Böhmen – Motorradfahren Zwischen Jawa und Pilsen

Auf motorradgeschichtlicher Entdeckungsreise durchs bierselige Böhmen. Und selbstverständlich spielt die Böhmerland da eine Rolle

Vergleicht man die Assoziationen an die Tschechische Republik mit einem Fotoalbum, sind es oft alte, vergilbte, mit einer gewissen Patina überzogene Bilder, die einem vor Augen treten. Bilder, mit Plattenkameras fotografiert, als Böhmen noch Teil des Habsburger Reiches war. Oder Aufnahmen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gezeichnet durch den real existierenden Sozialismus.

Moto Jawa: Die patinierte Motorradfabrik präsentiert sich seit den Sechziger Jahren kaum verändert

Bilder, die sich fest in den Köpfen eingebrannt haben. Um sich im digitalen Zeitalter ein aktuelles Bild zu machen, reicht das verstaubte Fotoalbum nicht mehr aus. Es lohnt sich, die neuen Bilder des Landes auf die Festplatte zu laden. Farbig und prächtig zeigen sie sich auf dem Bildschirm. Tschechien ist nicht nur in der virtuellen Welt eine Reise wert. 

Tschechen mögen Motorräder

Biker finden reales Fahrvergnügen auf kleinen, gewundenen und verkehrsarmen Wegen. Die beiden Städte Pilsen und Budweis sind wegen ihres gleichnamigen, schmackhaften Gerstensaftes weltbekannt. Weniger bekannt sind  zahlreiche beschauliche Motorradmuseen und -sammlungen die es beim Nachbarn zu entdecken gibt. Liebe und Begeisterung zum motorisierten Zweirad hat in Tschechien eine lange Tradition.

Auf einen Kaffee ins Bäderdreieck: Gepflegte Atmosphäre zu gehobenen Preisen

Unweit der böhmisch-bayerischen Grenze, in Kasperské Hory (Bergreichenstein) mitten im Böhmerwald, stoßen wir auf erste Spuren. Unter dem Dachstuhl eines historischen Hauses am Marktplatz gibt es ein kleines privates Motorradmuseum. Zum Glanzstück der Ausstellung gehört sicherlich die dreisitzige Böhmerland. Mit dieser Motorrad-Konstruktion hatte die erste Tschechoslowakische Republik ein Kuriosum zu bieten.

Kuriose Böhmerland

Das von Albin Liebisch von 1925 bis 1939 gebaute Vehikel bestach mit seinem extravaganten Design, der auffallenden Lackierung und dem ewig langen Radstand. Wirtschaftlich weniger erfolgreich – es wurden nur 1.000 Stück produziert – ist es heute längst ein gesuchtes Sammlerobjekt, das teuer bezahlt wird. Die Wurzeln des böhmischen Motorradbaus liegen noch einige Jahrzehnte tiefer. Im Jahr 1899 starteten die ersten böhmischen Motorräder aus den Fabrikhallen von Laurin & Klement.

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„In den Felsenstädten fühlt man sich an die vergilbten Bilder aus dem Fotoalbum erinnert“

Einige Modelle sind im sehenswerten Skoda-Museum, in der heutigen »Autostadt« Mladá Boleslav, zu besichtigen. Ansonsten hat die Stadt für Touristen wenig zu bieten.  Doch wir brauchen unsere Motorräder nur 30 Kilometer auf der Autobahn zu beschleunigen und schon sind wir im Böhmischen Paradies. Cesky raj, wie die Gegend zwischen den Städten Jicin, Turnov und Sobotka genannt wird. Es ist ein Labyrinth für Motorradwanderer. Neben mittelalterlichen Gemäuern sind die sogenannten Felsenstädte das touristische Highlight. 

Wellness im Bäderdreieck

Wem nach kräftezehrender Kurvenhatz die Sinne eher nach Erholung sind, für den ist im berühmten böhmischen Bäderdreieck von Karlsbad, Marienbad und Franzensbad wohl bestens gesorgt. Frisch herausgeputzt erstrahlt in den prächtigen Kurorten der Glanz vergangener Epochen.

Gelebte Geschichte: In Böhmen wimmelt es nur so von Motorrad- und Technikmuseen

Jedes von ihnen hat seinen eigenen Reiz und sein eigenes Wässerchen gegen alle möglichen Arten von Zipperleins. Das Wellness-Angebot ist auf modernstem Standard. Das Preisniveau auch. Nach einem weiteren Tag fröhlichen kurvens, landen wir schließlich in der Bierstadt Pilsen.

Anstoßen in Pilsen

Da die Bierqualität im 19. Jahrhundert allgemein als schlecht empfunden wurde, begann der Vilshofener Braumeister Josef Groll mit der Entwicklung einer neuen Rezeptur. Im Jahr 1842 dann führte er die neue Zubereitungsform der Obergärung in Pilsen ein. Das Pils war erfunden. Im Brauereimuseum kann man sich tiefer in die Geschichte des Nationalgetränks einarbeiten und die vielen Kneipen in der Stadt bieten ein weites Areal für Feldversuche. 

Rückendrücken? In Karlsbad, Marienbad und Franzensbad lässt sich so manches Zipperlein kurieren

Es gäbe noch viele weitere Kleinode zu entdecken, doch der Speicher unserer Digitalkamera ist bereits voll. Mancherorts fanden sich immer noch Motive, unverändert gegenüber den vergilbten Bildern im Fotoalbum. Vielleicht ergibt sich daraus der besondere Reiz des Reisens zwischen den böhmischen Dörfern, in die wir bald wiederkehren werden.

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Fotos: Manfred Probst
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