Custom Paint – Traditionelle Lackierungen im Detail

Flames, Pinstriping, Freak Dots und Lace Paint sind seit zig Jahren bekannt. Wir geben den Überblick über die Möglichkeiten beim Custom Paint

Wo immer es heute Customizing an Fahrzeugen gibt, haben sich auch geschickte Lackierer der Lackveredelung angenommen. Sie greifen teilweise Jahrtausende alte Techniken auf. Mit Pinseln alltäglichen Gegenstände dekorative Streifen und Ornamente aufzumalen, ist nämlich nichts Neues: Forscher fanden Spuren von Zierlinien auf frühesten Transportmitteln wie Karren, Wägen oder Kutschen.

Frühe Streifen

Mit dem Industriezeitalter kamen Fahrräder, Dampfmaschinen, frühe Elektromobile, Automobile und natürlich auch Motorräder hinzu. Alles bekam zur Akzentuierung bestimmter Bauteile Streifen verpasst. Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts war diese Form von Nadelstreifen-Dekoration als Bestandteil fast jeder Lackierung an Fahrzeugen zu sehen.

Kenneth Howard, besser unter dem Pseudonym »Von Dutch« bekannt, erhob die Pinstripes zur Kunstform. In der Weiterentwicklung der Flames setzte er die Nadel­streifen in diversen Varianten ein

An Motorrädern hielt sich der Trend zum Teil bis heute. Noch in den 50er-Jahren war kaum ein Motorradtank, Schutzblech oder Werkzeugbehälter ohne Zierstreifen, die sich allerdings fast immer den Bauteil-Kontouren anpassten.
Was sich in der britischen Welt »Coach Lining« nennt, kennen wir amerikanisiert als »Pinstriping«.

Pinstriping

Spezielle Pinsel, die sogenannten Schwertschlepper, speichern mit ihren extralangen Haaren mehr Farbe als ein gewöhnlicher Pinsel. Diese geben sie während des Streifenmalens der Schwerkraft folgend an die Pinselspitze ab. Gute Pinstriper ziehen lange Linien und Ornamente, ohne abzusetzen, die verhältnismäßig viel Farbe im Pinsel macht die langen Linien möglich.

Striping war aus Von Dutchs Leben nicht wegzudenken. Selbst Werkzeugkästen und -Maschinen verzierte er mit Streifen … und er beschriftete sie von Hand in Deutsch

Die Technik braucht, neben der künstlerischen Vorstellungskraft, eine ruhige Hand. Nicht selten auch die zweite Hand, die die pinselführende Hand als Ruhekissen und Abstandshalter fungierend unterstützt. Je nach Pinselführung und Druck variieren die dabei erzeugten Strichstärken. Dave Bell, hierzulande eher als Cartoonist und Erfinder von Comicfiguren wie Jock E. Shift, Henry Hirise oder Orphelia Goodbody bekannt, arbeitete auch als Lackierer.

Pinstripes

Seine Spezialität waren Pinstripes mit im Verlauf wechselnden Farben. Das bedeutete ein ständiges Vermischen der ursprünglichen Pinstripefarbe mit weiteren Farben, dazu ein immer wiederkehrendes Ansetzen des Pinsel mit der neugemischten Farbvariante auf dem bisherigen Ende des Pinstripes. So erzielte Dave die gewünschten Farbverläufe.

VON DUTCH ALS VORREITER

»Big Daddy« Roth, Herb Martinez, Pete Finland, »Yosemite Sam« Radoff, George Barris oder eben Dave Bell streuten eine Saat, die weltweit aufging und ihnen ein Denkmal setzte, ihr König ist aber ein anderer. In der Historie heutiger Kustom Kulture wird dem Kalifornier Kenneth Howard alias »Von Dutch« sowohl die Wiedereinführung der Pinstripes, als auch die Entwicklung der Flammenlackierungen zugeschrieben.

Was in USA unter Volkskunst als Lowbrow Art gehandelt wird, nennt sich in Deutschland schlicht Linierung: Künstler wie Von Maze, Chiko, Tom Plate, Franky von Signs & Soul, Art of Colors-Mario oder Dieter von Big Chief halten hier die Pinsel hoch

In Tim Phelps Buch »Up in Flames« wird erklärt, wie Howard die Flammen zur Kunstform erhob. Ed »Big Daddy« Roth behauptete sogar, alle anderen hätten Von Dutchs Arbeiten kopiert. Von Dutch war so sicherlich nicht der Einzige, aber im Umfeld der kalifornischen Kustom Kulture wurde er zum berühmtesten Vertreter.

Fast verschwand die Kunstform

Er, der Sohn eines Schildermalers, erhob die Fertigkeit dieses Berufs zur automotiven Kunst. Doch in den 1980er- und 1990er-Jahren, in denen es schien, dass nur der Funktionalität untergeordnete Grafiken und korrekt abgeklebte Kanten eine Daseinsberechtigung hätten, verschwand die Kunstform fast gänzlich.

Pinstripe-Flames

Nur in örtlich gelebten Trends gab es zunächst ein Überleben. Erst das neue Aufflammen des Oldschools für Fahrzeuge Anfang der 2000er-Jahre erlöste das Pinstriping aus diesem Nischendasein. Heute ist es nicht mehr wegzudenken.

PINSTRIPE-FLAMES

Erste Flammenlackierungen mit Pinstripe-Akzentuierung sind an US-Kampfflugzeugen im ersten Weltkrieg dokumentiert. Sie fanden Nachahmung an Hot-Rods, Bob-Jobs und schließlich auch an Choppern und Baggern. Flames züngelten in Folge über Auto- und Motorradblech, flammten auf Seitendeckeln, in Handschuhfächern und an Armaturenbrettern.

Bevorzugte Pinstripe-Farbe kommt von »One Shot«

Dabei gelingt es unwissenden Lackierern bis heute, die physikalischen Eigenschaften von Flammen völlig außer Acht zu lassen. So lassen sie sie auch mal gegen die Fahrtrichtung flackern, wo sie doch eigentlich – vom imaginären Wind getrieben, annähernd horizontal – zum hinteren Bauteilabriss beziehungsweise Fahrzeugende züngeln müssten. So übrigens auch bei den Scallops, einer gerade gezackten, von der geschlängelten, klauenähnlich ausbrüchigen Flammen-Ursprungsform abweichenden Art.

FLAMMEN ALS LINIENGEBER

Horizontal ausgeführte Flammen können dabei auch linienglättend wirken. Sie machen ein Bike »gerade«, es wirkt länger, flacher und harmonischer – auch wenn die Linien der eigentlichen Komponenten in einer Konstruktion nicht optimal harmonieren. Dabei ist Farbe in der Lage, den Blick zu fokussieren und die Dominanz der Linienführung zu übernehmen.

Flammen als Liniengeber

In den Jahren seit Von Dutchs Inspiration entstanden Abweichungen wie Real Flames, bei denen meist mit der Airbrush-Pistole realistisch aussehende Flammen samt Rauch erzeugt werden. Das ging bis zu Pinstripe-Flammen-Outlines, die selbst aus gepinselten Miniatur-Flammen bestehen. Traditionelle Flammenlackierungen nehmen an der Vorder- und Unterseite des Motorradtanks häufig die Farbe des Rahmens auf und verlaufen danach gerne von Weis, Gelb bis Rot in die Flammenspitzen.

Keine Unterart der Custom-Lacktechniken fasziniert so sehr wie das Lace Painting, trickreich durch Klöppelspitze oder Gardinenstoff erzeugt

Der Amerikaner Herb »The Line Doctor« Martinez macht diese Farbverlauf-Akzentuierung der Flammen(-füllung) auch gerne mal mit einem Schwamm, der in wechselnden Metallic-Farben getunkt und auf die zu lackierende Oberfläche getupft die Flammen farblich betont. Mit dickem, voluminösem aber kurzhaarigem Pinsel oder einer zerknüllten Plastikfolie lässt sich die Arbeit in ähnlicher Art erledigen.

LACE PAINT

Über die Historie der Lace-Paint-Technik ist recht wenig bekannt. Schon in frühen Chopper-Magazinen finden sich beim Durchblättern erste Tanks mit feinmaschigem Muster im Lack, die sehr an Spitzenunterwäsche oder Gardinen erinnern. John Gilbert, Autor, Fotograf und Freizeitlackierer, schrieb einst im Internet, sein Freund hätte sich 1968 seine nagelneue Sportster XLCH Sportster bei Dean Lanza lackieren lassen – bei dem Mann, der kurz zuvor auch die beiden Easy-Rider-Filmchopper lackiert hatte.

Der Tank der Sporty war mittels Vorhangstoff ornamentiert. Und zwar in den gleichen Pearl-Gelb- und -Rottönen wie an dem Bike, das Dennis Hopper in Easy Rider fuhr. Farbe, die höchstwahrscheinlich aus denselben Farbdosen stammte. Grundsätzlich wirken die Fäden von Spitzengardinen dabei wie abgeklebte Stellen, die nach dem Entfernen der Spitze frei von Farbe erscheinen, während durch das feine Gewebe gedrungene Farbe ein faszinierendes Muster hinterlässt.

Anstatt am Plotter aufwändig entworfene florale Muster auf Abklebefolie zu übertragen, auszuschneiden, aufzukleben und vor dem Lackauftrag penibelst die unbenötigten Folienstücke zu entfernen, einfach eine Gardine auflegen. Eine akkurate Auswahl der zu verwendenden Spitze mag dabei durchaus lohnend sein

Üblicherweise dürfen Omas ausgediente Nachttisch-Deckchen oder Tischdecken aus Klöppelspitze sowie alte Gardinen diesem Zweck dienen. Auch Transportnetze für Nüsse oder Mandarinen aus dem Supermarkt sind denkbar und zudem günstiges Ausgangsmaterial. Wer das Ausgefallene sucht, findet spezielle Gardinenstoffe im Deko Store – vor Halloween sogar mit Spinnweben und Spinnen oder gar Fledermäusen.

MIT GERINGEM AUFWAND OPTIMALE ERGEBNISSE

Die Unterseite leicht mit etwas Klarlack besprüht, lässt sich die Spitze auf der freien zu lackierenden Fläche fixieren, quasi aufkleben und dann übersprühen. Doch es geht auch ohne Klarlack, wenn das Lace (die Vorhangspitze) entsprechend sicher aufliegt oder mit Klebestreifen stramm fixiert ist. Wichtig ist dann, nicht flach gegen das Lace zu sprühen, damit der Luftdruck nichts hochbewegt und ein verzerrtes, schattiertes Muster erzeugt.

Was auf den ersten Blick wie ein Missgeschick bei der Handhabung der Airbrush-Pistole aussieht, braucht tatsächlich Übung am Gerät

Nach der Trocknung des Farbnebels wird das Gewebe abgenommen und das erzeugte Muster in Klarlack konserviert. Dabei können diverse aufgenebelte Farben völlig andere Effekte erzielen als ein einfarbiger Auftrag. Im umgekehrten Fall ist auch schon die verschiedenfarbige Gestaltung des Untergrunds machbar.

FREAK DROPS

In »The Art of Custom Painting«, einer Custom-Paint-Anleitung aus den 70er-Jahren, wurden einige Kreationen des exzentrischen Customizers Ron Finch gezeigt. Ron nannte sie Freakazoids und betrachtete sie lange als Bestandteil einer echten »finch’schen« Lackierung. Andy Anderson – US-Lackierer par excellence – kennt sie unter »Blow Dots« schon seit den 1960er Jahren: Von »Paint by Molly« in La Habra, LA. Rolen Sanders, alias Molly, war einer der ersten Lackierer, die diese Technik verwendeten.

Pressluft aus der Airbrush-Pistole drückt stark verdünnte Farbe wie Tentakel auseinander und verdrängt im Zentrum die Farbe

Er führte damals alle Lackierarbeiten an Tom McMullens Bikes durch, danach auch für dessen Firma AEE Choppers. Molly – eine Lichtgestalt unter den kalifornischen Lackierern – war der Mann, der das Grün bei den Kawasaki-Rennern einführte und bei Yamaha das schwarze Streifenmotiv auf gelbem Grund, die so genannten Speed Blocks. Für Toyota entwarf er das L-Logo ihrer Premium-Automarke Lexus.

URSPRÜNGLICH VERUNGLÜCKTE LACKIERVERSUCHE?

Tom Rad, mitverantwortlich für Start und Verbreitung des »Save the Choppers!«-Evangeliums und selbst jahrzehntelang Custompainter, meint, »Blow Dots – wie auch viele andere Lack-Spezialeffekte – sind ursprünglich eigentlich verunglückte Lackierversuche«. Jeder, der mit einer Single- oder Double-Action-Airbrush-Pistole herumspielt, wird gewiss auch mal unfreiwillig solche Ergebnisse produzieren. »Sie als Erfindung eines Einzelnen hinzustellen … vergesst es!«

Ineinander gesetzte Freak Drops dürften auch mehrfarbig geblasen gut aussehen

Der Trick ist, stark verdünnte Farbe mit der Airbrushpistole in Klecksen aufzutragen, dann ohne Pause die Farbe zurückzunehmen und nur mit Luft auf den farbigen Punkt (engl. Dot) zu blasen. Die Pressluft drückt die Farbe in tentakelähnlichen Ausbrüchen auseinander und hinterlässt im Zentrum kaum Farbe.

Je dünner der Lack

Je dünner der Lack ist, desto besser verteilt sie sich, aber umso transparenter werden der Dot, die Ausbrüche und die äußeren punktförmigen Enden der Arme. Wie auch immer ihr sie nennt: Blow Dots, Freak Dots, Freak Drops oder Freakazoids, sie werden auch heute noch in dieser Art erzeugt.


Oldschool Paint – Step by Step

Der NSU-Chopper unseres Mitarbeiters Horst Heilers gehört zu den bekanntesten Choppern Deutschlands. Flammen auf dem Lack züngeln zu lassen war seinerzeit ein erster Schritt vorwärts in die Vergangenheit gewesen. Mario Schuhmacher von »Art of Colors« durfte in Folge den Lack nun auch noch mit Lace Paint und Freak Drops veredeln.

en zu bearbeitenden Benzin- und Öltanks hatte Mario bereits Jahre zuvor Flammenlackierungen verpasst. Zur erneuten Bearbeitung wird die alte Oberfläche gewaschen und mit 1000er Nassschleifpapier angeschliffen. Mit Spezialreiniger eliminiert Mario danach etwaige Silikon-, Politur-, Wachs- oder Fettspuren, die zur Kraterbildung in frisch aufgetragenem Lack führen könnten … etwas, das manchen Laien durchaus verzweifeln lässt.

Anregungen vom Profi

Bei größeren Flächen unterbindet dem Lack beigemischter Anti-Silikon-Zusatz solche Kraterbildungen und er verbessert auch den Lackverlauf beim Überlackieren alter, eventuell doch nicht komplett sauberer Farbschichten.
Marios Arbeit war eine beratende Ab­sprache vorangegangen. Horst hatte seine Wünsche geäußert, der Lackierprofi konnte Anregungen geben.

Abkleben: An der alten, bereits angeschliffenen und gereinigten Lackoberfläche werden die Außenlinien der Flammen mittels Konturenband nachgezogen

Die Einigung: Zusätzliche »Freak Drops« und angehauchte »Lace-Paint«-Stellen beifügen, diese jedoch relativ unauffällig zu halten, sie in Farbe und Gestalt nicht dominant werden zu lassen …
Bei der Montage an seine Lackierständer betont Mario die Wichtigkeit, dass Teile immer genau in der Position auf das Gestell aufzubauen sind wie sie später auch am Motorrad sitzen.

Glänzend und Intensiv

Das würde die Ausrichtung eines Flammenverlaufs genauso betreffen wie die Linienführung von Pinstripes, das Setzen von Schattierungen, bis hin zu Farbpigmenten, die je nach Lichteinfall ganz unter­schiedlichen Glanz und Intensität ent­wickeln. Wir dürfen Marios Arbeiten begleiten, verabschieden uns jedoch schon vor dem Auftrag der versiegelnden Klarlackschichten.

Auflegen: Über die Fläche wird ein durchsichtiger Gardinenstoff gelegt und gegebenenfalls mittels Klebeband fixiert, damit er auch an Rundungen oder senkrechten Flächen stramm anliegt

Seinen Abschiedsworten hängt er einen gut gemeinten Ratschlag an: »Nicht nur zur Auffrischung einer Lackschicht, sondern auch nach einer ausreichend getrockneten Neulackierung ist es ratsam, das Fahrzeug zu polieren und zu wachsen«. So lassen sich nicht nur Kratzer entfernen.

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Versiegelung mit Wachs

Die geglättete Oberfläche bereitet den Lack auch optimal für eine Wachs-Versiegelung vor. Der Profi arbeitet hierbei mit Polierpasten, Polierschaum, Lammfellschleifer, Polierschwamm und Hochglanzwachsen. Wir werden seinen Rat befolgen.

Clearcoat: Zwei Schichten Klarlack schützen zunächst die erfolgten Designarbeiten auf den Grundlackschichten. Ein Zwischenschliff mit 1000er Nassschleifpapier egalisiert die verschiedenen Lackebenen, die von Abklebe-Kanten und Pinstripes herrühren, bevor nochmals zwei Schichten Klarlack das Werk versiegeln. Zusätzlicher Oberflächen-Feinschliff und finale Politur definieren das Werk eines Profis

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Fotos: Heiler, Chiko, BIG CHIEF, Archiv
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