Einst war es die ungeliebte Vorstadt von Hamburg. Heute ist St. Pauli der bekannteste Stadtteil der Hansestadt: Eine Hafenrundfahrt der besonderen Art
Unübersehbar prangt vor dem Tor in großen Lettern »Zutritt für junge Männer unter 18 und Frauen verboten«. Ohne sich umzudrehen verschwindet der untersetzte Mitfünfziger hinter die Stahlwand, die das St. Pauli für jedermann von der Herbertstraße trennt. Offenbar hat er es eilig.
Mit dem Motorrad auf den Kiez
Ein Jüngling in langem Gothic-Mantel nimmt sich mehr Zeit, studiert die Glasvitrinen, in denen sich leicht bekleidete Damen präsentieren, ausgiebig. Keine Frage, die besondere Faszination des Hamburger Stadtteils St. Pauli geht zu einem nicht unwesentlichen Teil von der käuflichen Liebe aus, die auf dem Kiez allgegenwärtig ist. Mit dem Motorrad macht es naturgemäß besondere Laune, den Kiez zu bereisen.

Schnell finde ich vor einem der vielen Cafés und Kneipen einen Parkplatz, von denen aus ich die abendliche Szenerie in Ruhe beobachten kann. Nicht immer waren auf der »sündigsten Meile der Welt« Lust und Laune angesagt. Jahrhundertelang wohnten in dem kargen Gebiet vor den Stadtmauern nur unvermögende Menschen, die besonders unter feindlichen Angriffen zu leiden hatten.
Der Boom begann im 19. Jahrhundert
Als dann ab 1816 Dampfschiffe beim Jonas, dem Gebiet der heutigen Landungsbrücken, festmachen, begann ein regelrechter Boom: Mit den Dampfschiffen kamen jede Menge Matrosen und Hafenarbeiter. Kneipen und Bordelle schossen wie Pilze aus dem Boden. Bereits 1841 zählte man auf St. Pauli 20 Freudenhäuser und 151 registrierte Dirnen.

Der bemerkenswerte Altbaubestand aus dem letzten Jahrhundert verrät, dass der Stadtteil die Bombenabwürfe des Zweiten Weltkrieges vergleichsweise gut überstanden hat. So festigte St. Pauli auch nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Ruf als Vergnügungsviertel. Doch neben dem Geschäft mit der Lust entstanden auch mehr und mehr Theater und Konzertbühnen rund 21um den Hamburger Berg – etwa der 1962 gegründete Star Club, in dem jeder Rock‘n‘Roller, der damals einen Namen hatte, aufgetreten sein musste.
Immer am Deich entlang
Bill Haley, Little Richard, Fats Domino, die Animals, Ray Charles, Chubby Checker, die Beatles: Sie alle rockten die Bühne an der Großen Freiheit. Der Star Club ist längst abgerissen, aber rund um die legendäre Reeperbahn finden auch heute noch an jeder Ecke Konzerte statt, ganz gleich ob Garagen-Combo oder Chansoniere. Über idyllische Kleinststraßen immer am Deich entlang erreiche ich den prall gefüllten Parkplatz vor der Elbfähre Zollenspieker-Hoopte.

Nicht nur sonntags treffen sich Norddeutschlands Motorradfahrer rund 30 Kilometer elbaufwärts am Zollenspieker Fährhaus. Hier diskutieren Monkey-Fahrer mit Gespann-Windgesichtern, Ducati-Solisten bestaunen antike Harleys, breitbereifte Wild Stars parken neben neonfarbenen Superbikes. Kein schlechter Platz, um bei einer dampfenden Bratwurst einen Eindruck von der Szene im Großraum Hamburg zu bekommen.
Strandperle und Motoclub
Über kurvige Nebenwege geht es zurück in die Metropole. An einem lauen Sommertag wie heute trifft sich an der Strandperle in Ottensen ein buntes Völkchen, um auf einem kleinen Streifen Sandstrand direkt an der Elbe zu entspannen. Ganz in der Nähe, nur zwei Kilometer die Elbe hinauf, treffen sich immer Sonntagnachmittags die Freunde lässiger US-Cars und Classic-Bikes zum »Motoclub« im Hafenbahnhof.

Bei praller Sonne und einem Milchkaffee beobachte ich, wie eine Gruppe Norton-Treiber ihre Bikes antritt und unter Getöse davonballert. Noch lauter ist nur ein hart durchbeschleunigter Dodge Challenger, während im Hintergrund langsam ein riesiger Container-Frachter vorbeizieht. Neben den Landungsbrücken lockt mich eine beeindruckende Kuppelhalle an, der Eingang des im vorigen Jahrhundert erbauten alten Elbtunnels.
Das Hafenareal wächst und wächst
Um auf die gegenüberliegende Seite der Elbe zu gelangen, lasse ich mich und meine BMW mit einem antiken Lastenaufzug tief unter das Flussbett senken. Langsam fahre ich durch eine der gekachelten, 426 Meter langen Tunnelröhren in das Gebiet des riesigen Freihafens. Mit 91 Quadratkilometern nimmt das gigantische Hafenareal mehr als zwölf Prozent der Stadtfläche ein und wächst unaufhörlich weiter.

Von hier bietet sich ein beeindruckender Blick auf die Skyline von Hamburg am gegenüberliegenden Ufer – Museumsschiffe, Speicherstadt und Fernsehturm. Über den Michel, dem Wahrzeichen der Stadt, bricht langsam die Dämmerung herein. Vor meiner Herberge im lebhaften Schanzenviertel parke ich die Bayerische.
Darauf ein Astra
Heute Abend bleibt das Bike stehen. Ich köpfe eine Knolle Astra und laufe die zwei Kilometer bis nach St. Pauli zu Fuß. »Zutritt für junge Männer unter 18 und Frauen verboten«. Betrifft mich nicht.















