurde es wettertechnisch heftig. Drohende tropische Stürme zogen im Südosten auf, als der Tross nach Maine fuhr. Und das Wetter in New England war so übel, dass die Fahrt schon am dritten Tag wegen der möglichen Überschwemmungen unterbrochen und die Fahrer per Begleitfahrzeugen in die nächste Stadt fahren mussten, was bedeutete, dass sie einige der spektakulärsten Landschaften verpassten.

Keine Nacht während der Rallye verläuft ruhig, denn nun schlagen die Stunden der Mechaniker – wenig Zeit, um die alten Bikes für neue Strapazen zu rüsten

Punktabzug gab es für den kurzzeitigen, kollektiven Abbruch aber nicht, die offizielle Route wurde lediglich auf 3441 Meilen reduziert. Und immerhin, einen Tag später sahen die Fahrer irgendwo in Ohio das erste Mal die Sonne. Der schönste Teil der Tour war für nicht wenige, unseren Fotografen eingeschlossen, die Route durch den Glacier-Nationalpark in Montana. Da war es dann auch fast egal, wer am Ende gewinnen würde. Von 107 Startern kamen 93 ins Ziel, das in Stevenson in Washington lag – angesichts ihrer alten Karren bemerkenswert. Noch verrückter aber ist, dass es tatsächlich am Ende fünfzig Fahrer, darunter drei Frauen, schafften, wirklich jede Meile zu fahren.

Zum ersten Mal schaffte es eine Harley ganz oben aufs Treppchen

In solch einem Fall entscheidet das Motorrad über den Sieg. Dann wird der Preis für das älteste Klasse-eins-Bike (Single-Single-Zylinder) vergeben. Wenn kein Fahrer der Klasse eins es schafft, geht es in die Klasse zwei (Bikes, die nicht in die Klasse I oder II passen, zum Beispiel ein Einzylinder mit Getriebe oder ein Mehrzylinder ohne Getriebe) oder schließlich in die Klasse drei (Mehrzylinder-Motorräder mit Getriebe). So weit musste Veranstalter Jason Sims aber gar nicht gehen. Er durfte die begehrte Jeff-Decker-Skulptur, die dem Gesamtsieger verliehen wird, an Dean Bordigioni aus Kalifornien überreichen. Er war auf einer Klasse-eins-Harley Baujahr 1914 angetreten und konnte den Cannonball bei seiner vierten Teilnahme schon zum zweiten Mal gewinnen. Ein Novum gab es dabei trotzdem: Zum ersten Mal schaffte es eine Harley ganz oben aufs Treppchen.

Das Motorrad entschied über den Sieg. Dean Bordigioni und seine 105 Jahre alte Einzylinder-Harley triumphierten

Der Rhythmus ist durch Corona etwas durcheinander geraten. So steigt der nächste Motorcycle Cannonball erst 2023, Anmeldeldungen werden seit Mitte März diesen Jahres entgegengenommen. Also, falls ihr noch ein Pre-1933-Ofen in der Garage stehen habt und richtig Meilen schrubben wollt, traut euch. Denn eines ist sicher, dieses »Rennen« ist eine der ursprünglichsten Erfahrungen, die es in Sachen Motorrad weltweit zu erleben gibt.

Info |  motorcyclecannonball.com

 

Lichter/Weber