Wenn ein Bildhauer die Gestaltung eines Motorrads übernimmt, dann gelten völlig eigene Regeln. Dieser Cruiser ist anders radikal
»Mich muss an diesem Abend der Wahnsinn und nicht die Muse geküsst haben. Ich hatte ja nicht die leiseste Ahnung, wie viel Arbeit da auf mich zukommen würde«, erinnert sich Eckhardt an einen bierseligen Abend mit Olli, dem Besitzer einer Motorrad-Werkstatt in Eckernförde. Zuvor war Olli an den regional bekannten Maler und Bildhauer herangetreten, um von ihm Airbrush-Vorschläge für sein neuestes Custom-Projekt zu bekommen.
Blech statt Airbrush
»Statt Airbrush habe ich Olli vorgeschlagen, die Blechteile in Form eines Totenkopfs zu schmieden, erinnert sich der Künstler. Dabei habe ich den Mund ganz schön voll genommen«, zeigt Eckhard auf das mittlerweile fertiggestellte Kunstwerk auf Rädern. Zunächst baute der Galerie-Inhaber und zweifacher Bundeskunstwerkträger ein Holzmodel an, um die Dimensionen und Möglichkeiten auszutesten.

Da er schon häufiger Skulpturen aus Stahl geschmiedet, hatte – unter anderem eine Nixe am Eckernförder Strand – konnte er die Werkstatt samt Schmiede von seinem Freund Nils Wunderlich als Fertigungsstätte benutzen. Als Material für die geplanten Blechteile verwendete der Nicht-Motorradfahrer zwei Millimeter starken ST37-Stahl, den er mit schwefelarmer Buchenholzkohle kirschrot zum Glühen und mit verschiedenen Kugelhämmern von beiden Seiten in Form brachte. »An der Farbe des Metalls in der Glut kann man die Temperatur bestimmen. Das ist sehr wichtig, damit der Stahl seine Festigkeit und Elastizität beibehält.
200 Hammerschläge zum Unikat
Diesen Vorgang habe ich dann etwa 200 Mal wiederholt, bis sich der Schädel im Blech sichtbar abzeichnete«. Entsprechend seinem künstlerischen Anspruch hat Eckhard auf eine weitere Bearbeitung der Oberflächen bewusst verzichtet: »Es sollten alle Arbeitsspuren als Ausdrucksmittel erhalten bleiben, ohne Farbbeschichtung oder Glätten.« So entstand eine sehr lebendige Oberfläche.

Anschließend erhielt der Tank seinen Einfüllstutzen, die Benzinhähne und eine Entlüftung, bevor alle Teile galvanisch versilbert wurden. Als Abschluss erhielten die Anschraubkreationen ein Laugenbad aus Ochsengalle, damit die tiefer liegenden Stellen schwarz und die erhabenen Teile glänzend aussehen. Für die Technik des außergewöhnlichen Custombikes zeichnet Olli verantwortlich.
Radikaler Cruiser mit Leistung
Damit die rollende Skulptur auch anständig am Rad dreht, sorgt ein 130 PS starker S&S 124-Motor über ein Sechsgang Overdrive-Getriebe für Vortrieb. Im Hot Shot-Rahmen hängt eine Ilaflon-beschichtete Upside-down-Gabel. »Die Technik stammt aus dem Waffenbau.

Es ist das Nachfolgeverfahren vom Brünieren«, so der Schrauber. Supertrapp-Auspuffanlage, Braking-Wave-Bremsen oder eine elegante Vorverlegte machen das Bike zu einem absoluten Einzelstück. »Ich bin da ziemlich ins Detail gegangen«, zeigt Olli auf die unsichtbar angebrachten Reifenventile.
Ein langwieriges Projekt
Doch trotz intensiver Detailarbeit dauerte die aufwändige Bearbeitung der Blechteile einfach noch deutlich länger. Dazu Eckhard: »Allein das Treiben der Schüssel für den Tank hat zwei Monate gedauert. Wie gesagt, ich habe mich da ziemlich weit aus dem Fenster gehängt.«
















