Wie eine Honda CB 750 F einst die Harleys in die Schranken verwies und zum Sieger der East European Championship gewählt wurde

Es mag das Gerücht geben, aber wie das so oft mit Gerüchten ist: Irgendwann werden sie von der Realität widerlegt. Man braucht keine Harley-Davidson, um einen Top-Preis in einer internationalen Bikeshow abzuräumen! Es geht auch mit einem japanischen »Four«.

Honda CB 750 Four – ein Klassiker der Motorradgeschichte

Fakt ist: Dieser coole Old Style-Bobber wird von einem Honda-Motor angetrieben, der aus einer Zeit stammt, als in Milwaukee noch Shovelhead-Motoren vom Fließband kamen.  und  die »Factory« in den letzten Zügen schien. Dieses CB 750 F-Doppelnocken-Triebwerk ist jetzt 46 Jahre alt. Es hat von Sportbikes bis zum Soft-Chopper eine ganze Reihe Honda-Motorräder angetrieben.

Vor allem in der 900-ccm-Version gelangte die Honda Bol d‘Or zu Ruhm. Doch auch der verwandte CB 750 F-Vierzylinder macht Laune

Als in Europa der Eiserne Vorhang fiel und die deutsche Einigung die Schlagzeilen bestimmte, wählte ein Volk in Osteuropa einen anderen Weg: Den der Teilung und Abspaltung. Die Gunst der Stunde nutzend, spaltete sich die Tschechoslowakei in Slowakei und Tschechische Republik, zog zwischen sich eine Grenze hoch und ging fortan getrennte Wege. In Sachen Customizing hat sich in dieser Zeit in Osteuropa einiges getan,. Aber den echten Durchbruch als Freizeitbeschäftigung und Selbstverwirklichung haben weder Custombikes noch Harley-Davidson am Ende wirklich geschafft. Schließlich war das Motorrad auch 40 Jahre nach Kriegsende noch ein Arme-Leute-Alltagsfahrzeug. Das sitzt tief!

Honda CB 750, auch in Osteuropa ein Thema

Abhilfe schafften da Events wie das Euro Bike Fest und Show-Serien in mehreren osteuropäischen Ländern. So baute das »Euro Bike Fest« früh auf Messen und Bikeshows wie der Czech Performance und der »Bohemian Custom Show« auf. Es verbindet damit bis heute auf besondere Weise die Ansprüche der östlichen Biker und Customizer. Eine hochklassige Bikeshow mit Teilnehmern aus Ost und West, Konzerte, Biker Action und seit einigen Jahren sogar Dirt Track-Rennen sorgen für Abwechslung.

Stolz zeigt Pavol den Pokal der East European Championship. Sein Sieg beweist: Es muss kein US-Twin sein!

Der ATC Merkur Campground in Pasohlávky liegt direkt an einem Stausee, von dem aus man auf die Berge von Südmähren blickt. Leere Straßen, gutes Essen, Wein und innovative Motorrad-Umbauten in einer lockeren Atmosphäre lassen dieses Treffen bereits seit 2009  jedes Jahr wachsen. Auch Hersteller und Aftermarket-Händler engagieren sich seit der Gründung beim Euro Bike Fest. Das machte die Ausrichtung einer »East European Championship« überhaupt erst möglich.

Ein Steinwurf in die Slowakei

Knapp 100 Aussteller aus ganz Osteuropa zieht es mittlerweile nach Mähren. Wobei, ein Event nach einer Stadt zu benennen, die es nicht mehr gibt, klingt seltsam, denn Musov versank in dem Stausee an dem der Event stattfindet. Von der Slowakei aus ist Musov nur einen Katzensprung entfernt, was auch Pavol Faragula und seine Kunden zu Stammbesuchern und Teilnehmern des Events machten.

Sein Shop im slowakischen Moravsky Svaty Jan heißt »XXL-LM« und schon früh haben seine Bikes Eindruck gemacht. Für das Honda-Projekt setzte Pavol auf einen klassischen Motor, zu seiner Zeit eine modernisierte Neuauflage des legendären Honda 750 Four, mit dem der Motorradboom der 70er Jahre eingeläutet wurde. Wer sich noch 40 Jahre zurückerinnern kann, dem erscheinen diverse AME-Chopper mit Bol d’Or-Motoren vor Augen. Auch Honda baute den Motor in einen Softchopper und sah damit im Vergleich gar nicht so schlecht aus.

Honda CB 750 im Starrrahmen – ein Trend aus England

Hardcore-Starrrahmen-Bikes mit 750er- und 900er-Bol d’Or-Vierzylinder gab es vorwiegend in England zu sehen. Dort kannte man beim Rahmenbau keinerlei Hemmungen. Und ein 1980er 750 ccm Honda-Four, ist noch immer ein zuverlässiger Motor, der mit seiner Vierfachbatterie von Vergasern auch gut aussieht. Das Triebwerk wurde komplett zerlegt und restauriert. Es präsentiert sich nun in faktisch neuwertigem Zustand. Die 4-in-2-Anlage ist handgefertigt und mit stilechten »Trumpet«-Endtöpfen ausgestattet.

Auch der Rest dieser Maschine ist – wie man es von Pavol gewohnt ist – fast kompletter Eigenbau. Woher sonst soll auch ein Rahmen für einen fast schon antiken Motor kommen? Anleihen beim Old School-Trend und der Harley-Szene sind unverkennbar: Fußrasten und Bremsen stammen von einer Sportster, die Springergabel ist eine WLC-Replica.

Ambitioniert bremsen

Mit einer einzelnen Sportster-Scheibe die immerhin 78 PS zu stoppen, klingt reichlich ambitioniert. Aber weder in der Slowakei noch den umliegenden Ländern ist die Verkehrsdichte am Wochenende eine Herausforderung. Natürlich ist die »Scrapper« aber kein Alltagsbike mit dem man jeden Tag zur Arbeit brummt. Das unterstreicht auch der Sitz. Im Schuppen seines Großvaters fand Pavol einen alten Fahrradsattel der bestens zu seinem Projekt passte.

Recycling: Der gefederte Ledersattel stammt von Opas altem Fahrrad

Kein Wunder, dass dieses Bike auch schon bei der Endabrechnung beim Euro Bike Fest ganz vorne lag. Manchmal ist weniger einfach mehr: Ein Champion bis zur letzten Schraube!

 

Info | Euro Bike Fest

 

Horst Rösler
Freier Mitarbeiter bei

Diplom-Ingenieur Horst Rösler ist Jahrgang 1960 und unter seinem Nicknamen »Motographer« seit Jahren einer der wahrscheinlich meistveröffentlichten Bildjournalisten in Sachen Custombikes auf Harley-Davidson- und V-Twin-Basis. Als Plastikmodellbauer seit jungen Jahren, schrieb er von 1979 bis 2009 zunächst als freier Mitarbeiter, später dann als Redakteur für Motorräder für die Fachzeitschrift »Modell Fan« und von 1980 bis 1985 für das Motorradmagazin »Visier«. Seit 1992/93 ist er freiberuflich für deutsche und internationale Custombike-, Harley-Davidson- und Motorradmagazine tätig. Horst ist ein Szene-Urgestein und es gibt wohl kaum ein Event auf diesem Planeten, wo er nicht anzutreffen ist. Sei es als Organisator für Bikeshows oder als Fotograf unter anderem für die AMD World Championship von 2004 bis 2010. Als der »Motographer« ist er weltweit auf verschiedenen Harley-Events unterwegs und spezialisiert auf Randthemen oder zunächst kaum beachtete Newcomer der Customszene. Das bestmögliche Bildmaterial bereitzustellen gehört ebenso zu seiner Passion wie die intensive Suche nach Originalquellen, Zeitzeugen und die Zuordnung von Motorrädern in ihren geschichtlichen Hintergrund, wobei er nicht nur auf Custombikes beschränkt ist.