Mit Achtung und Respekt wird sie als die »Motorenfrau« bezeichnet. Die Schweizerin Sandra Fröhlich ist Motormensch durch und durch, restauriert und customized in ihrem McSands Motor Shop gemeinsam mit ihrem Mann Mac Motorräder, kümmert sich dabei liebevoll um alte V2-Aggregate. Für uns gibt sie einen kleinen Einblick in ihre Arbeit.

Neulich erhielt ich von einem befreundeten Journalisten folgende Nachricht: »Habe mir ziemlich überraschend einen Kolbenklemmer eingefangen. Möglicherweise Wartungsarbeiten etwas vernachlässigt. Bin momentan dabei, das Leistungsloch bei höheren Drehzahlen mit gezieltem Tuning zu kompensieren.« Was er so locker beschrieb, war eigentlich sein Herzinfarkt und mit den »Tuningmassnahmen« war seine Physiotherapie gemeint.

Optimierung der Betriebstemperaturen nicht vergessen!

Ich erschrak natürlich gewaltig und war etwas überrascht über die geballte Ladung schwarzen Humors. Meine Antwort verpackte ich dann so aufbauend wie möglich: »Kolbenklemmer sind übelst, ich hoffe, das drehzahlabhängige Tuning zeigt seine Wirkung. Die richtigen Schmierstoffe und deren Durchfluss (moderater Rotweingenuss) sowie die Optimierung der Betriebstemperaturen (Bewegung) nicht vergessen!

Die Schweizerin Sandra Fröhlich restauriert und customized in ihrem McSands Motor Shop gemeinsam mit ihrem Mann Mac Motorräder, kümmert sich dabei liebevoll um alte V2-Aggregate

Beim Einfahren mit neuen Kolbenringen Hochtemperatur und -Drehzahlen (Stress) auf den ersten 1000 Kilometern vermeiden! Standgas auf einen runden Lauf einstellen! Vergaser (Ernährung) optimieren, im Idealfall nicht zu fett, nicht zu mager. Eventuell Additive (Walliser Aprikosen, Trauben, Tomaten) beimischen, um Ablagerungen in der Hauptdüse zu vermindern. Drehzahlen von nur bis zu 3/4 der Höchstdrehzahl/-leistung erhöhen die Revisionsintervalle und die Laufruhe beträchtlich.«

Sandra Fröhlich nimmt ihre »Patienten« sehr ernst

Mein Kollege ist guter Dinge und blickt optimistisch der nächsten »Töffsaison« entgegen, was mich sehr freut. Auch wenn ich meine Arbeit und meine »Patienten«, die Motoren, sehr ernst nehme, bin ich doch froh, dass ich mich mit Metall und Öl herumschlage und nicht an Menschen aus Fleisch und Blut rumwerkeln muss: Eine Operation am offenen Herzen ist bei einem Motor kribbelig, aber wenn man mit dem Schraubenzieher mal abrutscht, sind keine wichtigen Organe in Gefahr. Dagegen führt ein Beinbruch nicht zu dem Totalausfall, den ein Ventil verursachen würde, wenn es seinen Teller Richtung Brennraum wirft oder ein Pleuel, das einen Hofknicks macht. Operationswerkzeug im Motor vergessen, ist jedoch in beiden Fällen »ungeschickt« – der Alptraum eines jeden Chirurgen und Motorendoktors!

Egal ob Flat-, Knuckle-, Pan- oder Shovelhead – Sandra kennt die alten Harley-Motoren in- und auswendig und könnte sie auch mit verbundenen Augen zerlegen und wieder zusammensetzen

Mein größter persönlicher Alptraum sind lausige Ansaugluftfilter, oder die sogenannten »Birddeflectors«, bei denen ein Vogel noch das kleinste Problem wäre. Da ergeht es mir wie einem Arzt, dessen Gesundheitstipps nicht ernstgenommen werden. Nach wenigen Kilometern segnen die Kolbenringe das Zeitliche und die Zylinderlaufbahn sieht aus wie nach einem Wüstensturm. Wer ohne oder mit knappem vorderen Schutzblech fährt – ich bin auch so eine –, kann sich aufgrund des von der Straße gelieferten »Gesichtspeelings« sicher gut vorstellen, was sich da an schmirgelnden Komponenten herumtollt.

»Manchmal hätte ich auch gerne diesen Röntgenblick«

Man könnte ja anmerken, dass so eine Wellnessmaske gut für die Haut sei – aber was dem wind- und wettergeprüften Mopedfahrer als Sand zwischen den Zähnen nur lästig ist, bereitet dem Motor viel grössere Probleme! Wie beim Arzt kann man bei der eigentlich harmlosen Jahresuntersuchung schnell mal auf dem OP-Tisch landen. Mein bis jetzt unerreichter Platz Eins der aufwendigsten Motorrevisionen begann mit dem Kundenwunsch »Nur mal schnell abdichten.« Da beneide ich die Medizin um die Möglichkeiten der Radiologie, denn manchmal hätte ich auch gerne diesen Röntgenblick oder das eine oder andere Computertomographie-Schnittscheibchen.

Leider gibt’s in Balterswil keine Espressolöffel, aber Sandra weiß sich zu helfen

Zu guter Letzt gibt es natürlich Fälle, die bei Mensch und Maschine die ähnlichen Symptome aufweisen: Zu viel Benzin im Blut führt definitiv nicht nur beim Menschen zu Aussetzern und einem unrunden Laufverhalten. Auch ein Motörchen will mit einem optimalen Kraftstoff/Luft-Gemisch versorgt werden – wobei das Zuviel an Brennstoff im Falle des Menschen aber um einiges witziger ausfallen kann. In diesem Sinne: Prost!

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