Simson S 50 B – Alles auf eine Karte

Oliver ist Ostkrad-Fan mit Leib und Seele – mit seiner Simson S 50 hat er sich den Traum vom Cafe Racer erfüllt

Als die DDR im letzten Atemzug des Kommunismus unterging, war Oliver noch nicht geboren. Freilich, ein bisschen was von der Ostkultur hat der heute 29-Jährige dann doch in die Wiege gelegt bekommen. Die Vorlieben des Vaters, der schon immer Mopeds fuhr und schraubte und überhaupt dieses Gen, dass man aus wenig viel machen kann. Wenn es auch in diesem Fall zugegegebenermaßen etwas ausgeartet ist und Oliver auf die Frage nach der Relation nur den Kopf schütteln kann.

Typisch Simson sind Kugellampe, Büffeltank und Knieblech, alles andere wurde überarbeitet oder neu gestaltet

Denn wieviel Arbeit, Zeit und Geld er und seine Familie – Vater und Bruder waren vorn mit dabei – in die Simson S 50 gesteckt haben, könnte andere nachhaltig verunsichern, von der Frage des Sinns mal ganz abgesehen. »Ich wollte halt einen Cafe Racer bauen«, zuckt der emsige Schrauber dann fast entschuldigend die Schultern, »und das wurde irgendwie dann alles mehr als gedacht.«

Simson S 50: DIE DEZENTE ESKALATION

Ein dezenter Cafe Racer sollte es eigentlich werden. Und Oliver, der den großen Motorradführerschein noch nicht hat, entschied sich für die kleine Ostmopete als Basis. Die markante Kugellampe und der Büffeltank der S 50 sind nämlich schon mal Details, die den gewünschten, späteren Stil verkörpern. Dezent also war das Ziel, bisschen dick auftragen mit Felgen und Reifen, ein schlankes, kurzes Heck, Stummellenker sowieso.

Der Motor ist getunt und könnte schneller, wenn er dürfte. Und bitte einmal den Bremshebel anschauen, natürlich alles selbst gebaut

Nach einem Jahr waren diese Vorgaben soweit erledigt, dann starb Dino. Dino war eine zugelaufene Katze, neun Jahre begleitete sie Oliver überall hin, vor allem in die Werkstatt – und als sie nicht mehr da war, fehlte was. »Ich bin halt ein emotionaler Typ«, erklärt Oliver, der prompt beschloss, das Projekt »Dino« aus der Taufe zu heben. So krass umgebaut, wie mit den Mitteln eines Hobbyschraubers möglich. »Und so gut, dass mich die Leute drauf ansprechen und ich die Geschichte von der Werkstattkatze erzählen kann.«

Von Grund auf Neu

Und so wurde die Simson von Grund auf neue aufgebaut, kein Bauteil blieb un­berührt. Ehre erweist Oliver der kleinen Alten trotzdem, charakteristische Teile wie Tank, Seitendeckel, Lampe oder Knieblech bleiben erhalten, werden lediglich aufgearbeitet und erstrahlen in neuem Glanz.

Wunderschön thront die Gabelbrücke über den Dingen. Sie wurde von Olivers Bruder hergestellt und zeichnet sich durch die Fertigungstiefe eines Meisters aus. Der Mini­tacho wurde sauber eingepasst

Alles fügt sich in das umgebaute und verstärkte Originalfahrwerk ein. Auf die Rahmengeometrie legte Oliver besonderen Wert, »spannung- und verzugsfrei muss die sein.« Und so waren denn auch die Arbeiten am Rahmen die einzigen, die nicht in der heimischen Garage ausgeführt wurden. »Da gibt’s keine Kompromisse, das hat ein Profi-Schweißbetrieb übernommen.«

Simson S 50 – ALLES, NUR NICHT EINFACH

Probleme beim Umbau gab es quasi bei jedem Arbeitsschritt, ein einfachen Plug and Play gibt es hier eben nicht. Allein die breiteren Felgen in die Gesamtlinie einzupassen, war eine Herausforderung. Dazu wurden sie auf Scheibenbremsnabe umgebaut, denn die alten Trommeln sollten es hier nicht tun. Überhaupt erwies sich die Bremsanlage als größte Herausforderung, denn wer baut schon eine Vierkolbenanlage an eine Mopedgabel?

Wie bei großen Vorbildern sind Blinker und Beleuchtung kaum zu sehen und fügen sich harmonisch ins Gesamtbild ein

Das ganze dann bitte noch in klasse Optik, perfekter Passform und schön legal, »es gab schon hier und da mal Momente, wo ich hinschmeißen wollte«, gibt Oliver zu. Übrigens, wer jede Menge CNC-Arbeiten an der Simson entdeckt, liegt völlig richtig. So ist die Gabelbrücke komplett modern CNC gefräst, auch Gabelversteifung, Schalthebel, Spiegel, Tankdeckel und mehr entstanden in dem modernen Verfahren.

Ein Umbau als Familienprojekt

»Mein Bruder ist CNC- und Zerspanungsmechaniker«, klärt Oliver übers Familienprojekt auf. Auch der Papa mischte kräftig mit, er ist absolut fit in Sachen Elektrik. Oliver selbst ist Lackiermeister, die blaue Farbe für ihn das geringste Problem.

Die Gummi-Buchstaben wurden tatsächlich aus Reifen-Rohmaterial geschnitzt und aufgeklebt, mehr Custom Blood geht kaum

Oli fährt seine Simson übrigens oft und gern, »denn nur dafür wurde sie gebaut.«, Showbikes kann er nichts abgewinnen. Das nächste Projekt ist schon in Planung. Wieder auf Simson-Basis, »und nochmal ein Stück krasser.« Wobei wir uns fragen, ob das überhaupt möglich ist. Denn schon der Cafe Racer überzeugt mit Fertigungstiefe, Hirnschmalz und Geschmack – eine der besten Simsons, die hierzulande rumgondeln.

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Simson S 50 ohne Showallüren

Ambitionen auf mehr? »Klar«, sagt ­Oli, »ich würde schon gern auch mal ein Motorrad umbauen, aber dazu muss ich erstmal den großen Führerschein machen, weil, bauen ohne fahren ist ja Quatsch.« Aber der Führerschein kostet heutzutage viel Geld, und das steckt er lieber ins neue Projekt. Denn obwohl schon viele Ange­bote für den Cafe Racer abgegeben wurden, »auch echt richtig hohe«, wie er anmerkt, bleibt Dino unverkäuflich. »Ich sag doch, ich bin ein emotionaler Typ.«

Klare Sache, das hier ist kein Showbike, »denn was bringt es, die monate- oder jahrelange Arbeit am Ende nicht fahren zu dürfen?«, fragt sich Oliver
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Fotos: Benjamin Grna
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