Ein deutscher Customizer baut einen Russen mit chinesischen Vergasern zum amerikanischen Boardtracker um. Das kann ja was werden
Die deutschen Motorräder hat Martin schon alle durch: MZ, AWO, BMW als R in Boxer- und als K in Reihenvierer-Version. Mit denen war er schon auf Shows, und einige haben es auch in unser Magazin geschafft. Was bleibt da noch? Wie bekommt das Leben einen nächsten Sinn?
Der Sattel stammt von einer Vespa und ist natürlich modifiziert
Die Antwort war einfach für einen Mann, der aus dem Osten kommt, dort verwurzelt ist und der dort hauptberuflich Autos repariert und nur auf dringenden Wunsch, und nur wenn mal Zeit ist, ein Motorrad baut, um endlich wieder zu sich selbst zu finden. Martins nächstes Projekt würde ein Russe werden!
DIE ERSTEN DNEPRS UND URALS
Wir beten jetzt nicht die Storys runter, in die sich so viele Stammtischlegenden verstricken, wenn sie davon erzählen, die Russen hätten im Krieg erbeutete Wehrmachtsgespanne nachgebaut. Tatsache ist: Vor dem Krieg zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion arbeiteten die Länder militärisch eng zusammen.
Am Tankende war noch Platz für vier Ventiports, wie beim großen V8-Buick. Eine Ledermanschette schützt die Tachowelle vorm selbstverlegten Auspuff, der auch durch Leder gehalten wird
Beide Seiten profitierten davon: Die Deutschen probierten militärisches Gerät aus, das daheim unter den Bestimmungen der Versailler Vertrages verboten war. Und für die Sowjets fiel immer wieder technisches Know-how ab. Die ersten Dneprs und Urals mit ihren Telegabeln, Geradwegfederungen und seitengesteuerten Motoren glichen deshalb der BMW R 71, und die hatte BMW schon vor dem Krieg im Programm.
Russische Künste
Der Rest ist Geschichte, und die ist vor allem eine Geschichte der russischen Improvisationskunst, in der man mal was von hier und mal was von dort zusammenschraubte, je nachdem, was Plan- und Kriegswirtschaft einem gerade in die Hände fallen ließen.
Jetzt ohne Federung. Die starre Hinterradaufnahme ist Eigenbau
Für heutige Customizer kann das ein Vorteil sein, vor allem wenn’s um die Rahmen und um die Daten der Erstzulassung geht. Wenn wenig belegt ist, kann viel erlaubt sein. Und bei den mageren 26 Pferdchen eines seitengesteuerten Boxermotors fragt der Ingenieur von der Zulassungsstelle auch nicht lange, ob das hält.
Boardtracker im US-Stil
So viel also zur Rahmenkonstruktion dieses Russen, den Martin in einen Boardtracker im amerikanischen Stil verwandelte. Der buckelige Rahmenoberzug folgt stilistisch dieser Vorgabe. »Es sollte aussehen, als wäre der Tank in einen Fahrradrahmen eingehängt«, erklärt Martin. Der alte, tragende Rahmenoberzug befindet sich noch immer darunter.
Im Westen hätte man es mit einem Enten-Scheinwerfer probiert und festgestellt, dass der zu klobig ist. Ein Scheinwerfer von der Simson SR2 passt viel besser!
Merkwürdig, wie viel Platz sich dazwischen auftat. Unter dem Tank steckt nicht nur die Elektrik. Es war noch genug Luft, um ein paar Öffnungen für die sportliche Optik einzulassen. Sie gleichen nun den Ventiports eines amerikanischen Buicks, und damit sind wir schon wieder auf multikulturellem Terrain.
Bremse made in Russia
Die Doppelnockenbremse vorne ist übrigens tatsächlich ein russisches Produkt. Martin: »Die Russen gingen für ihre schwer beanspruchten Gespanne sehr schnell zum Einbau von Doppelnockenbremsen über.« Er hat das allerdings verbessert und das Gestänge mit Kugelkopfgelenken versehen.
Das Reparatur-Kit ist immer am Mann beziehungsweise Bike, schön gelöst durch zwei alte Leder-Satteltaschen
Das ist gut für die Nerven, denn das Synchronisieren der zwei Nocken ist selbst an serienmäßigen deutschen BMWs eine ziemliche Geduldsprobe. Und hier ist zu vermerken, dass BMW es seinen Schraubern einst unnötig schwer machte, weil die bayrischen Nocken nicht mit Gestänge, sondern per Bowdenzug bewegt wurden.
Wundertüte Ostkrad
Bemerkenswert auch die elektronische Zündung. Ja, die Lichtmaschine dieses Russen arbeitet zwar immer noch mit 6 Volt, die Zündung aber wird kontaktlos von einem Hallgeber gesteuert. Eine Lieferung aus dem Osten ist eben immer wie der Kauf einer Wundertüte. Martin hatte den Motor in der Ukraine bestellt, vor dem großen Krieg. Und dieses Zündsystem steckte tatsächlich schon drin.
Die Batterie fand auch ihren Platz und wird, wie kann es anders sein, ebenfalls von Lederriemen gehalten
Die Vergaser wiederum kommen aus China. Martins erster Versuch mit Mikunis schlug fehl. Die Technik aus dem ferneren Osten wollte nicht mit der aus dem näheren harmonieren. Sauber liefen schließlich die Vergaser der Chang-Jiang, die ja wiederum ein chinesischer Nachbau des russischen Nachbaus war. Es funktionierte also mit Vergasern aus dem ein bisschen weniger fernen, aber noch lange nicht nahen Osten. Wenn man da nicht zum Philosophen werden könnte …
Besser – und schöner
Unterm Strich wurde jedenfalls besser, was ein Besserwerden verdiente. So kann Customizing auch mal ausgehen. Normal machen wir die Dinge doch nur schöner, vor allem spektakulärer, aber selten besser. Die Ironie dabei: Man sieht nicht, dass was besser wurde. Martins Boardtracker bleibt ein Hingucker, der umgehend alle Blicke auf sich zog und völlig zu recht 986 Leserstimmen einheimste. Damit hat er sich den zweiten Platz in unserem CUSTOMBIKE-Wettbewerb redlich verdient.
Drei Fragen
CB: Martin, wir gehen davon aus, dass du es mit deinem »Zweiter-Platz-Bike« richtig krachen lässt.
Martin: Von wegen. So ein seitengesteuerter Boxer ist erschreckend leise. Das liegt an der niedrigen Verdichtung, hat also technische Gründe.
Dann klär uns doch ein für alle Mal über die Verlässlichkeit russischer Technik auf.
Russische Qualität? Ich will denen nicht absprechen, dass die auch Fachleute haben. Aber die setzen andere Maßstäbe an. Meinen Motor habe ich als „generalüberholt“ gekauft. Er hatte drei neue Ventile und ein altes. Warum waren nicht gleich alle Ventile neu? Ich hatte auch keinen Ladestrom. Die Lichtmaschine habe ich runtergebaut, und da ist die in alle Teile zerfallen. Zuverlässigkeit? Das geht in alle Extreme. Wirklich zuverlässig ist anders.
Russen also nicht. Welcher ist dann dein liebster Boxer?
Der von der R 100 R mit 60 PS aus den 90er-Jahren, aus dem Modell mit der Paralever-Schwinge. Das ist ein wirklich ausgeglichener Motor!
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Martin hat einen Autoservice in Nöda bei Erfurt. Nebenher baut er Motorräder
Der Sattel stammt von einer Vespa und ist natürlich modifiziertAm Tankende war noch Platz für vier Ventiports, wie beim großen V8-Buick. Eine Ledermanschette schützt die Tachowelle vorm selbstverlegten Auspuff, der auch durch Leder gehalten wirdJetzt ohne Federung. Die starre Hinterradaufnahme ist EigenbauIm Westen hätte man es mit einem Enten-Scheinwerfer probiert und festgestellt, dass der zu klobig ist. Ein Scheinwerfer von der Simson SR2 passt viel besser!Die Duplexbremse ist russischer Herkunft, mit neuen Kugelgelenken arbeitet sie jetzt präziseDie Batterie fand auch ihren Platz und wird, wie kann es anders sein, ebenfalls von Lederriemen gehaltenDas Reparatur-Kit ist immer am Mann beziehungsweise Bike, schön gelöst durch zwei alte Leder-SatteltaschenMartin hat einen Autoservice in Nöda bei Erfurt. Nebenher baut er MotorräderDer selbst konstruierte 2-in-1-Auspuff und die alten PZ28-Vergaser einer Chang Jiang sorgen für gesunden StoffwechselDer dominante Rahmenoberzug hat eine rein ästhetische Funktion, darunter liegt noch der echte alte Oberzug verborgenEin Boardtracker im amerikanischen Stil: Der buckelige Rahmenoberzug folgt stilistisch dieser Vorgabe
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