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Reise Schweiz – Off the Road

Wie ein felsenfest eingeplanter Reisebericht über die Alpenwelt der Schweiz eine ungeahnte Wende nahm.

Einen Reisebericht durch die Zentralschweiz hatte ich versprochen. Mit allem, was dazugehört. Die schönsten Plätze zwischen Luzern, Einsiedeln und dem Zürichsee. Geheime Traumstraßen durch eidgenössische Bergdörfer.

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Wunderlich "Beiträge"

Wiedergeburt einer Traditionsveranstaltung

Und Restaurants, in denen es die leckersten Rösti nördlich des Gotthardpasses gibt. Soweit die Theorie. Doch es kam ganz anders: Statt Land und Leute zu erkunden, blieb ich bei einem Laden am Zürichsee hängen und erlebte die Wiedergeburt eines historischen Bergrennens.

Lockmittel: Verunfallter Morgan-Roadster im Kraftstoff-Schaufenster

Inmitten eines Haufens von Adrenalinfreaks, die mit ihren alten Rennmaschinen die Schweizer Bergwelt zum Erzittern brachten. Es war erst kurz nach fünf Uhr morgens, als ich meine Sporty mit gezogener Kupplung so unauffällig wie möglich an dem Schweizer Grenzbeamten vorbeiro­llen ließ. Bloß keine Fahrzeugkontrolle jetzt. Schließlich weiß ich selbst am besten, dass der offene K&N-Filter ebenso wenig original ist wie der benachbarte S&S-Vergaser.

Ab in die Zentralschweiz

Und auch was meinen Auspuff betrifft, meide ich lieber das persönliche Gespräch mit uniformierten Staatsbeamten. Scheint ja zu klappen: Der Grenzer winkt gelangweilt mit der rechten Hand, und ich gebe Gas. Zu spät bemerkt er den blonden Zopf unter meinem Helm und die davoneilende Chance auf die ausführliche Einreisekontrolle einer einsamen Harley-Fahrerin. Mein Weg führt mich weiter nach Südosten, wo der Seedamm den Zürichsee vom Obersee teilt und den Zugang in die Zentralschweiz eröffnet.

Eigentlich wollte Anne einen Bericht über Kühe, Wiesen, Berge und einsame Passstraßen verfassen. Eigentlich

Ich verlasse die Schnellstraße und rolle in Rapperswil zum Zürichsee hinunter. Was mich jäh aus meinen Gedanken reißt, ist ein zerbeulter Morgan Plus 8 Roadster. Die Karosserie vollkommen von Rost überzogen. So, als hätte dieser Traum eines Sportwagens Jahrzehnte ungeschützt im Freien verbringen müssen.

Da musst du hin

Steht einfach da, in diesem hell erleuchteten Schaufenster. Wer macht so was? Magisch angezogen beschließe ich eine Pause und bringe die Sporty vor dem Laden zum Stehen. Erst jetzt realisiere ich, wo mich der Zufall hingeführt hat: »Kraftstoff« steht auf dem alten Schild über der Türe, und ich erinnere mich daran, dass mir erst kürzlich wieder jemand sagte: »… da musst du unbedingt hin, wenn du in der Schweiz bist …«

Juckmittel: Elsa nervt ein Kratzen am Hals

Super. Jetzt bin ich da, und der Laden hat natürlich zu. Kein Wunder, denke ich beim Blick auf meine Uhr: Es ist sechs Uhr morgens. Ich drücke meine Nase ans Schaufenster und arbeite mich so die ganze Fensterfront entlang. Was ich sehe, gefällt mir auf Anhieb: eine riesige Wand voll wunderschöner Jet-Helme.

Kraftstoff in der Schweiz

Dazwischen Kleiderständer aus massivem Holz. Voll von Klamotten, die anders sind als das, was einem sonst überall begegnet. Irgendwie ursprünglicher. Ein Kleidergeschäft für Brüder und Schwestern mit Benzin im Blut.

Klassische Vielfalt bei den Bergauf-Wettläufen: Moto Guzzi Falcone Sport

Ich erschrecke zu Tode, als mir von hinten jemand auf die Schulter klopft und mich aus meinen Gedanken reißt: »Kannst du mal deinen Töff wegstellen? Ich muss da mit dem Anhänger ran.« Wir stellen uns vor, und ich erfahre, dass er Michael heißt. Ihm gehört der Laden. Aber heute ist zu, weil in Küssnacht Bergrennen ist.

Mitfahren befohlen

Und da muss er hin. »Zuschauen?« frage ich. »Nein, mitfahren … zusammen mit einem Freund, der fährt auch so einen alten Eisenhaufen …«, höre ich und verstehe es noch nicht ganz. Aber es interessiert mich. Sehr sogar.

Harley-Davidson WR

Alles klar. Ich bin dabei. »Kannst du mir gleich mal beim Aufladen helfen?« fragt mich Michael. »Die Harley muss noch auf den Hänger.« Klar kann ich, und wir gehen nach draußen.

Mit der Springer-Panhead aufs bergrennen

Ich warte beim Anhänger und falle beim Anblick des Motorrades fast um, das er nun aus der Garage schiebt. Auf den ersten Blick sehe ich nur zwei fette Stollenreifen, die in meine Richtung rattern. Dann erst erkenne ich den Panhead-Motor, den Starrrahmen und die alte Springer-Gabel. »Damit fährst du Bergrennen?« frage ich ungläubig, während wir das Motorrad auf den Hänger wuchten.

Columbus-Horex

„… und zwar wie der Teufel …«, höre ich und erfahre, dass das Bergrennen in Küssnacht am Rigi stattfindet. Das liegt am Vierwaldstättersee. »Seit Wochen denken wir an nichts anderes«, sagt Michael und erzählt, dass das Spektakel alle drei Jahre stattfindet. Dann aber richtig.

Motorräder aller Couleur

»Alles, was Rang und Namen hat, geht an den Start: Alte Indians, Motosacoches, Rudges, Horex, Nortons, Triumphs, Condors, Kompressor-BMWs, ja sogar eine Vincent Lightning.« Die Nähe von Sucht und Sehnsucht bohrt sich jäh in meine ursprünglichen Reisepläne. Innerlich habe ich meinen Beschluss längst gefasst: Der Reisebericht muss warten. Ich muss zum Bergrennen. Unbedingt.

BMW Kneeler-Gespann

Und zwar heute noch. Zumal der Wetterbericht strahlenden Sonnenschein verspricht. Jeder Fahrer geht während der zwei Renntage gleich viermal an den Start: Zwei Trainingsläufe am Samstag und zwei Wertungsläufe am Sonntag. Gestartet wird immer unten im Dorf.

Das Ziel ist ganz oben

Nach einem Vorstart geht es im 30-Sekunden-Takt auf die Strecke. Der Zieleinlauf und das Fahrerlager sind dann ganz oben auf der Seebodenalp – wenn man ankommt … Am späteren Sonntagnachmittag sitze ich mit Michael bei Espresso und Fruchtwähe auf der Sonnenterrasse des Hotels Seebodenalp. Wir genießen den atemberaubenden Ausblick auf die Berge, und so langsam fällt auch bei ihm die Anspannung ab.

Im Siegestaumel: Michael hat Spaß gehabt und dazu das Bergrennen gewonnen

»Dass es heute gleich so gut laufen würde, kann ich noch gar nicht glauben. Nach dem ersten Lauf habe ich meinen Namen auf der Ergebnisliste gar nicht gefunden«, lacht er. »Bis ich gemerkt habe, dass ich ganz oben stehe.« Von weit weg hören wir das Klatschen und die Stimme des Sprechers, der schon mit der Preisverleihung begonnen hat.

Siegerehrung fast verpasst

Wir müssen beide laut lachen und rennen los, in Richtung Festzelt: Um ein Haar hätten wir Michaels Siegerehrung verpasst …

bergrennen-seebodenalp.ch

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Fotos: Rusca/Kraftstoff/Roger Harrison, CH-Küssnacht
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