Royal Enfield – Lang lebe die Bullet

Die Royal Enfield Bullet ist das am längsten durchgehend produzierte Motorrad der Welt – Ein Blick hinter die Kulissen

Trotz einiger geringfügiger Zugeständnisse, die der Moderne geschuldet sind, bleibt das »Flaggschiff« aus dem Hause Royal Enfield quasi seit fast 95 Jahren beinahe unverändert. Angesichts der über 20 Millionen Zweiräder, die jedes Jahr in Indien produziert werden, worunter sich in erster Linie 100-ccm-Nutzfahrzeuge befinden erscheint der Beitrag von Royal Enfield eher winzig. Das legendäre Bullet-Bike verteidigt seine Position dank eines Images als »Königin der Straße«, das es sich über Jahre hinweg erworben hat.

Royal Enfield – Die indische Legende

Als Ausstatter der indischen Armee und Polizei wird die Bullet als Motorrad der Elite betrachtet. Jeder kann für umgerechnet etwa 2000 Euro (etwa dreimal mehr als für den Kauf einer 100-ccm-Maschine), solch ein Motorrad erwerben, das für Macht und soziale Anerkennung steht. Ein wahrer Glücksfall im Land des Kastensystems.

Alle sechs Minuten verlässt ein Motorrad das Montageband: Die »Hochzeit« zwischen Motor und Rahmen ist hier bereits vollbracht

»Eine Bullet ist ein Exklusivprodukt, das man selbst unterhalten wie auch reparieren muss, was aber eine Freude ist, wenn man ein leidenschaftlicher Freak ist«, unterstreicht Prashi, der Präsident des Rolling Thunder Motorcycle Clubs aus Bangalore.

Produktion der Legende

Krishore Kumar hat das Emblem der Royal Enfield verinnerlicht. Wie bereits sein Vater zeichnet der junge Maler per Hand jede einzelne der goldenen Linien des Emblems, das den Tank jeder der 30.000 pro Jahr von Royal Enfield gefertigten Maschinen ziert. Kreiert Anfang des letzten Jahrhunderts, musste die Produktion der britischen Marke Ende der 60er-Jahre eingestellt werden.

Ein Enfield-Mitarbeiter im hellen Hemd holt die Radnaben aus dem Ofen für die Oberflächenbeschichtung und hängt sie in einen Ständer

Aber ihr indischer Partner, der die Bullet bereits seit 1955 für den indischen Binnenmarkt hergestellt hatte, erwarb die Rechte für das Volumenmodell. Es handelte sich dabei um ein einfach ausgestattetes einzylindrisches Motorrad, das es nur in zwei Ausführungen gab. Eine 350-ccm-Maschine für den internen Markt und eine 500er, welche hauptsächlich für den Export bestimmt war.

Arbeiten für Royal Enfield

Auf der Einfahrbahn in der Fabrik gibt es ein zehn Meter langes Oval, das jedes vom Band kommende Motorrad dreimal durchlaufen muss. Die Angestellten aus der Fabrik von Chennai wissen, dass sie für eine lebende Legende arbeiten. Trotzdem muss das Festhalten an Authentizität in keinem Falle ein Synonym für Anachronismus sein.

Zitterpartie: Kaum zu glauben, aber die Zierlinien tragen Pinstripe-Spezialisten von Hand auf

Obwohl die Fabrik von Royal Enfield etwas exotisch anmutet, ist sie mit modernen Werkzeugmaschinen und einem modernen Qualitätskontrollsystem ausgestattet. Da die Fabrik nach westlichen Standards modernisiert wurde, hat sie überhaupt nichts zu tun mit den Firmen mancher kleiner asiatischer Hersteller. Übrigens weist Royal Enfield am Haupteingang direkt auf zahlreiche Qualitätszertifikate hin (ISO 9001 und 14001).

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CB 3/26

Bauen unter dem Blick des Gottes

Unter den wohlwollenden Blicken des Gottes Ganesh belegt die Fabrik 2,6 Hektar und garantiert im Wesentlichen die Motorenherstellung und -fertigung. Die Motorteile werden im Ausland gegossen, bevor sie an Ort und Stelle bearbeitet beziehungsweise montiert werden. Örtliche Zulieferer stellen die Elemente des Rahmens sowie der Anbauteile her, die ebenfalls vor Ort eingebaut werden.

Die Mehrzahl aller indischer Bullets sind 350er, aber er gibt auch einige 500er. Sie unterscheiden sich von den Exportmodellen durch einen 6-stelligen Code, der an der Lenksäule angebracht ist. Europäische Modelle weisen einen 17-stelligen Code auf

Der Senior Manager der Fabrik versichert, »Kolben und Zylinder kommen bis heute aus Indien.« Um neue Bullet-Generationen nicht zu beeinträchtigen, hat Royal Enfield innerhalb der letzten zwanzig Jahre äußerst behutsam moderne Technologie in die neuen Modelle eingebracht.

A Division of Eicher

Unter dem Einfluss seines Aktionärs, dem indischen Konglomerat Eicher, welches auf den Transportsektor spezialisiert ist, wurde die Marke vielen Neuerungen unterzogen. Eine der wichtigsten war vor Jahren der Einbau der elektronischen Zündung, die von der 2001er-Electra-Version stammte. Drei Jahre zuvor wurde das Motordesign mit der Hilfe eines europäischen Ingenieurteams komplett überarbeitet.

Drei bis vier Lastwagen mit einer Ladung von 20 Bullet-Maschinen verlassen tagtäglich das Werk. 40 Prozent aller Verkäufe werden im Bundesstaat Penjab Pradesh umgesetzt, welcher im äußersten Norden 6000 Kilometer entfernt von der Fabrik liegt

Als signifikanteste Veränderung ist das Auftauchen eines Fünfganggetriebes zu verzeichnen, wie auch eine neue Federung und die Vergrößerung des Hubraums bei der 500er (er beträgt jetzt 535 ccm). Lange war die Bullet Gegenstand zahlreicher Verbesserungen, wovon einige unsichtbar blieben und weniger bedeutend waren. So wurde z. B. der Ölkreislauf komplett nach innen in den Motor verlegt.

Aus Treue zum Original

Es wurde sehr behutsam vorgegangen, damit diese Entwicklungen dem ästhetischen Gesamterscheinungsbild der Bullet nicht schaden, sondern zum Mythos der Unsterblichkeit beitragen. Zum Beispiel wurde das kleine, v-förmige Gehäuse bei dem neuen Motor beibehalten, obwohl es jetzt gar keine Funktion mehr hat.

Über 20 Millionen Zweiräder werden in Indien pro Jahr gebaut, ein Wahnsinn!

Die Verbesserung der Zuverlässigkeit der Maschine war auch ein Resultat eines wirtschaftlichen Zuwachses. Seit Jahren verzeichnet Royal Enfield eine Steigerung seiner Verkäufe, auch im Rest der Welt. Das spornt den Ehrgeiz zusätzlich an. Und mündet auch immer wieder in den Bau neuer Produktionsstätten, in denen ebenso der Legende verpflichtet gearbeitet wird, wie in Chennai.

Info | Royal Enfield

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Fotos: Thierry Butzbach
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