Was unterscheidet eigentlich die alten US-Rennklassen AMA Class A und Class C? CUSTOMBIKE vergleicht eine zum Bobber abgespeckte Harley-Davidson WLA mit einem seltenen WLDR-Renner.
»Es gibt da ein Bild von mir, als ich an meinem fünften Geburtstag den kurz zuvor als Geschenk überreichten Spielzeug-Schaufelbagger komplett zerlege, nur um nachzusehen wie alles funktioniert.« Keine Frage, Holger war schon immer von Technik fasziniert. Über die zwangläufigen Stationen Tretroller, Fahrrad, Mofa, Moped und Kleinkraftrad landete der Schrauber bei seinem ersten Motorrad, einer Honda XL 500 S. Ehrensache, dass auch diese umgebaut und optimiert wurde.
Nähmaschinen-Charakter
Doch spätestens Ende der Siebziger Jahre begann die Ära der seichten Motorräder, der Ausgleichswellen und laufruhig summenden Motoren. »In Anlehnung an eine ähnliche Motorcharakteristik haben wir die damals aktuellen Bikes immer als „Singer Voll-Zick-Zack“ bezeichnet«, lacht Holger.

»Für mich musste und muss das Motorrad als Spaßgerät einen ausgeprägten Charakter haben, der gerne rauh sein darf und den Fahrer als integralen Bestandteil mit einbezieht. Eine art Elektromotor, der laufruhig summend, wie ferngesteuert seine Bahnen zieht, war mir einfach als Feierabendausgleich zu langweilig.«
Eine Vorliebe für Ami-Eisen
Heute hat der gelernte Diplom-Ingenieur einen Feierabendausgleich mit rauem Charakter hat er auch schnell gefunden: »Schon bald habe ich meine Vorliebe für alte US-Bikes entdeckt – vor allem die alten Seitenventiler haben mich fasziniert.« Anfang der Neunziger Jahre wurde Holger dann immer wieder von anderen »Vibrations- und Drehmoment-Abhängigen« gebeten, ihm bei der Instandsetzung und Restauration ihres antiken US-Eisens zu helfen.

1998 meldete er dann ein Kleingewerbe an. Anfangs ging es noch darum, alte Harleys und Indians mit originalen Ersatzteilen soweit zum Laufen zu bringen, dass Kunden und Kumpels damit zu lokalen Oldtimertreffen fahren konnten. »Und nach Möglichkeit auch wieder ohne fremde Hilfe zurückkamen«, ergänzt der patente Mittelfranke. Mit Anfang des neuen Milleniums stiegen dann die Ansprüche.
Die Krux mit den Nachbau-Teilen
Größere Touren waren angesagt, die sich auch mal über mehrere hundert Kilometer erstrecken konnten. »Dummerweise gingen mir langsam die Bestände an Originalersatzteilen aus. Ich musste auf nachgefertigte Teile zurückgreifen«, erinnert sich Holger nur ungerne an deren individuellen Passgenauigkeiten.

Nach und nach entwickelte sich so ein kompetentes Netzwerk aus Individualisten und kleinen Firmen, die in der Lage sind, Ersatzteile in exzellenter Qualität vor Ort nachzufertigen. Holger etwa hat sich mit seiner Marke »SideValve« auf selten gewordene Tuning-Komponenten für die alten Seitenventiler sowie Restaurations- und Tuningdienstleistungen spezialisiert.
Renntechnik der 30er
Mit seiner eigenen Harley-Davidson WLDR von 1938 testet er die prähistorische Renntechnik auf der Straße und bei Veteranenrennen auf Tauglichkeit. Bis er zu seinem »richtigen« Sidevalve-Racer kam, sollte jedoch ein wenig Zeit vergehen. Alle kompletten Maschinen waren in festen Händen. Zudem sind Teile selten und daher nur schwierig zu bekommen.

Mit etwas Glück ergatterte Holger einen Rahmen mit den gewünschten Verstärkungsstreben im Heck und ein WLDR-Motorgehäuse mit original Serien-Nummer. Um diese beiden Komponenten herum entstand dann ein straßentaugliches Bike nach dem Vorbild der amerikanischen AMA Class A-Rennmotorräder der 30er Jahre. Holger bestückte den 750 ccm-Flathead-Motor mit einer verstärkte Truett & Osborn-Kurbelwelle mit Sportster Pleuelsatz und eigengefertigtem WR-Hubzapfen.
Stramme 32 PS für die antike Harley-Davidson
»Als Zylinder benutzte ich umgerüstete Nachbauzylinder mit größerem Inlet-Nipple, größeren Einlassventilen sowie von Hand nachgearbeitem Einlass- und Strömungsbereich im Brennraum«, verrät der Techniker seine Rezeptur zur Leistungssteigerung auf stramme 32 PS. Zu mehr Pferdestärken und höherer Zuverlässigkeit tragen auch nachgefertige Rennnocken, ein Morris Fairbanks Magneto und ein 1 1/2“ M53-Vergaser mit Bombsight-Venturi ihren Anteil bei.

Bei der Blechgestaltung orientierten sich die Side Valver an den Tourist Trophy-Modellen. Leichte, aber gründlich verstärkte Schutzbleche wurden mit den Haltestreben aus Bandstahl vernietet. Alle Halterungen und auch der Kettenschutz entstanden aus Stahlblech. 18 Zoll-Felgen ergänzten die Renntechnik des Class A-Renners.
Ein ehrlicher Bobber
Auch Stefan stand der Sinn nach einer alten Harley. Ein klassischer, ehrlicher Bobber sollte es werden. Als Basis erstand er bei SideValve eine 1943er WL(A), die als originalgetreue Zivilmaschine restauriert war. »Stefan war dann so mutig, das zu tun, was damals viele amerikanische Motorsportenthusiasten getan haben«, zeigt Holger auf den fehlenden Frontfender.

Weil während der Rezession der 30er Jahre kaum Geld für Umbauten vorhanden war, haben die üblicherweise in der AMA Class C startenden Fahrer ihre Maschinen mit einfachsten Mitteln renntauglich gemacht. »Tuning war in der Class C verboten, also haben die Fahrer darauf gesetzt, ihre Maschinen leichter zu machen.«
Serienmäßige Leistung
So hat auch Stefan den 23 PS-Motor serienmäßig belassen und stattdessen den kompletten vorderen Fender und das klappbare Teil des hinteren Fenders entfernt. Da das Class C Reglement unter anderem vorsah, dass die Fahrer auf ihren Maschinen zu den Rennen anreisten, war es natürlich sinnvoll, die Beleuchtung beizubehalten. Rücklicht und Nummernschildhalterung mussten dazu versetzt werden, da sie ja normalerweise am jetzt fehlenden, klappbaren Teil des hinteren Schutzbleches angebracht waren.

Um das Heck seiner Maschine reifenoptisch sauber zu halten, hat Stefan, der als gelernter Innenarchitekt zur Zeit als Bau-Projektleiter arbeitet, sich im »quick fix-Modus« aus einem Stück Bandstahl eine aussenliegende Kennzeichenhalterung gebaut. Für das Rücklicht wollte er etwas besonderes, das dennoch den Möglichkeiten der 30er Jahre entspricht. Die Lösung fand er in einem vorderen Fender-Light, das herumgedreht, mit rot lackierten Gläsern und Bilux-Fassung bestückt nun nach hinten strahlt.
Individuelle Rücklichtvariante
»Also mir gefällt‘s, ich habe diese Rücklichtvariante zuvor noch nirgends gesehen«, nickt Holger anerkennend. Doch nun muss er sich wieder dem Anbau seines selbstgebauten 1 1/2“ WLDR Manifolds widmen, um den antiken Vergaser mit den Zylindern verbinden zu können. Und eigentlich ist alles wie damals, als er den neuen Spielzeug-Schaufelbagger obduziert hat …

Info | SideValve
















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