Die Sachs MadAss ist eines der schrägsten Mokicks, die man seiner Zeit kaufen konnte. Wenn dann auch noch ein motorradverrückter Steinmetz sich des Teils annimmt und seine Handwerkskunst einfließen lässt, wird es richtig kurios

Vor ziemlich genau achtzehn Jahren zeigte der Nürnberger Hersteller Sachs Bikes auf der Intermot in München einen Prototyp Namens RC 505 – ein wildes, freches Teil, aufs Wesentliche reduziert und mit ein paar coolen Parts ausgestattet. Mit diesem Mokick wollte man ein aussterbendes Segment wiederbeleben, das unter einer schwindenden Käuferschaft litt und kaum noch junge Menschen für den Einstieg in die Zweiradklasse begeistern konnte.

Jürgen Krämer – Motorradliebhaber und Steinmetz – mit seiner umgebauten Sachs MadAss

Unter dem Namen »MadAss« kam das Mokick in verschiedenen Motorisierungen auf den Markt und war schon mit seiner Erscheinung zum Scheitern verurteilt. Obwohl die Designer alles richtig gemacht hatten, das Teil an Coolness nicht zu überbieten war – die Zeiten hatten sich geändert und auch die MadAss lockte nicht die Masse an jugendlichen Käufern an, die ein Überleben gesichert hätten. Und so verschwand eines der hippsten Mokicks wieder in der Versenkung oder in manchen Garagen, bis sie von Enthusiasten wie Jürgen ausgegraben und wiederbelebt wurden.


Jürgen stolperte bei eBay über die Sachs

Dabei war die MadAss für Jürgen eigentlich nur ein Zufallsfund: »Ich habe sie bei eBay entdeckt und letztlich nur gekauft, weil sie billig war. Sonst gab es gar keinen besonderen Grund«, erklärt der Steinmetzmeister das erste Aufeinandertreffen mit der Sachs. »Dabei ist mir sogar das Modell egal, Hauptsache es ist günstig und bewegt sich im Rahmen von drei- bis vierhundert Euro.«

Was nicht in der heimischen Werkstatt gebaut werden konnte, wurde im Internet beschafft

Die MadAss wechselt den Besitzer und erweitert fortan Jürgens Sammlung, die sich mittlerweile auf rund fünfzig motorisierte Zweiräder aller Kategorien und Klassen beläuft. »Das Ding stand über zehn Jahre beim Vorbesitzer herum, der sie neu erworben hatte. Nicht einmal einhundert Kilometer standen auf der Uhr.« Allerdings scheint der Wechsel das Dasein eines Standbikes eher zu verlängern, als zu beenden. Denn auch bei Jürgen vegetiert die kleine MadAss weitere Monate herum.


Der Steinmetz wollte die MadAss eigentlich wieder loswerden

»Ich habe mich einmal draufgesetzt und es hat weder gepasst noch habe ich mich wohl gefühlt«, gibt Jürgen offen zu. Dazu muss man aber wissen, dass der Hesse über 1,90 Meter groß ist und so ein Mokick schnell unter sich begräbt. Letztlich fasst er den Entschluss, sich wieder von der MadAss zu trennen und bietet sie auf verschiedenen Verkaufsplattformen an. »Aber da hat sich nichts bewegt. Als dann auch noch das freche Angebot von gerade mal einhundert Euro kam, habe ich beschlossen, dass das Ding bleibt und umgebaut wird.«

Wenn man genau hinschaut entdeckt man die Tücken von Stein. Das gebrochene Granitsstück klebte Jürgen einfach wieder zusammen

Jürgen grübelt, macht sich Gedanken, was er aus dem Mokick machen kann. Warum nicht die Leidenschaft zum Stein mit jener zu den Motorrädern verbinden und etwas völlig Verrücktes wagen? »Bei Pinterest habe ich nach vergleichbaren Modellen geschaut und mir Anregungen geholt.«


Ein langer »steiniger« Weg begann

Einen ersten Versuch aus Stein wagt er mit dem Kickerpedal und präsentiert es in seiner WhatsApp-Gruppe. Die Resonanz ist gut, beflügelt ihn weiterzumachen, und nach und nach kommen die Ideen, ergibt sich ein Bild, wie seine MadAss einmal aussehen soll. Es ist der Beginn einer monatelangen Reise, die im September vergangenen Jahres beginnt und inzwischen so gut wie abgeschlossen ist.

Es muss nicht immer alles aus Metall sein

Jürgen wagt sich an die Fußrasten und an andere Kleinteile, macht dann den Sprung zu einer Handschaltung samt Fußkupplung und verbaut sogar ein Gaspedal. Mit jedem Schritt wird die MadAss abgefahrener, individueller, finden mehr Teile aus brasilianischem und norwegischem Granit den Weg ans Bike. Dabei muss Jürgen immer wieder Umwege in Kauf nehmen, denn die Bearbeitung von Stein erfordert entweder spezielle Maschinen oder ausgeklügelte Arbeitsschritte, um das Ziel zu erreichen.

Der Rahmen sollte starr und tief liegen

»Der Umbau hat plötzlich so eine Eigendynamik entwickelt und eins kam zum anderen, so wie die Idee zum Starrrahmen.« Jürgen entfernt das Zentralfederbein, legt den Rahmen damit nicht nur starr, sondern auch extrem tief. Dazu muss er einen neuen Auspuff bauen, denn die werkseitige Underseat-Konstruktion hat nun keinen Platz mehr. Stunde um Stunde verbringt er meist nach Feierabend oder an den Sonntagen in seiner Werkstatt und bearbeitet Stahl und Stein.

Scheibenbremsen vorne und hinten bringen die knapp 95 Kilogramm schwere MadAss zum Stehen

Alleine für den Schaltknauf gehen rund drei Stunden drauf. »Und den habe ich komplett in Handarbeit hergestellt, geflext, geschliffen und poliert.« Rund zweihundert Stunden verschlingt der Umbau, der Betrachtern meist ein großes Staunen ins Gesicht zaubert. »Das liegt wohl hauptsächlich an den vielen Granitteilen. Die meisten denken dann sofort, dass das Bike unglaublich schwer sein muss, denn nur wenige wissen, dass die Dichte von Granit und Aluminium ziemlich gleich ist.«


Der Kennzeichenhalter aus Stein ist noch in der Mache

Auch beim Lack orientiert sich Jürgen mehr in Richtung Natur denn Hightech. »So eine aufwendige Lackierung hätte gar nicht dazu gepasst. Olivgrün hatte ich noch da, also habe ich das Bike einfach mit dem Pinsel gestrichen.« Lediglich ein Kennzeichenträger fehlt noch, klärt Jürgen auf. Der wird auch aus Naturstein gefertigt und bekommt sehr wahrscheinlich ebenfalls Schriftzüge in Odenwälder-Mundart eingemeißelt.

Jetzt hat Jürgen die wohl individuellste MadAss, die man sich vorstellen kann

»Ich steh’ da drauf. Auf seine Mundart sollte jeder stolz sein«, grinst der Hüne und gibt ein letztes Geheimnis preis. »Alles ist rückbaubar und die MadAss kann jederzeit wieder als Original dastehen.« Bloß nicht, möchte man da rufen, denn das »Kassdembaik von Schdoaameddz Dessoin« hat einfach Charme – und einen viel größeren Coolness-Faktor.

 

Handwerk Steinmetz

Stein zu bearbeiten erfordert viel Erfahrung und Wissen sowie handwerkliches Können. Da Steinmetzmeister jürgen über keine speziellen Maschinen verfügt, muss er mit ausgeklügelten Arbeitsschritten und vor allem viel Zeit an die Bearbeitung der einzelnen Teile herangehen. Seine Hauptwerkzeuge sind der Trennschleifer und eine Standbohrmaschine

Für die Arbeit mit Granit braucht es Gefühl und Erfahrung