Vor 70 Jahren provozierten heimkehrende Soldaten mit britischen Motorrädern die US-Szene. Alan Bernard und sein Harley Cafe Racer sind der Beweis für den Gegenschlag
Es ist ein ständiges Hin und Her. Die Transatlantikroute transportierte einst europäische Maschinen nach Amerika und »Negermusik« nach Europa, beides ein Kulturschock für die jeweils andere Seite. Ein kleiner Knöterich wie die deutsche DKW RT 125 wurde selbst von der Mutter des Hubraums in Milwaukee nachgebaut und zum meistkopierten Motorrad der Geschichte, handliche britische Bikes nötigten zur Harley Sportster.
Gegenseitige Befruchtung
Umgekehrt breitete sich ein Klangteppich über Europa, der zunächst die englischen Rockers und schließlich im Gefolge von Woodstock und Steppenwolf den Schweden-Chopper und aktuelle Events wie die European Bike Week gebar. Und nachdem wiederum Firmen wie die französischen Technoplus oder unser Fred Kodlin ihre Interpretation von Custombikes nach Daytona exportierten, entdecken nun immer mehr US-Boys die europäischen Stilwurzeln für sich. Man schaut sich gegenseitig in die Wiege und entdeckt einerseits den Bobber, andererseits den Caféracer.

Zumal viele aus der amerikanischen Ü50-Generation beispielsweise als Kinder von hier stationierten GIs geboren wurden und vom europäischen Motorsport und britischem Rebellentum der 1960er geprägt sind. Sie wollen sich nun ihren Traum vom Halbstarken erfüllen. Und so wird auch in den USA der ganze Lebensstil zwischen Rock’n’Roll und Rickman-Tuning, zwischen heiligen Stätten wie Ace Café oder »Grüner Hölle« Nürburgring zum Kult.
Begeisterung für Cafe Racer
In den traditionellen Bars und modernen Internet-Foren diskutieren die Fans die alten Stücke von Eddie Cochran und begeistern sich an neuen Veröffentlichungen von Jerry Lee Lewis – und an Bikes wie dem von Alan Bernard und Mike Lima.

Alan ist in Europa aufgewachsen. Er ist Rockabilly-Fan, verabschiedete die Stray Cats auf ihrer letzten Tournee und hat auf dem alten Kontinent langjährige Freunde. In seiner Firma Santiago Chopper in Florida baut er für die Kundschaft natürlich die typischen Stile von Old School bis Highnecker, auch Dresser und Trikes.
Pure Fahrmaschine
Doch der Reiz der reinen Fahrmaschine ließ ihn nie los. Ein Gerät mit Stummellenker und zurück verlegten Rasten, mit lang gestrecktem Tank und Höckerbank musste entstehen. Gemeinsam mit Kumpel Mike hat er es nun auf die leichten Supermoto-Räder gestellt.

Herz ist ein 1500er V-Twin im Harley Panhead-Look, dem legendären US-Klassiker. Im speziellen Rahmen ist er umgeben von schnellen Europäern und Japanern, so leuchtet die Lampe der höllischen Kawa H1 den richtigen Weg. Die Maschine zeigt, worum’s den Amis geht: Um die Verbindung der eigenen Geschichte mit importierter Sportlichkeit, um historische Werte mit aktueller Technik.
Europäische Teile
Zahnriemen-Primärtrieb und filigrane Scheibenbremsen hier, Retro-Rücklicht und klassischer Lack dort. Moderne französische Gabelbrücken, englischer Tank von 1969. Okay, die Federbeine einer leichten 350er Benelli mögen mit dem US-Eisen etwas überfordert sein.

Doch andererseits ist absolute Performance eh nicht dessen Stärke. Die 1967-ccm-Version eines solchen Accurate-Twins wurde 2006 bei einer Rekordfahrt in Bonneville mit etwas über 141 mph (227 km/h) offiziell die weltweit schnellste Pan. Well, das lief eine John Player-Norton mit weniger als dem halben Hubraum schon vor 50 Jahren.
Harley Racer für den Ton-Up-Boy
Aber mit einem unverkleideten Motorrad und dem Sound aus über 1500 ccm über die Schnellstraße zu donnern, bleibt eben ein beeindruckendes Erlebnis. Das im Land der begrenzten Möglichkeiten zudem riskant ist: Auf den meisten Highways schnappt dich jenseits von 88 km/h der Sheriff, und als echter Ton Up Boy mit über 160 Sachen kommst du vermutlich aus Gründen der nationalen Sicherheit sofort nach Guantanamo. Brüder und Schwestern jenseits des Atlantiks, bleibt tapfer, wir sind bei Euch!
















