Wer seit fünfzig Jahren an Motorrädern schraubt, hat was zu erzählen. Wir besuchen Tischlermeister Jürgen Liersam in seiner Garage
Angefangen hat alles 1973«, erinnert sich Jürgen in seiner Garage. Ein Nachbar schenkte ihm eine Rixe 3-Gang. Sie hatte den Senior ein Leben lang treu zur Arbeit und sonstwohin gebracht und jetzt, da er in Rente ging, wurde sie nicht mehr gebraucht.

Der Lack war matt und es gab ein paar Rostlöcher im Stahlpressrahmen, aber was stört das einen heranwachsenden Halbstarken, Hauptsache sie läuft und macht Krach. Das fühlte sich nach großer Freiheit an, und so brannten sich der blaue Qualm des Sachs-Zweitakters und der Geruch von verbranntem Öl und Benzin auf die Seele wie ein lebenslanges Tattoo.
TRIAL, DIE INITITALZÜNDUNG
Viele motorisierte Zweiräder fanden seit dem den Weg in die elterliche Garage und es musste immerzu daran rumgeschraubt werden, von der Stange ging gar nicht. »Zugegeben, nicht alle Schraubereien entpuppten sich als Verbesserungen«, bemerkt Jürgen mit einem Augenzwinkern. Mit heißen Eisen wurden damals die Grenzen des Machbaren ausgelotet, manchmal auch darüber hinaus, aber alles ist gut gegangen.

Mit Freunden gründete er einen eigenen Motorradverein und es wurden jährliche Treffen veranstaltet, wilde Zeiten. Und dann kam, was kommen musste – mein Haus, mein Auto, meine Familie. Da war auf einmal Schluss mit lustig, mal abgesehen von einer SR 500, die sich eine Zeit lang in die Garage schlich.
Mit Mitte 40 war klar, dass der Easy Rider aber eben doch nicht so ganz ins Spießerleben passte, der Virus brach erneut aus, einmal Benzin im Blut, immer Benzin im Blut.
Sportmaschinen in der Garage
Beim Trial, der hohen Kunst des Motorradsports, eröffnete sich das zweite Zweiradleben. Trial, übersetzt »Versuch«, bedeutet, mit dem Motorrad Wege durch und über Hindernisse zu finden und Pfade zu befahren, die eigentlich nicht dafür gedacht sind.

Laut der Legende fand der Sport seinen Ursprung bei einem schottischen Postboten, der im unwegsamen Hochland mit seinem Dienstmoped die abgelegensten Cottages erreichen konnte. Da verwundert es nicht, das die ersten Trial-Maschinen umgebaute Serienmotorräder aus britischer Fertigung waren mit so bedeutenden Namen wie Norton, BSA, Matchless und Triumph. Aber zurück in Jürgens Garage.
VON DER TISCHLERWERKSTATT IN DIE SCHRAUBERHALLE
Anfänglich wurde in einer Ecke der Tischlerei geschraubt, das stellte sich aber schnell als kontraproduktiv heraus. Sägestaub und Motoröl sind keine gute Kombination. Ein glücklicher Zufall bescherte eine Hallengemeinschaft mit anderen Benzinverstrahlten. Dort konnte sich Jürgen eine gemütliche Nische abtrennen, im Holzbau entstand so seine Traum-Schrauberecke mit Werkbank, Schraubstock und, ganz wichtig, mit genügend Licht.

Nach und nach füllten sich die Regale und Wänden mit den nötigen Accessoires, sogar eine Poliermaschine fand den Weg in eine Ecke, und so wurde die Bastelbude zum zweiten Wohnzimmer. Manches Mal, wenn es dem Handwerksmeister zu dicke kommt, fahre er einfach hierher, nur um runterzukommen, den Kopf frei zu kriegen, abzuschalten. »Custombiking ist wie Seelenbalsam und der Geruch nach Benzin und Leder einfach die dazugehörige Medizin«, so Jürgens Überzeugung.
Garage als Hobby
Und weil sein Herz mittlerweile im Viertakt schlägt, steht für ihn fest, eine Montesa muss er haben. Honda hatte die spanische Trial-Schmiede gerade übernommen und das 2005 gelaunchte Modell »4Ride« war der Traum aller Trial-Fahrer. Und so wurde alles, was das Hobby-Budget hergab, zusammengekratzt, um an das Gerät der Begierde zu gelangen.

Schon damals reifte der Plan, neben dem sportlichen Aspekt auch eine alltagstaugliche Version mit grösserer Reichweite und sinnvoller Sitzbank zu schaffen, lange bevor Honda selbst auf die Idee kam. Dass es dann doch noch 15 Jahre dauern sollte, bis das Vorhaben umgesetzt werden konnte, ist der beruflichen Selbstständigkeit geschuldet, Brötchen verdienen geht halt vor Hobby. Das Ergebnis der langen Reifezeit zeigen wir euch direkt im Anschluss.
BIKE UM BIKE
Anfangs gab es in der Garage nur den SportTrialer und einen alten Vespa Roller, ein Tauschobjekt gegen Handwerksleistung. Für einen genüsslichen Feierabendausritt war nichts wirklich vorhanden. Ein Freund aus alten Tagen stellte eine Honda GB Clubman als Dauerleihgabe zur Verfügung. Ein optischer Leckerbissen, die Klappmesserhaltung und stramme Abstimmung waren aber auf Dauer nichts für den Rücken des alten Herren. Außerdem ist geliehen nicht wie besitzen, man behandelt das Gut wie ein rohes Ei, Schlechwetterfahrten ausgeschlossen.

Klar, es musste etwas eigenes her. Der kernige Einzylinder, der mit seiner geteilten Doppelauspuffanlage wie ein Twin daher kommt, wäre da schon eine gute Grundlage, das Schwestermodell, die XBR, gebraucht auch im erschwinglichen finanziellen Rahmen und so fand sich schnell eine brauchbare Grundlage, nur sollte aus dem Cafe Racer ein Scrambler werden. Soweit der Plan, nur mit der Umsetzung haperte es und so war wieder nichts eigenes am Start.
Domina im British-Look
Kurzerhand fand sich eine Honda Dominator ein. Die hatte bei sieben eingetragenen Vorbesitzern schon so manches erleben dürfen, doch das Vorhandene ergab eine ehrliche Substanz. Die sollte kurzerhand zur Alltags-Ratte werden, aber wie so üblich, ungeschraubt geht nicht und Ratte schon garnicht. Also wurde doch wieder gebaut, die gesamte Verkleidung kam runter, ein formschöner Tank einer Honda CB 350 Four angepasst, Sitzbank umgepolstert, geile hochgelegte Auspuffanlage und kurze Fender, fertig war die Domina im British Look.

Nur zum Fahren kam der Erbauer dann doch nicht wie erhofft, so wechselte die Diva kurzerhand wieder den Besitzer. »Design und Gestaltung von Umbauten macht mehr Freude als das Fahren«, stellt Jürgen nüchtern fest und so konnte die Kreativität an den weiteren Projekten ausgelebt werden. Und Motorrad-Customizing ist ja mittlerweile auch zur anerkannten Kunstform gewachsen.
Das innere Kind und seine Garage
»Es ist wirklich wunderbar«, weiß auch Jürgen, »man braucht so wenig, zwei Räder, Rahmen, Gabel, Tank und natürlich Motor, der Rest ist Fantasie.«
Zum Schluß zitiert er noch den alten Barden Peter Maffay, der da singt: »Irgendwo tief in mir, bin ich ein Kind geblieben« – und solange das Kind nach 65 Jahren immer noch wach bleibt, wird auch weitergeschraubt!





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