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Yamahas Yard Built ist eine Herausforderung. Das liegt nicht nur am zeitlichen Rahmen, sondern auch an den selbstgesteckten Zielen. Die Customschmiede Hookie Co. aus Dresden hat der XSR 700 ein neues Aussehen gegeben – im typischen Hookie-Stil.

Am Anfang war das Motorrad, im Falle von Hookie Co. eine Yamaha XSR700, denn dieses Sport-Heritage-Modell des japanischen Herstellers ist als Basis für den Yard Built vorgesehen. Und wie immer gibt es auch diesmal ein paar Rahmenbedingungen, die das Leben einer Customschmiede nicht unbedingt leichter machen. Eine davon lautet: Don’t touch the frame.

Yamaha XSR 700 – Nicht die umbaufreundlichste Basis

Kein leichtes Unterfangen, wie Nico, Gründer und Mastermind von Hookie Co. zugibt, denn der Rahmen ist nicht gerade die umbaufreundlichste Basis, was die Gestaltung eines Custombikes betrifft. Dennoch war es kein Grund, die Herausforderung des Yard Builts nicht anzunehmen.

 

Das Basisbike: Yamaha XSR 700, 689 ccm, Reihenzweizylinder-Viertakt-Motor, 75 PS

Als Designer für Nico die Gelegenheit, sich noch mehr ins Zeug zu legen. Am iPad gestaltet er einen digitalen Entwurf, wie die XSR700 seiner Vorstellung nach aussehen sollte, und legt ihn Yamaha vor. Die Freigabe erfolgt prompt, die Präsentation auf »The Reunion« im italienischen Monza vier Monate später sein. Ein sportlicher Zeitrahmen, denn schließlich läuft in der Dresdner Motorradmanufaktur das Tagesgeschäft ganz normal weiter, und Freizeit und Familie sollen nicht dafür geopfert werden.

Yamaha XSR 700 – Die Neukonstruktion des Tanks kostet Zeit

»Also haben wir zuerst das Motorrad gestrippt, um zu schauen, was überhaupt gehen würde«, erzählt Nico. »Eine Option war, den originalen Tank zu verwenden, doch das haben wir direkt verworfen.« Also musste ein neuer her, einer, der den eigenen Vorstellungen entspricht und auch zum Hookie-Konzept passt. »Da blieb nur die Neukonstruktion, die natürlich wieder Zeit gekostet hat.«

Erste Sitzprobe mit Tank, aber ohne Sitzbank. Stimmen die Abstände? Passt die Ergonomie? Theorie ist schön, aber nur wenn sie in der Praxis funktioniert

Zumal Benzinpumpe und Geber für die Restreichweitenanzeige ebenfalls im Tank untergebracht werden müssen. Mit einem Hartschaummodell verschafft sich Nico einen Überblick, kann so am besten Proportionen und Größe festlegen. Im Anschluss fertigt er Papierschablonen, die er aufs Aluminiumblech überträgt, um daraus den neuen Tank entstehen zu lassen. 

Yamaha XSR 700 – Don’t touch the frame!

Ein Problem an der XSR700 ist, dass das Motorrad unter zahlreichen Abdeckungen seine Technik versteckt. Egal, wo man etwas wegnimmt, sofort werden unschöne Halterungen sichtbar, die am besten abgeflext gehören, doch »Don’t touch the frame« steht dem immer wieder im Weg. Zumindest, wenn man sich, wie Hookie Co., einigermaßen an die Vorgaben hält. Etwas einfacher wird es am Heck, denn der Rahmen ist geschraubt, was ein wenig mehr Gestaltungsfreiheit bietet.

Ein wenig entblättert und reduziert präsentiert sich die Hookie-XSR 700, bereit auf dem Track alles zu geben

So beginnt Nico direkt mit der Sitzfläche, die rudimentär und schlank gestaltet wird, dafür aber direkt an den originalen Haltepunkten montiert werden kann – Plug-and-play ist einfach eine coole Sache. Aufwendiger wird es dafür am Front-end. Der Serienscheinwerfer ist nicht die Lösung, die die Dresdner am Bike sehen wollen, und wird kurzerhand ersetzt. Damit das etwas klassischer wirkt, entschließt sich Nico, eine neue Lampenmaske aus Aluminium herzustellen.

Die Frontmaske wird einfach über die Standrohre geschoben

Auch das kostet erneut mehr Zeit als geplant, passt aber zum Konzept »Back to the dirt« und zitiert die alten Moto-Cross-Bikes hervorragend. Das Besondere an der neuen Maske ist die Art der Befestigung. Sie wird einfach über die Standrohre geschoben, eine Verschraubung ist nicht notwendig. Auch wenn der Grasshopper sehr reduziert wirkt, so wartet er doch mit ein paar pfiffigen Details auf. 

Wiederholung: Auch am Heck findet sich der transparente und lichtleitende Kunststoff wieder …

Dazu gehören auch die farbigen Acrylabdeckungen, die sich über den Tank spannen und als Kontrast zum silbernen Tank stehen, dafür aber seine kantigen Linien aufnehmen. »Das ist eine Art Neuinterpretation aus dem MX-Bereich, die aber trotzdem technisch wirken soll. Allerdings war der Umgang mit Acryl für uns eine neue Erfahrung. Wir haben es selbst zugeschnitten und gekantet. Am Anfang konnte man aber direkt durchschauen und die darunterliegende Technik sehen.

Yamaha XSR 700 – Die Blinker nutzen die Transluszenz des Acryls

Also haben wir die Rückseiten der Panels glasperlgestrahlt und so den richtigen Effekt erzeugt.« Der Clou: Die Blinker liegen direkt darunter und nutzen die Transluszenz des Materials, das sich übrigens auch am Rücklicht wiederfindet. Hier wird in einer Art Sandwich-Bauweise das Thema erneut aufgenommen und Rücklicht und Blinker integriert.

… so dienen die Panels gleichzeitig als Blinker und Rücklicht

Ein wunderschönes Designelement, dem der TÜV leider seinen Segen verweigert. Doch für die Zulassung kann der Grasshopper mit den entsprechenden Beleuchtungseinrichtungen versehen werden. Dann klappt’s auch mit den Behörden. Denn Bikes für die Galerie bauen die Dresdner schließlich nicht.

 

DIE REGELN DES YARD-BUILTS

Die technischen Vorgaben zum Yard Built entprechen mehr Richtlinien, da es kein Wettbewerb ist, bei dem es um Platzierungen geht. Als Basis für den Umbau ist die XSR 700 zu bevorzugen. Das Motto dieses Yard Builts lautete: »Back to the dirt«. Die Umbauten sollen ein Hommage an die legendären Yamaha-Modelle XT, TTR, IT, PW.DT-1 und HL sein. Selbstredend sollte das Yamaha-Logo am Motorrad zu sehen sein und auch auf Originalzubehörteile aus dem Yamaha-Katalog verbaut werden.

Hände weg von Rahmen und Motor

Wie bereits erwähnt darf der Rahmen, bis auf den abschraubbaren Heckrahmen, nicht verändert werden. Auch am Motor sollen keine Eingriffe vorgenommen und das Triebwerk serienmäßig belassen werden. Last but not least: Die Yard-Built-Projekte sollen nicht zuletzt vor allem als Inspiration für den Endkunden dienen und die Möglichkeiten zur Individualisierung zeigen.

 

DIE HOOKIE COMPANY IM INTERVIEW

»Jedes großartige Design beginnt mit einer interessanten Geschichte«, schreibt ihr auf eurer Webseite. Wie lautet eure Geschichte?
Der Prozess des Umbaus ist dabei die Geschichte. Obwohl wir schon sehr viele Custombikes realisiert haben, ist doch jeder Umbau immer wieder anders und herausfordernd. Mal passt alles, mal passt gar nichts. Unser Yard Built wird »Grass-hopper« heißen, und wir glauben, genau dieser Name spiegelt sowohl die Geschichte des Umbaus als auch die Charakteristik des Bikes wider. Einerseits springt Nico gerade zwischen den Projekten hin und her, um alles im Timetable fertig zu stellen, andererseits lädt die Geometrie und die Optik der XSR genau zu dieser Assoziation ein.

»Am Anfang passiert alles in Nicos Kopf«

Wenn ihr ein Design entwickelt, wie geht ihr vor? Klassisch mit Papier und Bleistift, digital am Computer oder doch lieber frei aus dem Kopf?
Nico ist ein Kopf-Designer-Mensch. Am Anfang passiert alles in seinem Kopf. Dann, nach ein paar Tagen, sprudeln die Ideen aus ihm heraus und er skizziert das Konzept auf seinem iPad. Er passt definitiv immer seinen Workflow an und versucht, dabei auch immer wieder neue Techniken zu nutzen. Das macht seinen Stil auch am Ende so einzigartig und spiegelt exakt unseren Markenwert »play hookie« wider.

Die Köpfe hinter der Dresdner Motorradmanufaktur Hookie Co., von links nach rechts, 1. Reihe: Nico, Sylvia, Robert, 2. Reihe: David, Richard, Stephanie und Max

Wie viele Mitarbeiter sind bei euch in das Projekt eingebunden und wie ist die Aufgabenverteilung?
Aktiv sind es nur Nico und als Assistenz Richard. Natürlich kommt David, unser Foto- und Videograf, immer wieder dazu. Sylvias Meinung ist für Nico immer mit einer der wichtigsten Facts, was Design, Idee und Wirkung angeht. Robert stellt immer sehr gute Fragen, die manchmal zu neuen Ideen anregen. Und Stephanie schaut zu und begeistert sich am meisten für den 3D-Druck. Aber Nico setzt den Yard Built komplett alleine um.

Yamaha XSR 700 – Ein schöner Mix aus Zubehör und Hookie-Parts

Neben dem Yard Built muss natürlich auch das Tagesgeschäft weitergehen. Wird bei euch dann auch abends und an den Wochenenden geschraubt?
Dies ist eine unserer Regeln: An Kundenprojekten oder Yard Builts arbeiten wir ausschließlich zu den Geschäftszeiten. Danach kommt die Familie dran oder auch die eigenen Projekte.

Stichwort Teile: Setzt ihr mehr auf eigene Entwicklungen oder bedient ihr euch auch im Yamaha-Zubehörkatalog und im Aftermarket?
Eine gute Mischung daraus. Nico versucht immer, einen schönen Mix aus Zubehör und Hookie-Parts zu verbauen. Er legt dabei auch immer großen Wert darauf, neue Produkte zu testen.

Vom Entwurf bis zum fertigen Ergebnis ist es ein weiter und mitunter steiniger Weg. Erst recht, wenn am Rahmen nichts geändert werden darf

Eine der Grundregeln für den Yard Built lautet: »Don’t touch the frame«. Welchen Einfluss hatte das auf euer Konzept?
Genau diese Grundregel macht den Unterschied und ist für uns die Herausforderung. Nico, unser Chief bei allen Themen, die das Design des Motorrads betreffen, liebt es Lösungen zu entwickeln, die auf einen »untouched frame« passen.

Yamaha XSR 700 – Alles dreht sich um den Tank

Kaum ein Umbau verläuft ohne Hindernisse oder Probleme. Welche musstet ihr überwinden?
Bei den modernen Umbauten ist es immer der Tank. Denn sobald das Konzept einen neuen Tank beinhaltet, müssen viele Dinge beachtet werden. Fassungsvermögen, Benzinpumpe, Halterung usw. Das nimmt aktuell am meisten Zeit in Anspruch und erfordert viel Know-how.

Auffälligste Änderung ist der Tank, den Nico komplett neu gestaltet und mit Acrylab-deckungen versehen hat

Hat man manchmal nicht Lust, einfach alles hinzulegen, sich umzudrehen und die Tür hinter sich zuzuschließen?
Klingt nach einem typischen Montag. Ja, natürlich möchte man am liebsten manchmal von vorn anfangen, aber dies ist doch auch eine Motivation weiterzumachen. Geht nicht, gibts nicht.

Ist der Yard Built eine Herausforderung?
Nico macht jedes Projekt zu einer Herausforderung. Er macht es sich selbst schwer, wächst aber an jedem Projekt enorm. Diesmal nutzt er erstmalig den 3D-Druck sowie andere Materialien. Mal sehen, was das für weitere Projekte von Hookie bedeutet.

Info | hookie.co  |  yamaha-motor.eu

 

Christian Heim