Frauen spielen in der Umbauszene keine größere Rolle. Dabei können sie die gleiche Leidenschaft fürs Thema entwickeln wie Männer – oder wagt es jemand, beim Anblick von Melanies Sportster was anderes zu behaupten?
Wenn Melanie aus ihrem Leben plaudert, könnte man fast ein wenig neidisch werden. Was hätte man selbst nicht alles aus der eigenen Existenz machen können, hätte man nur ein bisschen was von ihrer Begeisterung, ihrer Lebenseinstellung. An den quirligsten Orten der Welt hat die Frau schon gelebt. Und egal ob in Paris, London, New York oder Los Angeles, Motorräder waren immer dabei.

Das Szenemädel pilotierte schon mit 19 Jahren eine 1954er BSA, fuhr später gechoppte Gixxer, Honda-Racer oder eine gestretchte, starre Exile-Harley, die Russ Mitchell für sie persönlich gebaut hatte. Die Range der Bikes beweist, dass Massenware bei ihr keine Chance hat, Mels Moppeds waren immer umgebaut, die Optik entscheidend. Nachdem sie zahllose rüde und ungezügelte Karren durch die Welt kutschierte, ist aber auch Mel erwachsen geworden.
Ein moderner Cafe Racer
Bei diesem Projekt sollte alles einfacher werden. Leicht sollte das Bike sein, einfach zu manövrieren, schnell dazu und natürlich optisch besonders. Und so entschied sie sich, einen modernen Café Racer bauen zu lassen. Einen, der das berühmte SoCal-Feeling in sich trägt, wo sie doch genau hier, im Süden Kaliforniens, ihre Heimat gefunden hat.

Kein »Glitz and Glamour«-Bike, wie sie schmunzelnd erzählt, sondern eines, das den OCC-Themenschwuchteln und den überladenen Glitzerschüsseln mit kühlem Understatement die kalte Schulter zeigt. In Brandon Holstein und seiner renommierten Werkstatt »Brawny Built« fand sie den Schrauber, der auf der gleichen Welle schwimmt wie sie. In Long Beach fertigt er vornehmlich alltagstaugliche Moppeds, die durch ihre Coolness und nicht durch ihre Chromschicht bestechen. Nicht umsonst baute Brandon zahlreiche Bikes für die kalifornischen »Sinners«, jenen Motorradclub mit Szene-Kultstatus.
Sportlichkeit als oberstes Gebot
Brandon überzeugte Melanie schnell von einer Harley Sportster als Basis für ihren Aufbau. Zwar ist Mel kein ausgemachter Sporty-Fan, Brandon aber wiederum schon. Er baut nahezu alle seine Allday-Bikes auf dieser Basis. Motorseitig pimpte er den V2 nur leicht, versah ihn lediglich mit ein paar Teilen aus dem harleyeigenen Sreamin’ Eagle-Programm.

Um trotzdem die von seiner toughen Kundin gewünschte Sportlichkeit zu erreichen, entschied sich Brandon, entscheidende Teile aus ausgemachten Sportbikes zu entnehmen. So passte er das komplette Frontend einer Buell dem Sportster-Rahmen an. Gabel, Räder und Bremse stammen aus East Troy. Auch im Heck entschied er sich für den 17-Zöller und das Bremssystem von Buell.

Waren die Rahmenänderungen am Frontend ein Klacks, so legte Brandon rückseits kräftig Hand an. Die Schwinge der Sportster entwich zugunsten des Racerlooks, Brandon baute eine komplett neue. Hochgezogen Streben stützen Sitzbank und den eigens gefertigten Öltank. Darunter lugt das kecke Federbein hervor, eine Honda Fireblade spendete das Monoshock. Und Brandon freut sich: »I put the sport back into the sportster.«
»Sie war der Boss«
Mit dem Umbau des Hecks war der größte Brocken aus dem Weg geräumt, der Bau der Auspuffanlage für den Schrauber dagegen fast schon ein Kinderspiel. »Ok, hätte ich das Bike für mich gebaut, hätte ich eine 2-in1-Anlage gewählt, aber Mel wollte es lieber so haben, und sie war der Boss.«, lacht er. Immerhin konnte er Mel davon abringen, die Endrohre mit Tape zu umwickeln. »Mit Sicherheit nicht das Richtige für solch ein Bike«, das Mädel ließ sich überzeugen und so blieben die matten Rohre in ihrer ganzen Pracht sichtbar.

Ähnliche Geschlechterkämpfe hatte Brandon bei der Wahl des Tanks zu führen. Mel war nicht überzeugt davon, dass der originale Sporty-Tank auf den Café Racer passt. Sie mochte den Look nicht, wollte lieber ein aus Alu handgeformtes Spritgefäß, in Anlehnung an die Tradition der europäischen Racer. Brandon aber war vom Original überzeugte und trickste seine Kundin frech aus.
Socal-Style für die Sportster
Als sie mal wieder vorbeischaute, um die Fortschritte an ihrem Mopped zu begutachten, hatte er einfach den Sportster-Tank montiert. Mel erkannte sofort, das passte. Der Tank machte die »Mulato« wie sie ihr Bike fast zärtlich nennt, zu dem SoCal-Style-Bike, das sie sich trotz aller Blicke Richtung Ace-Cafe-Kultur gewünscht hatte.

Und so bekam auch nur der Tank eine Lackierung, die John Edwards, Kopf von Old Tyme Custom Paint, umsetzte. Der Öltank am Rear End darf dagegen weiter in poliertem Aluminium glänzen. Eine schöne Symbiose zwischen Europas Bikerkultur und kalifornischer Leichtigkeit.















