MotorradLackierung – Wie geht Custom Painting?

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Wer abgedrehte Vorstellungen für die Lackierung seines Bikes oder einen hohen Anspruch an Farbe und Ausführung hat, der sollte sich an einen Spezialisten wenden

Will man seine Motorradteile mit einem stilechten und ausgefallenen Vintage-Look versehen, bleiben einem eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ruft Michael J. Fox an und vereinbart einen Termin, um sich mit der Zeitmaschine ein paar Dekaden zurück zu beamen. Möglicherweise findet man in der Vergangenheit jemanden, der die Lackteile in traditioneller Technik aufbereitet. Oder aber – und das ist wohl naheliegender – man findet einen wirklich versierten Lackierer.

Für Spezielles zum Spezialisten

Übrigens auch keine leichte Aufgabe, denn der Autolackierer nebenan wird bei einer nicht ganz einfachen Aufgabenstellung unweigerlich die Segel streichen. In so einem Fall brauchen wir einen Custompainter. Für unseren Lacksatz, vorgesehen für einen sportlichen Cafe Racer auf Basis einer Moto Guzzi V7, wollen wir uns an Motive der »Automobile and Motorcycle Thrill Shows« in den USA der Vierzigerjahre anlehnen.

Vorgespräch: Anhand von Skizzen und originalen Schriftschnitten wird das geplante Lack-Design besprochen …

Stunt-Truppen wie Earl »Lucky« Teter and his Hell Drivers, Jack Kochman’s Champion Hell Drivers oder Joie Chitwood’s Chevy Thunder Show unterhielten das Publikum mit waghalsigen Auto- und Motorrad-Stunts. Uns interessierte im Speziellen das Logo von den »Jimmy Lynch Death Dodgers«. Wir skizzierten Logo und Farbschema auf ein Blatt Papier und wandten uns an einen Mann, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein muss: Custompainter Ingo Kruse in Kamen.

Der Meister des Lacks

Ingo führt seit beinahe 50 Jahren individuelle Lackkreationen aus. Unzählige Male hat der studierte Grafikdesigner bereits bewiesen, dass er zu den ganz Großen im Lackdesign zählt. Da der gewünschte Farbauftrag diverse Techniken miteinander vereint, muss sich Ingo sowohl mit Pinstriping, Airbrush, Lettering und Graphics auskennen.

… und geplant

Schnell klären wir bei einem ausführlichen Gespräch, wo was wie auf die drei Teile – Alutank, Höckersitzbank und vorderes Schutzblech – soll. Wir besprechen, dass die frühen Metallictöne weniger funkeln und wie Totenköpfe damals gezeichnet wurden. Dabei helfen alte Fotos, Zeichnungen, Schriften und Grafiken der Originallackierungen.

Ran an die Arbeit

Bei gebrauchten Teilen, und darum handelt es sich bei den angelieferten Parts, fallen zunächst erst einmal umfangreiche Spachtelarbeiten an. Nicht tragfähiger Altlack wird entfernt, große Beulen ausgebeult, der Untergrund ordentlich geschliffen und entfettet und dann mehrfach gespachtelt. »Eine saubere Fläche lässt sich nicht mit einem einzigen Spachtelgang herstellen, wir streichen ja keine Wand weiß«, zeigt Ingo auf Unebenheiten im Material.

Zunächst müssen die zu lackierenden Teile gründlich gespachtelt und geschliffen werden. Da es sich um gebrauchte Teile handelt, fällt der Vorarbeit eine hohe Bedeutung zu

Das Team von Kruse-Design überarbeitet zunächst die groben Riefen vom Spachtelschliff mit flüssigem Spachtel, genannt Spritzspachtel. Anschließend wird etwas feiner geschliffen, dann Grundierfüller aufgetragen und noch feiner nass geschliffen, bis der Lackträger fertig ist: »Wir arbeiten von grob nach fein.« Darauf wird nun ein silberner Basislack aufgetragen.

Der Weg zum Lack

Die gewünschte Form des Blautons wird abgedeckt und der blaue Basislack aufgebracht. Nach dem Entfernen der Abdeckung wird klarlackiert und dann das Maß für die Beschriftung festgelegt. Auf Transparentpapier wird nun »Death Dodgers« skizziert.

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Das Zwischenergebnis ohne Schattierungen und weitere Schrift lässt ein grandioses Ende erahnen

Entsprechend wird der rote Bereich abgedeckt und lackiert. Da es sich hier um eine Vorlagenschrift handelt, wird die skizzierte Schrift maskiert und weiß vorlackiert. Danach konturiert Ingo alle Linien mit dem Schlepper, einem feinen Echthaarpinsel mit extra langen Borsten.

Outlines Frei Hand

Auch die zweite Schrift über dem »Death Dodgers«-Schriftzug soll mit der Jimmie-Lynch-Vorlage identisch sein und wird daher auf Maskierfilm gezeichnet, ausgeschnitten und vorlackiert. Nach einer nochmaligen Klarlack-Zwischenschicht und Nassschliff zieht der Profi alle Outlines frei Hand mit dem Pinsel. Nun folgt noch eine letzte Klarlackschicht, und fertig ist ein atemberaubender Lacksatz – weit besser als erwartet, authentisch bis ins Detail und präzise ausgeführt. Hut ab, Herr Kruse.

Zum Schluss sorgt Handarbeit mit dem Pinsel für den nötigen Feinschliff

Jimmy Lynch‘s Death Dodgers

These men must have nerves of steel

Es ist kaum zu glauben, aber in den Vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zogen in den USA so genannte »Auto Thrill Shows« mehr Zuschauer an als Nascar-Rennen oder Boardtrack-Motorcycle Races. Auf Messen, Marktplätzen, in Kasernen und auf Wiesen vor den Städten kamen Tausende zusammen, um junge Männer beim »T-bone crash«, beim Fahren von Autos auf zwei Rädern oder Springen von Harleys, BSA 350 oder Benelli Scrambler durch brennende Feuerringe zu beobachten.

In den Fünfzigern existierten 29 Stunt Shows, etwa Jack Kochman‘s Hell Drivers, Joie Chitwood‘s Tournament of Thrills und eben Jimmy Lynch‘s Death Dodgers. Als Fahrer für die Stunt-Truppe um Chef Jimmy Lynch fanden sich Militärveteranen und nicht selten Auto- und Motorradrennfahrer, darunter Frank »Rebel« Mundy oder »Wild Bill« Reed. Unter dem Motto »The show that’s alive with death« widersetzten sich die Akrobaten der Erdanziehungskraft. Allein bei der Weltausstellung in New York 1939 und 1940 sahen elf Millionen Zuschauer die Show von Jimmy Lynch‘s Death Dodgers.

Interview mit Custompainter Ingo Kruse:

CB: Ingo, du bezeichnest dich selbst als Custompainter. Was genau machst du? Ingo Kruse: Für den Begriff Custompainter gibt es leider keine prägnante Übersetzung. Die wortgetreue Bedeutung wäre etwa »Kundenwunschfarbeaufbringer«. Im Gegensatz zu Spezialisten – wie z.B. Airbrusher, Pinstriper oder Lackierer, die jeweils ihr Spezialgebiet  können wie eben Bilder brushen, Linien ziehen oder Lacke aufbringen – muss der Custompainter alle Techniken beherrschen. Halt alles, was notwendig ist, um jede, ja wirklich möglichst jede Vorstellung, die ein Kunde von der Lackgestaltung seines Bikes hat, umsetzen zu können. Und natürlich gestalte ich nicht nur Bikes.

Ingo Kruse, der seit über 30 Jahren individuelle Lackkreationen ausführt, sorgte mit Megabikes wie Simply the Best, Herr der Ringe, Spectacula, JFK oder Open Mind bereits international für Furore. Zweifellos zählt der studierte Grafik-Designer zu den ganz Großen im Lackdesign

Es reicht also nicht, nur die Techniken perfekt zu beherrschen? Ein wirklich guter Custompainter braucht noch eine weitere wesentliche Qualifikation. Er muss in der Lage sein, sich in jede Stilrichtung, die dem Kunden vorschwebt, einzufühlen und dies auch in seiner Lackierung entsprechend umzusetzen. Hier geht es ums Design, was bedeutet, dass im Idealfall das Bike – und nicht nur die Lackteile – Bestandteil der Gestaltung sein muss. Das heißt nicht, dass man jetzt alles am Bike lackieren muss: Aber die Linien der angebauten Teile, die Form und Farbe der Techteile sollte in Stil, Farben und Gestaltungselementen in die Lackierung einfließen, um den Gesamteindruck des Bikes harmonisch wirken zu lassen.

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Fertigst du eigentlich auch Originallackierungen von klassischen Bikes an oder machst schnöde Restaurierungen? Selbstverständlich. Auch hier gibt es Herausforderungen. Etwa, wenn genau vorgegebene Schlepperlinien anzulegen sind oder für authentischen Look keine Candylacke, sondern sogenannte Tintenbasis verwendet wird. Beim Lackieren wirkt das bei Rot zum Beispiel »Schlüpferrosa«. Aber keine Angst, die Lösemittel aus dem darauffolgenden Klarlack ziehen das Rot in die Klarlackschicht, und man erhält einen strahlend roten Originalton. Diesen Vorgang nennt man durchbluten. Früher wurden alle Candy-artigen Töne so lackiert.

Hast du eigentlich besondere Vorlieben? Mein Motto lautet: Ihr wolltet etwas Besonderes – also mache ich es! Ein Themenbike ist nun mal etwas deutlich anderes als ein Old School Bobber – am Ende sollte beides stimmig sein. Ich bin ganz gut darin, die Wünsche der Kunden möglichst exakt umzusetzen.

Deine Kunden haben also exakte Vorstellungen vom Ergebnis? Nicht zwingend. Bei einem Gespräch kommt meistens schon heraus, wie das gewünschte Design werden soll. Auch wer nur vage Vorstellungen hat und am Ende ein wirklich geiles Bike – ganz gleich in welchem Stil – sein Eigen nennen möchte, sollte über einen guten Custompainter nachdenken.

Info | kruse-design.de

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Fotos: Mangartz, Kruse
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