Benno Dellingers Garage ist gleichzeitig Schrauberhöhle, Partyraum und Museum – und erzählt die Geschichte eines bewegten Motorradlebens
Drößling, Gemeinde Seeberg, Landkreis Starnberg in Bayern. Rechts von dem hölzernen Scheunentor eine offene Tür, aus der lautstark Rock ’n’ Roll dröhnt … Die Erinnerung kommt: Ja, hier waren wir schon mal! Ewig ist das her.
Schon früh verrückte Umbauten
Zwischen 1984 und 1990 entstanden verrückte Harley-Umbauten unter Bennos Fuchtel in dem Gebäude. Dazu ein reger An- und Verkauf mit aus den Staaten eingeführten Motorrädern, Überwinterung und Wartung … alles lief parallel zur regulären Arbeit als Nebengewerbe. Heute ist Benno Ausbilder für Maschinenbau und C&C-Technik, aber immer noch ein bunter Hund, im Fünfseenland bei München.

Wir folgen der Musik, treten durch die Tür, finden uns im ehemals zum Verkaufsraum umgebauten Ross- und Kuhstall wieder: Großflächig, mit Billardtisch – Mopeds, Motoren und Wandgemälde als Deko; so präsentieren sich die Stallungen heute. Benno taucht hinter der Bar auf, unsere Begrüßung ist herzlich.
Garage mit Bar
Den Verkaufstresen hatte er schon damals schnell zur Bar umfunktioniert. Sie wurde nie stillgelegt, hat wilde Feste hinter sich. Die Werkstatt auf dem elterlichen Hof galt als Anlaufstelle für Fahrer von kultigen US-Maschinen und wildester Chopper.


Benno und seine Freunde sahen sich als Teil einer kleinen, aber gut vernetzten Customizer-Gruppe. Und hier, vom »Alten Hof« aus, starteten sie zu Motorradtreffen.
NEUE ALTE LEIDENSCHAFT
In den 1990ern schnappt der Schalter um: Seine Geschäfte mit den Mopeds – alle abgehakt! Freunde, auch vom örtlichen Motorradstammtisch, helfen Benno ganze vier Jahre lang, den alten Hof seiner Eltern zu restaurieren: Stilgerecht, nur der Stall bleibt im Outfit einer Musik-Kneipe.

Gut 500 Kilometer zwischen uns sowie Bennos Abwesenheit auf Treffen lassen unseren Kontakt abreißen. Dann taucht er 2014 mit einer Rollenbank samt Steilwand-Kawasaki beim Custom & Classic Fest in Huttenheim auf. Ihn noch einmal in Drößling zu besuchen ist damit versprochen.
Rundgang durch die Garage
Beim Garagenrundgang führt er uns zielstrebig auf den ehemaligen Heuboden. Unten vor der Holztreppe fällt die alte Kassenfassade einer Motorrad-Steilwand auf. Wir wissen von Bennos Leidenschaft, dem Steilwandfahren. Im Winter 2010 wird ihm diese Richtung gezeigt.

Einer seiner Motorradfreunde will, dass er die alte Blechuhr von Pitt’s Todeswand nachbaut. Die war auf dem letzten Oktoberfest gestohlen worden. Bilder als Vorlage reichen Benno. Auch bei der Restaurierung des alten, originalen Steilwand-Go-Karts – ursprünglich von den Gebrüdern Ihle in Bruchsal für die Steilwand gebaut –, nimmt er die Maße und baut sich gleich selbst noch eine Kopie, seine Variante jedoch von einem 440er-Kawasaki-Motor befeuert. Benno liebt diese Viertakt-Twins.
Als Knirps infiziert
Seine Steilwand-Liebelei geht weit zurück, »als achtjähriger Knirps 1968 auf der Münchner Wiesn erstarrte ich vor Ehrfurcht für die Fahrer, die im Steilwandkessel bis an den obersten Rand fuhren und sich in der senkrechten Holzwand Verfolgungsrennen lieferten«.

Als Benno zum erstmals im Innern des Kessels der Steilwand steht, flammt das Feuer erneut auf. Überwältigt vom Anblick der sechs Meter hohen Wand und den alten Indian-Motorrädern, geht die von ihm angefertigte Uhr als Geschenk an den Fahrer, Besitzer und Betreiber der Wand: Jagath Perera.

Instandsetzungsarbeiten für die Steilwand folgen, und beim Aufbau der Wand 2011 auf der Wiesn findet Bennos erste Probefahrt statt. Sie beschränkt sich noch auf das Befahren der sogenannten Startbahn, sprich: dem schrägen Bretterteil im unteren Bereich der Wand. »Schwindlig war’s mir danach«, erzählt er uns.
Üben für die großen Auftritte
In der Saison 2012 fährt Benno zum ersten Mal in den senkrechten Teil der Wand, bis zu 4G Fliehkraft wirken dort auf die Fahrer ein. Massive Belastungen für den nun 52-jährigen, der mit Yogaübungen und Tabletten gegen die auftretenden Schwindelgefühle ankämpft, die ihn beim Kreisfahren plagen. In zwei Anfangsjahren stürzt er sechsmal, kommt zum Glück mit Prellungen und Schürfwunden davon. Zeitgleich gilt es, das freihändige Paradefahren zu üben. Dafür war daheim die Rollenbahn fürs Motorrad entstanden.

Bennos »Heimtrainer« besteht aus einem flachen Stahlgerüst mit drei durch Motorradketten verbundenen Eisenrollen. 2013 und immer noch ohne Publikum, schafft er bereits 20 Runden in der Wand. Im Winter kaufen die Drößlinger Motorradfreunde und Steilwandfans eine Betonschalung aus Stahl, die sie zu einer Steilwand von vier Metern Höhe und zwölf Metern Durchmesser zusammenbauen.
Die Garage erzählt Stories aus der Wand
Die aufgestellte Wand wird noch mit einer Auffahrt, der 45 Grad Startrunde, aus Brettern eines Abbruchsilos versehen. Bennos erste Probefahrt darin endete mit einem Sturz, »…wegen Öl-Resten an der stählernen Wand.« Die Truppe experimentiert mit verschiedenen Oberflächenanstrichen und unterschiedlichen Reibungswiderständen für den nötigen Grip. Sechs »Mutige« versuchen sich in der Wand – am Ende bleibt nur einer: Benno Dellinger.

Die Mannschaft der Todeswand hat damit festen Zuwachs bekommen. Der Handwerksmeister zeigt sich als verlässlicher Fahrer. Ab 2016 ist exakte Urlaubsplanung ganz wichtig: Benno ist nun – nebenberuflich – mit einer kleineren Reisewand unterwegs. Zudem während der Wiesn in der großen Wand.
DER HARTE SCHNITT
2018 bringt Benno die seinerzeit stärksten E-Bikes in der Wand. Was auf der Straße mit 120 Nm und 77 km/h Endgeschwindigkeit auftrumpft, modifiziert er in seiner Garage so, dass es wandtauglich ist: Kürzere Pedale, hoher Reifenluftdruck von über vier Bar und aufgeraute Reifen. 2019 fährt er mit dem von ihm restaurierten historischen Go-Kart die Einführungsrunde auf der Wiesn.

Und Benno baut in seiner Garage für seine Kawa-Twin-Motoren neue Rahmen und Gabeln, in Aussehen und Dimensionen den Steilwand-Indians gleich. Dann kommt Corona. Keiner fährt mehr.

Benno muss registrieren, dass in diesem Geschäftsplan kein Platz mehr für ihn ist. Es bleibt die Ehre, in der legendärsten Steilwand der Welt gefahren zu sein!
NIMMERMÜDE AUF ZWEI RÄDERN
Trotzdem führt er uns auf dem Scheunenboden Steilwandartistik vor: Auf der Rollenbank, übers ganze Gesicht grinsend, obwohl auch eine leichte Melancholie dabei zu spüren ist. Seine Werkstatt offenbart währenddessen ein neues Spiel: Dragstrip heißt es.

Eines seiner drei Fahrwerke, die für die Steilwand gebaut und gedacht waren, hat nun einen potenten Ironhead-Sportster-Motor bekommen. Ein ums andere Gerät zieht er aus der Garage heraus, demonstriert auf der Zufahrt zum Bauernhofgaragenmuseum die jeweilige Leistung!
Dragster auf Treffen
Dann helfen wir verladen … für den Dragsterlauf auf dem »unseriös«-Treffen in Bad Aibling. Unser letztes Telefongespräch endet mit: »… ein Ironhead-Chopper muss jetzt her, wir sehen uns.«




















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