Diese Harley-Davidson Ironhead zeigt: Kreativität darf durch nichts behindert werden, vor allem nicht durch Plan, Ziel oder Absicht
Dieses österreichische Linz scheint eine gesegnete Stadt zu sein. Warum sonst hätte man eine Torte nach ihr benannt? Hineingetupft in eine liebliche Landschaft windet sich die Donau in einer lieblichen Schleife hindurch, und lieblich erklänge ihr Rauschen, wenn nicht so ziemlich die Hälfte des Geländes der Stadt von einem Hafen in Anspruch genommen würde. Genau hier entstand diese Harley-Davidson Ironhead.
Schrauben am Hafen
Es ist der größte Binnenhafen an der oberen Donau, in dem jährlich dreieinhalb Millionen Tonnen Güter umgeschlagen werden. Da der Laden dort brummt, ist das Gelände von einer anderen Segnung verschont geblieben, dem Segen der Gentrifizierung. Im Unterschied zu Hafen- und Bahnhofsarealen, die jetzt mit energieeffizienten Eigentumswohnungen für geldschwere Angestellte aus der IT-Branche zugeschissen sind, hat Linz noch einen echten Hafen.

Die Geräusche dort sind alles andere als lieblich. Das ideale Revier für Freigeister, wenn’s ums Schrauben und Dengeln geht. Hier führt Fabian Feldweber seine »Hafengarage«, baut freigeistige Bikes und gibt ihnen niemals einen Namen. Gut so. Denn ihr wisst, es gibt Frauen, die nennen ihren Ford K oder Fiat 500 »Kurtchen« oder »Knutschkugel«. Da darf ein Mann schweigen oder höchstens mal das Lied vom Tod auf der Mundharmonika spielen.
Harley-Davidson Ironhead – Verölt und Verbaut
Oder er baut Motorräder. Natürlich schwarz. Ohne Philosophie, ohne wirkliches Designkonzept und ohne großes Geschwalle. Eines der ersten Projekte von Fabian war die Ironhead-Sportster, die im Jahr 2016 in veröltem und völlig verbauten Zustand den Weg in seine Hafengarage fand. Daraus sollte einfach nur etwas werden, das schlicht, schlank und zeitlos wirkt. Entstanden ist es in zahllosen Nachtschichten neben einem Fulltime-Job.

Fabian steht auf alte Harleys, irgendwie auf alles aus der Shovelhead-Ära. Eine entsprechende Knochigkeit konstatieren wir auch hier. Er beließ den Motor in seiner Bettung, jedenfalls im Vorderteil des Rahmens. Hinten ersetzte er die Schwinge durch ein starres Anschraubheck. Das ist auch in Österreich nicht mehr so einfach, mit der Vorlage einiger Schweißgutachten sollte es aber, womöglich ein letztes Mal, klappen.
Bis zur letzten Schraube
Damit stand schon mal die Linie, jetzt musste nur noch drangeschraubt werden. Je nachdem, wie man »nur« definiert. Und ja, ein bisschen Anarchie ließ der 29-jährige Fabian walten. »Erst als die Harley bis zur letzten Schraube zerlegt war, fing ich an, mir Gedanken darüber zu machen, wie sie mal aussehen soll.« In seiner Generation übt man sich im Ausprobieren.

Hier mal ein Luftfilter, der die Luft nicht filtert, sondern nur das ungewollte Verschlucken von Vögeln verhindert und deshalb im amerikanischen Slang auch »Birddeflector« heißt. Dort eine Ölleitung aus Messing, weil auch ein bisschen Steampunk ins anarchistische Konzept passt, das ja kein Konzept sein darf.
Harley-Davidson Ironhead – Ohne Plan, einfach drauflos
Und schließlich, weil sonst eine Fahrt im öffentlichen Straßenverkehr nicht möglich ist, eine Schalldämpfer-Anlage von BSL. Streetlegal ist es dann eben doch. Was unterm Strich rauskommt, kann dann schon mal eine Überraschung sein. Nichts hatte Fabian dazu im Kopf, keine Zeichnung, keinen Plan, er hatte einfach drauflosgeschraubt. Im weiteren Sinn ist seine namenlose Sportster eine Anhäufung von Einfällen.

Um so mehr gemahnt uns sein Bike an irgendwas, und das ist wirklich eine Überraschung. Wir denken an den Stil der Japaner, die irgendwie immer gegen alles querschossen, was wir als abendländische Ästhetik voraussetzten. Die Japaner aber folgten eigenen Gesetzen, und auch ein Ikebana-Blumenstrauß ist mit mitteleuropäischen Maßstäben nicht zu messen und erst recht nicht zu erklären.
Kreuz und Quer
Linienführung ist was anderes, denn hier schießt alles kreuz und quer. Aber unterm Strich bildet es eine Einheit, die wir nicht zu definieren vermögen. Ist das nun Steampunk, Oldschool oder Bratstyle? Ist es überhaupt Chopper? Wir wissen es nicht.

Es ist in jedem Fall eine versöhnliche Visitenkarte von Linz, das vielleicht mal lieblich sein wollte, dann aber leider Adolfs Patenstadt wurde. Doch jetzt rollt durch ihre Straßen zum Glück ein bisschen Anarchie, und die Farbe der Anarchisten ist nicht das blutige Rot, sondern das namenlose Schwarz. Keine Macht für niemanden!






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