Inbusschlüssel, Bohrerkasten und ein Eichhörnchen – wenn Frau Reuter sich durch den Sommer testet wird’s vielfältig

Das mit dem Inbussschlüssel machen wir später. Denn gerade hocke ich im Erdbeerbeet und packe die Ableger vom letzten Jahr in die Erde. Vorn vorm Haus höre ich Hippies bekackten Roller anknattern, dann klappt die Gartenpforte und dann ist Stille. Na ja, denke ich mir, entweder ist er nun im Stehen eingeschlafen oder er leiert meiner Frau einen Kaffee aus der Bluse. Ich mache ein Loch in die Erde, stecke das Pflänzchen rein, schieb die Erde wieder daneben und stopfe sie etwas fest. Ordentlich mit Wasser angießen. Das nächste Loch. Dann höre ich es in der Garage klappern. »Das kann doch nich angehn«, höre ich Hippie fluchen. Ich zupfe den nächsten Ableger sauber. Hippie kommt aus der Garage den Weg zu mir hochgeschlurft. »Wieso hast du keinen 8er- Bohrer in deiner Schachtel? Den brauch man doch immer! Da is kein 8er drin!« Ich halte das Pflänzchen gegens Licht und setze einen botanischen Kennerblick auf. »Guten Tag, Hippie.« »Äh, ja, hallo. Ich such einen 8er-Bohrer.«

Ein Bohrer bei Frau Kleinfeld

Ich lege den Ableger ins Loch und halte mein Schäufelchen drohend in seine Richtung: »Ich hatte drei 8er-Bohrer! Einen hast du dir geborgt, einer liegt wohl drüben bei Tante Kleinfeld und einen hat mein Sohn seit Wochen. Der ist also weg. Ich bin doch kein Bohrerverleih! Du Sackarsch«, nun hab ich es ihm aber gegeben. Wir setzen uns unter die alte Pflaume, womit nicht meine Frau gemeint ist, sondern die Zwetsche neben den Erdbeeren, und drehen uns eine. »Ich hab keinen 8er mehr«, sage ich. »Ich werde einfach nie mehr ein 8er-Loch bohren. Dann mach ich eben ein 7er oder 9er. Geht auch.« Hippie ist entsetzt. »Dann legen wir zusammen und kaufen ein Bohrerset. Das kann auch bei dir rumliegen, aber dann haben wir schön sortiert alle Größen und man hat eine Übersicht, was da ist und was fehlt und überhaupt.«

Hippie im Glück: Wenn er das nächste Mal herangewankt kommt, gibt’s Bohrer in allen Größen aus der blauen Blechkiste. Mal sehen, wie lange das komplett bleibt – wir ahnen das Schlimmste

Wenn wir für sowas zusammenlegen, bedeutet das, dass ich das bezahle und Hippie mich dann abends bei Burkhard einlädt und mich am Ende nochmal anpumpt. Also willige ich ein. Und dann setzen wir unsere Pudelmützen auf, steigen auf den bekackten Roller und rasen mit 35 Sachen zum Schraubenladen. Zwischendurch sehen wir ein kleines Eichhörnchen und freuen uns sehr. Im Schraubenladen haben wir Glück. Die haben »Maiwochen« und viele Sachen sind im Preis runtergesetzt – darunter ein Bohrermagazin für netto 69 Euro. »Das oder keine«, sag ich zu Hippie und er schluckt. »Wenn du meinst«, murmelt er und ich ahne, dass er jetzt ausrechnet, was 69 netto durch zwei plus 19 % Mehrwertsteuer sind, damit er sich ausmalen kann, was ich heute Abend auf seine Kosten trinke. »Fast 40 Euro für jeden«, sagt er. »Mindestens«, sage ich.

Frau Reuter, Bier, Obstler und Inbusschlüssel

Und dann sitzen wir vor der Garage und haben ein Bier und einen Obstler und ein Bohrermagazin mit 170 Bohrern. Für knapp 82 Euro. Das sind, wenn man es schönrechnet, zwei Euro pro Bohrer. Aber alle gut sortiert im Blechkasten. Alle Größen von 1 bis 10 mm in 0,5er-Schritten. Der Verkäufer hat geschworen, dass die was taugen, er hätte das Set jetzt auch zu Hause. Ich hab gleich mal die alten Bohrer mit den »krummen« Maßen für Kernlochbohrungen mit blauem Tape umwickelt und mit reingelegt und Hippie hat vor Freude fast geweint. Der Kasten hat einen sehr stabilen Fächereinsatz aus dickem, unzerbrechlichem Kunststoff und der Deckel sitzt so fest auf dem Einsatz, dass die Bohrer beim Transport nicht durcheinanderwirbeln können. Wer schon mal einen einzelnen HSS-Bohrer gekauft hat, weiß, dass das hier ein Schnäppchen ist. Außerhalb der »Maiwochen« kostet das Set 129 Euro, ist dann aber immer noch ein Schnäppchen. Finden wir, nachdem wir den Obstler getrunken haben.

Ikea hat den Inbusschlüssel gesellschaftsfähig gemacht, die Firma Wera treibt die Existenz der Inbusschlüssel auf die Spitze. Mit Kunststoffummantelung und Kugelkopf an einer Spitze ist er ganz klar Reuters Liebling

Ganz nebenbei hab ich noch einen tollen Inbusschlüssel gekauft. Die verschwinden nämlich auch immer auf ominöse Weise. Dieser hier ist von Wera, ist geschmiedet und hat einen langen, deutlich beschrifteten Kunststoffmantel. Das ist gerade für die älteren Jahrgänge mit Sehschwäche nicht unwichtig. Dieser Schlüssel hat rund sechs Euro gekostet, damit hab ich endlich meine Blinkerparade an der E-Glide anständig festziehen können. Da kommt man nämlich mit handelsüblichen Schlüsseln nicht ran. Hier bedarf es schon eines Kugelkopfes, und den hab ich jetzt ja. Der beste Inbusschlüssel, den ich je gekauft habe – keine Übertreibung! Die Dinger gibt es auch als Set, ich hab sie im Internet zu Preisen zwischen 26 und 40 Euro gefunden. Da kann man also noch jede Menge Geld sparen. 

Das, was keiner braucht

Zum Schluss, bevor wir uns bei Burkhard die Birne abschrauben, noch ein kleines Kuriosum: Den Mutternhalter von Gedore. Hab ich gerade beim Aufräumen gefunden, aber nie benutzt. Der Gedore NutHolder wird an einen Maulschlüssel geklemmt und hält dann mittels Magnet die Mutter fest, was an engen Stellen ganz praktisch sein soll. Mit VA-Muttern geht das natürlich nicht, die sind kaum magnetisch. Das Ding kostet im Netz zwischen fünf und zehn Euro. Vielleicht kommt der Tag, an dem ich es brauchen kann, aber ich fürchte, eher nicht. Bei aller Liebe zu Gedore halte ich dieses Produkt für Mumpitz. Ich hab’s nämlich vorhin mal ausprobiert und mir ist drei Mal die 17er-Mutter aus dem Schlüssel gefallen. Fürs gleiche Geld kann man drei Obstler trinken.

Gedore ist eine ganz tolle Firma, die ganz tolles Werkzeug macht. Aber wie jeder gute Hersteller hat auch dieser eine Leiche im Keller: Für unseren Supertester ist das der »NutHolder« – ein Schelm, wer bei diesem Produktnamen an Ferkeleien denkt

So, wir suchen nun einen schönen Platz für unseren neuen Bohrerkasten und dann spazieren wir brav zu Burkard rüber. Der soll sich mal warm anziehen. Hippie ist in Geberlaune, sehr gut!

Frau Reuter

Bleibt gesund und achtet auf die kleinen Eichhörnchen, die kennen sich im Straßenverkehr noch nicht so aus
Euer Martin

 

Frau Reuter
Frau Reuter bei CUSTOMBIKE

Martin Reuter ist unter seinem Pseudonym »Frau Reuter« inzwischen zweitdienstältester Mitarbeiter der CUSTOMBIKE. Der freischaffende Künstler rezensiert mit spitzer Feder und scharfem Wort Produkte, die seiner Meinung nach etwas Aufmerksamkeit bedürfen. Im wahren Leben ist er als Illustrator, Fotograf und Textautor tätig und spielt ganz nebenbei Bass und Orgel in der zweitschlechtesten Band der Welt. Kulinarisch betrachtet kocht er scharf und trinkt schnell. Als echtes Nordlicht badet er selbstverständlich nur in Salzwasser. Seine Vorlieben sind V8-Motoren und Frauen, die Privatfernsehen verschmähen. Stilecht bewegt er eine 76er Harley, restauriert eine Yamaha SR 500 und bewegt sich politisch korrekt die meiste Zeit mit dem Fahrrad fort.