Von Peking aus lässt sich problemlos eine Zweitages-Ausfahrt in die innere Mongolei unternehmen – am besten auf einem alten Chang Jiang-Gespann.
Ein Visum benötigen wir für einen Grenzübertritt nicht. Die »Innere Mongolei« ist Hoheitsgebiet von China, und so starten wir um neun Uhr morgens mit 15 Bikes zu einer Ausfahrt von Peking Richtung Zhangjiakou. Alle Teilnehmer sind auf chinesischen Chang Jiang unterwegs, Nachbauten der BMW R71, die bis heute von der chinesischen Armee genutzt werden.
Der China-MacGyver
An der Spitze der Kolonne gibt mein chinesischer Kumpel Jackie das Tempo vor, sein Beiwagen ist für den Notfall mit jeder Menge Ersatzteilen beladen. Der zweite Chinese im Konvoi ist der Mechaniker »Magic« – seinen Namen trägt er, weil er wie MacGyver aus einem Kugelschreiber und einem Kaugummi eine Mondrakete basteln kann. Die anderen Teilnehmer sind fast ausnahmslos sogenannte »Expats«, Europäer oder Amerikaner, die in Peking arbeiten.

Die ersten 50 Kilometer müssen wir auf der Autobahn ständig bergauf fahren. Es ist über 35 Grad heiß und besonders die alten Maschinen leiden unter der Hitze. Wir müssen öfters einen »technischen Halt« einlegen.
Nie über 60 km/h
Magic kontrolliert bei jedem Stopp die Maschinen und stellt, wo nötig, etwas nach. Um die Gruppe zusammenzuhalten, verständigen wir uns mit der Spitze per Mobile-Phone oder Funk. Auf den Landstraßen geht das Tempo nie über 60 km/h.

Denn erstens sind die Straßen zum Teil in schlechtem Zustand, und zweitens ist so sichergestellt, dass auch die unerfahrenen Teilnehmer mithalten können. Mittags essen wir in einem der zahlreichen Restaurants an der Strecke. Die meisten Restaurantbesitzer freuen sich, wenn 30 hungrige Motorradfahrer aufkreuzen, und das Essen kommt schnell auf den Tisch.
Kein Hund auf dem Teller
Chinesische Hausmannskost ist entgegen der allgemeinen Meinung sehr schmackhaft und besteht ausdrücklich nicht nur aus Reis und Hund! Trotzdem hält sich das Klischee hartnäckig, und jeder Besucher versichert sich beim Besuch im Restaurant, dass ja nicht Fiffi, sondern wirklich Schweine- oder Rindfleisch auf den Teller kommt.

Auf der Strecke gibt es immer etwas Neues zu sehen: Ob es der Haushaltswaren-Verkäufer direkt an der Straße ist oder die Chinesische Mauer in Badaling, an der wir auf dem Weg in die Mongolei vorbeifahren. Bei jedem Tankstopp läuft sofort das halbe Dorf zusammen. So viele Ausländer auf einem Haufen bekommen die Einheimischen im Hinterland selten zu sehen.
Das Leben auf der Straße
Und dazu fahren wir auch noch auf alten Motorrädern, wo doch jeder Chinese eher vom eigenen Kleinwagen träumt. In den kleineren Dörfern spielt sich das ganze Leben auf der Straße ab. Selbst der Dorf-Friseur arbeitet im Freiluft-Frisier-Salon.

Kleinere Pannen wie Reifenplatzer oder marode Zündkerzen sind an der Tagesordnung und ein willkommener Grund für eine Raucherpause. Magic wird es schon richten. Einen Reifenwechsel macht er in weniger als zehn Minuten, einen neuen Gaszug zieht er schneller ein, als die Zigarette zu Ende geraucht ist.
In der Inneren Mongolei
In den Abendstunden kommen wir ohne größere Zwischenfälle in der Inneren Mongolei an. Nach kurzem Frischmachen gehen wir direkt ins Restaurant, das Abendessen ist schon vorbereitet. Das Hausschwein läuft im Dorf spazieren und ernährt sich von den Hausabfällen.

Geschlachtet wird direkt an der Straße, aber davon weiß Piggy noch nichts. Für dieses Mal darf es auch noch einmal am Leben bleiben, denn wir haben Fisch und Huhn zum Abendessen bestellt. Trotz Verständigungsschwierigkeiten freunden wir uns bei einem Bier mit einer chinesischen Reisegruppe an.
Supermarkt für alles
Wer auf seinen Guten-Morgen-Kaffee beim Frühstück nicht verzichten kann, muss sich selbst Instant-Kaffee mitbringen oder im »Supermarkt« vor Ort kaufen. Bei dem benachbarten Laden handelt es sich um ein kleines Privathaus, in dem in einem Zimmer zwei Regale mit Ware stehen, alles bunt gemischt vom Insektenspray bis zum Erfrischungsgetränk. Der Morgen ist gerettet.

Um neun Uhr ist Abfahrt. Wir fahren noch immer bergauf. Hier ist es bedeutend kühler als in Peking. Ohne Jacke geht nichts. Wir wollen über einen nahegelegenen Pass und dann in einer Schleife rund 280 Kilometer wieder nach Peking fahren. Die Straße wird immer schlechter, und tatsächlich macht heute eines der Mopeds schlapp.
Dicker Strick für den Liegenbleiber
Selbst Magic bekommt die Maschine nicht mehr zum Laufen, also muss abgeschleppt werden. Der Tüftler organisiert einen dicken Strick, bindet den Liegenbleiber am Führungsmotorrad an, und weiter geht es bergauf. Regen und Nebel setzen ein.

In Peking war strahlender Sonnenschein, klar, dass ich meine Regenklamotten zu Hause gelassen habe. Da müssen wir durch, denn Restaurants oder andere Unterstellmöglichkeiten gibt es hier draußen keine mehr. Schon gar nicht auf dem Pass.
Zum Glück drei Räder
Unsere Motorräder haben zum Glück drei Räder und können auch auf dem verschlammten Teilstück bergab nicht umfallen. Zum Teil ist es so steil, dass der Autoverkehr angehalten werden muss, um die Motorräder passieren zu lassen. Und während der ganzen Schlamm- und Rutschpartie schleppt Jackie die ausgefallene Maschine am Strick hinter sich her – Respekt.

Gegessen wird wieder in einem Restaurant an der Strecke. Als wir endlich wieder auf die Autobahn kommen, weiß jeder, es sind nur noch 50 Kilometer zu fahren. Meine Klamotten kleben mir am Leib, und ich freue mich auf eine Dusche.
Endlich eine Dusche
Und gerade jetzt – in Gedanken eigentlich schon zu Hause – fährt sich noch einer einen Platten. Direkt auf der Autobahn ein Rad zu wechseln ist Selbstmord, also fahren wir im Schritttempo weiter zur nächsten Autobahnabfahrt, um da in Ruhe die neue Pelle aufzuziehen.

Nach einer kurzen Abschlussbesprechung werden die Teilnehmer verabschiedet, und ich mache mich mit meiner eigenen Maschine auf die restlichen zehn Kilometer, bis ich endlich unter die Dusche kann. Ich weiß jetzt, dass nagelneue Jeans und ein Tag Regen blaue Oberschenkel ergeben!

















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