Toshi Ogawa ist kein Customizer. Aber er kümmert sich in seiner Werkstatt im Westen von London mit Liebe und Hingabe um alte Harley-Motoren
Das große Talent von Toshi Ogawa wird nur durch seine Zurückhaltung und eine sehr starke Abneigung gegen Selbstdarstellung übertroffen. Eine Krux, wenn man wie wir Motorradgeschichten in die Welt tragen will. Aber in diesem Fall schien die Chance auf einen Besuch, gar ein Interview mit dem Meister der vintage Harley-Motoren in weiter Ferne. Wenn wir nicht auch andere Gleichgesinnte kennen würden.

Mit Mac und Sandra Fröhlich, den Motorenenthusiasten aus der Schweiz, verbindet uns eine lange Freundschaft. Auf einem gemeinsamen Roadtrip fiel – mal wieder – Toshis Name, die Schweizer sind natürlich mit dem gebürtigen Japaner befreundet. Tatsächlich ist die professionelle Alteisen-Branche ein enger Verbund von Menschen, die sich oft gegenseitig unterstützen und wertschätzen. Natürlich besteht im Prinzip auch Konkurrenz, aber wenn ein bestimmtes Niveau erreicht ist, scheint die unwichtig zu werden und es bleibt nur noch gegenseitiger Respekt.
Mit der Empfehlung der McSands im Rücken gelingt uns endlich der Eintritt in Toshis kleines Reich, seine Werkstatt.
Harley-Motoren vieler Baujahre
Schon nach dem ersten Rundgang wissen wir, hier arbeitet ein Pedant, einer, der nur Flat, Knuckle, Pan und Shovel im Kopf hat. Immer mit dem Ziel, die alten Triebwerke zu erhalten und zu restaurieren. Da ist die Erneuerung der Oberfläche von Kurbelgehäusen, das Ausbohren von Zylindern oder das Einsetzen von Lagern und Ventilen im Tausendstel-Bereich. Das alles ist ein langsamer und sorgfältiger Prozess, der große Präzision, Geduld und Hingabe erfordert, dazu viel Erfahrung.

Geduld ist übrigens ein gutes Stichwort. Wer einen Ogawa-Motor möchte, muss sie nämlich mitbringen. Alles funktioniert nur über Empfehlungen und Mund-zu-Mund-Propaganda. Ist die erfolgt, können sich Interessierte auf eine Warteliste setzen lassen.
Eine lange Warteliste
Bis der jeweilige Motor dann gemacht wird, kann nochmal viel Zeit vergehen, die Warteliste ist lang. Bemerkenswert, denn Toshi macht keinerlei Werbung für sein Tun, gibt normalerweise keine Interviews und steht für Fotos nicht zur Verfügung, er hat keine Website, kein Facebook. Immerhin, es gibt mittlerweile einen Instagram-Account, darauf alle paar Monate mal ein Foto.

Wir fragen Toshi, wie er es angeht, wie man die Motoren überhaupt besser macht. »Das ist die falsche Frage, denn ums Bessermachen geht es gar nicht«, erklärt Toshi. »Grundsätzlich ist an den Motoren nichts auszusetzen. Sie sind zwar alt, aber es sind nach wie vor gute Konstruktionen, die funktionieren.

Aber klar, wenn sie zu mir kommen, sind sie oft in einem erbärmlichen Zustand.
Sie lecken Öl, haben Materialschäden aufgrund des Alters, waren zu oft überhitzt oder Leute ohne Kenntnis haben an ihnen schon rumgebastelt, die Probleme sind da vielfältig. Im Prinzip ist es dann mein Job, die Motoren ordnungsgemäß wieder herzustellen. So können sie definitiv ein Motorradleben lang halten, auch wenn sie viel gefahren werden.«
Harley-Motoren – Eine gewachsene Liebe
Die Liebe zu den Harleys ist übrigens bei Toshi keine, die ihm ein V2-fahrender Vater oder Großvater in die Wiege legte. In seiner Heimat Japan fuhr er als junger Mann das, was dort alle fuhren und was am effizientesten war, »irgendein schnelles japanisches Bike, Honda, Yamaha, ich weiß es gar nicht mehr richtig.« Wenn andere sich genau an ihr erstes Bike erinnern können, kann Toshi sich nur an seine erste Begegnung mit Harley erinnern. An einer Tankstelle zapfte er gerade Benzin, als eine Harley neben ihm vorfuhr.

»Das Geräusch des Motors ging mir mitten ins Herz. Da wusste ich, was ich wollte.« Er sparte sein Geld von da an eisern, bis es 1995 zum Kauf einer 1969er Generator Shovelhead reichte. Bald darauf begann er, in einer Harley-Werkstatt zu arbeiten.
Hinter dem Tor ein Paradies
Als er 1998 nach London auswanderte, kam die erste Shovel mit, sie steht heute in seinem Laden. Zehn Jahre arbeitete Toshi auch in England in einem Harley-Shop, bevor er neben dem Hauptjob 2007 seinen ersten kleinen Laden eröffnete. Seit 2014 ist er an seinem jetzigen Standort in Queens Park, unscheinbar hinter einem Metalltor verborgen liegt sein Paradies.

In Toshis Werkstatt ist nichts automatisiert, es gibt keine 3D-Drucker oder CNC-Maschinen, nicht mal einen Computer, alles findet analog statt.
»Genau wie an den Motoren«, sagt Toshi über das Spiel mit dem Choke, die Betätigung von Fußkupplung und Handschaltung, das Drehen des Gasgriffs, den Vorschub … alles mechanische Prozesse.«
DAS GEDRUCKTE WORT
Neben der zu den Motoren trägt der Japaner noch eine weitere Liebe in sich, die wir auch in seiner Werkstatt spüren. »Bücher sind Schätze«, sagt er und blickt über die Regale. Dicke Wälzer und schmale Bände stehen hier, viele wurden ihm von Kunden oder Freunden geschenkt.

Klingt fast alles zu kitschig, wenn wir so über den lesenden Mechaniker nachdenken. Aber nichts an diesem Bericht ist unwahr und Toshi ist tatsächlich der ruhige, bescheidene und zurückhaltende Mensch, von dem wir schon so viel gehört hatten. Wohltuend in all dem quirligen Wahnsinn, der uns umgibt.
Info | Instagram: bellfortyfive




















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