Für einen Biketrip durch Schweden muss man kein Flora-Fanatiker oder schüchterner Eremit sein. Denn im Sommer schiebt hier jeder zweite Einwohner seinen Oldtimer auf zwei oder vier Rädern aus der Garage und lässt es derbe krachen …
Ich muss zugeben, ich lag da einfach falsch. Schweden, das waren für mich endlose Wälder, menschenleere, schnurgerade Straßen mit aberwitzigen Geschwindigkeitsbegrenzungen und vor allem einsame Seen. So grotteneinsam, dass sie bestenfalls von aggressiven Insekten besiedelt werden, nicht aber durch die fußläufige Nähe zu einer lauschigen Strandbar auf sich aufmerksam machen.

Kurz: Für einen, der sich abseits der Zivilisation schnell zu Tode langweilt und für den Bäume irgendwie alle gleich aussehen, bringt Schweden nichts. Dachte ich. Und was ist das jetzt?
Rockabilly-Vibes
Ich lungere auf einer großen Wiese ab, um mich herum parken die chromfunkelndsten Amischlitten und warzigsten Ratcars, die ich je gesehen habe. Rechts von mir stehen einige antike Harleys in Reih und Glied, da vorne trällert eine Rockabilly-Combo. Vor allem: Das Nostalgiefestivalen in Vårgårda ist nur eine von unzähligen Partys, die in Schweden während des sehr kurzen Sommers abgehen.

Überall wimmelt in Südschweden das Leben. Da spare ich mir doch den weitläufigen Norden und tauche in die Welt der fahrzeugbegeisterten Skandinavier.
Mücken? Keine gesehen!
Bereits kurz nach meiner Ankunft in Trelleborg begegneten mir und meiner alten Guzzi V7 jede Menge lässige Bikes. Die Straßen waren kurvig, die Seen mückenfrei und hinter jeder Biegung warteten Urlaubsabenteuer. Es dauerte nicht lange, da entdeckte ich einen verlassenen Autofriedhof mitten in einem dieser gar nicht mehr so langweiligen Wälder.

Hier versanken 60er-Jahre-Klassiker im Waldboden und warteten auf den Verfall. Hier ein Ponton-Benz, dort ein opulenter Chrysler, eine Badewanne, ein VW Bulli. Und nicht einmal geplündert, selbst Tacho und Spiegel befinden sich noch an vielen der gespenstisch-maroden Karosserien.
Fahrzeugparadies Schweden
Das Paradies. Ich nahm mir vor, zwischen den Wochenenden, an denen die Veranstaltungen stattfinden, die Städte Göteborg, Stockholm und das norwegische Oslo zu besichtigen und außerdem das ein oder andere Fahrzeugmuseum zu durchforsten. In Göteborg schlenderte ich am Hafenkai entlang und machte mich bald auf an den Vänern-See zur Heimat des Autoherstellers Saab nach Trollhättan.

Das sehenswerte Werksmuseum lag exakt auf meiner Route nach Oslo. Und nun sitze ich hier in Vårgårda und staune über die Vielzahl der meist amerikanischen Oldies. Ohne eine Grenzstation zu sehen, steuere ich am nächsten Tag die Guzzi in Richtung der norwegischen Hauptstadt.
Abstecher nach Norwegen
Alles ist hier in Oslo ein wenig rauer, deftiger und ursprünglicher als im lieblichen Schweden. Hinauf zum Holmenkollen, auf dem die majestätische Skischanze steht, und weiter ins Landesinnere winden sich gut ausgebaute Serpentinen, die an die schönsten Alpenpässe erinnern. Im Osloer Einkaufsviertel Frogner umkurve ich hingegen die vielen schicken Boutiquen. Alles ganz schön teuer hier.
Stille Dörfer, schreiende Motoren
Zurück in Schweden streife ich das schöne Örebro mit seinem – aus den typischen, rot gestrichenen Holzhäusern bestehenden – historischen Viertel Wadköping und gebe mich nur wenige Stunden später ganz der Hauptstadt Stockholm hin. Die extrem gemütliche Großstadt empfängt mich mit strahlendem Sonnenschein und entfacht meine Begeisterung für Schweden endgültig. Für Rathaus, Vasa-Museum, Kunsthalle und Stadtbummel benötige ich locker drei Tage.

Was perfekt passt, denn im nahegelegenen Eskilstuna finden am Wochenende die Blacksmiths Nats statt – ein Viertelmeile-Rennen für historische Fahrzeuge. Mitten im Wald liegt hier eine verlassene Landebahn, die für die spektakulären Drag Races ideale Voraussetzungen bietet. Von der Kompressor-Triumph über Kawasaki Z 1000 bis zum V8-Dodge Charger starten hier alle erdenklichen Fahrzeuge.
Raritäten im Museum
Doch toll, so ein Wald. Am nächsten Tag sattle ich die Guzzi, die mit ihren gerade einmal 50 PS gegen die Renngeräte hier keinen Stich macht, und breche auf zum Vätternsee. Im Motor Museum Motala entdecke ich jede Menge britische Café Racer und skandinavische Zweirad-Raritäten.

Über die Geschichte der Marke Husqvarna hingegen informiert das Fabriksmuseum im gleichnamigen Ort. Kaum zu glauben, welch schöne V2-Bikes der schwedische Hersteller bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hier in diesen sympathischen Hallen gebaut hat. Meine letzte Nacht verbringe ich in Ystad, einer kleinen Gemeinde im äußersten Süden von Schweden, in der die Filmindustrie des Landes zu Hause ist.
Schnurgerade
Wälder, Seen und schnurgerade Straßen gibt es hier auch. Aber stören tun sie mich nun wirklich nicht.














