Sie gilt als Willie G. Davidsons erster Entwurf und wird heute als das allererste Factory Custom gefeiert. Die FX Super Glide war äußerst umstritten. Ein Rückblick …
Wir springen zurück in die sechziger Jahre. Neverrainingcalifornia ist ein Landstrich an der Westküste der Vereinigten Staaten. Hier im Paradies, wo sich die »Hippies« aus ganz Amerika versammelt und die freie Liebe ausgerufen haben, werden unter dem Einfluss von bewusstseinserweiternden Drogen alle Varianten des Daseins exzessiv erkundet.

In dieser Gegend, wo das Wetter es das ganze Jahr gut mit uns Motorradfahrern meint, war seit den Dreißigern auch eine von der Normalität abweichende Art von Motorrädern in stetiger Entwicklung entstanden. Wobei Joints oder ähnliche Helferchen in den letzten Jahren sicherlich geniale Eingebungen brachten. Waren in den Fünfzigern die coolsten Bikes schon aufs Minimalste gestrippt, vor Chrom glänzend und mit hohen Lenkern versehen, sind sie nun zudem auffallend lackiert und werden schon seit geraumer Zeit auch mit überlangen Gabeln ausgestattet.
Wie die Hippies
Die Fans nennen diese herausgeputzten Motorräder »Chopper«. Viele Fahrer geben sich selbst ein ähnlich auffälliges Aussehen wie die Hippies: lange Haare, Bärte und verrückte Klamotten. Hauptsächlich aber kommen die Impulse für die Chopper von den Kerlen mit den schmierigen, ölversifften Jeans und ärmellosen Levis-Jacken.

Und solche Kerle schlagen bewusst einen Keil in die so heil wirkende Welt der Amis. Ein braver Bürger geht ihnen besser aus dem Weg. Auch beim Harley-Dealer werden die wild aussehenden Figuren nicht gerne bedient. Harley-Davidson selbst distanziert sich von den Leuten mit den wilden Umbauten.
Lasst mal den Designer ran!
William Godfrey Davidson hingegen ist anderer Meinung. »Willie G.«, wie ihn seine Freunde nennen, ist der Enkel des Firmengründers William A. Davidson. Er hat ein Grafikstudium in Wisconsin hinter sich und eines für Fahrzeugdesign in Pasadena, Kalifornien, durchlaufen.

Bis 1963 die Anfrage von Harley-Davidson kommt und er daraufhin in deren Designabteilung wechselt, ist Willie G. Davidson erst einmal Designer für Auto-Teile-Hersteller. In Kalifornien erlebt Willie G. die Auswüchse der »Kustom Kulture« hautnah. Als Mittdreißiger sind ihm die Gedanken und Wünsche der Hot-Rod-, Muscle-Car- und Chopper-Fans durchaus verständlich.
FX Super Glide – ein altes Design
Schließlich in der Designabteilung von H-D tätig, erinnert er sich an diese Wünsche. Warum also sollten seine Ideen nicht in die kommenden Harley-Modelle einfließen? Willie G. hat mit seinen Gedanken keinen leichten Stand.

Erst als die japanischen Hersteller auf den Markt drängen, wächst sein Einfluss. Geht es nach ihm, ist es allerhöchste Zeit für eine abgespeckte Ausführung der üblichen Dickschiffe. Das Design der FX Super Glide hat der Gründerenkel schon seit 1967 in der Schublade, aber es bedarf noch der Eisbrecher-Wirkung des Films »Easy Rider«.
Ein Mix aus FL und XL
Als die erste Super Glide 1971 endlich vorgestellt wird, ist sie eine Kombination von Rahmen, Motor und Getriebe der 1200 cm³ FL-Electra Glide mit der leichten und schmalen Gabel und dem kompletten Vorderrad der XL Sportster. Diesem Mix zufolge heißt die neue Schöpfung FX. Und deswegen ist auch im Vorderrad die im Vergleich schmale Alu-Hochschulterfelge der Sportster und hinten die breite, verchromte Stahlfelge der FL-Typen eingebaut.

Schlanke Gabeln und natürlich auch Vorderräder gelten derzeit als der absolute Hit in der Chopper-Szene, und das fünf Zoll breite Hinterrad der Electra Glide ist das Muster für alle Chopper-Umbauten. Ab der zweiten Jahreshälfte wird dem Vorderrad auch eine Stahlfelge spendiert. Nun haben beide Räder verchromte Stahlfelgen, und das Motorrad sieht nicht mehr wie ein Bastelobjekt aus – was für viele ein Kritikpunkt war, aber in Hinsicht auf die angepeilte Käuferschicht anfangs durchaus beabsichtigt.
Der erste Chopper ab Werk
Harley versucht, so gut es auf legale Weise möglich ist, dem Chopper-Spirit »weniger ist mehr« zu folgen und spart sich den Elektrostarter, wie er sich an den dicken Electra Glides eigentlich schon gut bewährt hatte. Von den Chopper-Puristen wird er als unnötig angesehen.

An der Super Glide gibt es keine Trittbretter mehr. Diese sind Fußrasten gewichen, die allerdings noch nicht vorgelegt sind. Und die Harley-Techniker hatten sich auch bei der Fußschaltung auf das Minimalste beschränkt.
Call it the Night Train
Sie drehten einfach den Hebel auf der Welle nach hinten, zu den mittig angebrachten Rasten. So ist die Schaltung sehr gewöhnungsbedürftig, weil umgedreht. Es zeigt sich schnell, dass auch die vordere Vollnaben-Trommelbremse nicht gerade der super Griff war.

Die Trommel ist mit den 225 Kilo und den 42 PS am Hinterrad ziemlich überfordert. Die schmale, viel zu schnell durchschlagende Gabel mit der kleinen Vorderlampe und der neckischen Alu-Abdeckung stammt wie auch die Bremse von der potenten, aber viel leichteren XLH-Sportster. In einer der ersten Anzeigen, die Harley-Davidson schaltet, steht unter dem Bild des Motorrades zu lesen: »Super Glide FX – Call it the Night Train.«
Das Heck wird zum Ärgerniss
Und wer sich so ein Motorrad zulegt, nennt seine neue FX folgsam auch Night Train. Bei der Super Glide handelt es sich quasi um die werksseitig gelieferte Basis eines Choppers. Aber was ist mit dieser hässlichen Sitzbank?
Die Harley-Fahrer geben der neuen FX Super Glide ihretwegen den Schimpfnamen »Boat Tail«, was zu Deutsch Bootsheck heißt. Das ungeliebte Teil fliegt bei den meisten FX-Fahrern schlicht in die Abfalltonne und wird mit einer der vielen in den Magazinen angebotenen Sitzbänke »veredelt«. Was heute eben eine perfekt restaurierte 1971er FX Super Glide – Night Train – zum Sammlerstück macht.













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